Steve Jobs' Apple-Tablet Messias an der Tafel
Apple: Vom Apple I bis zum iPhone 3G
Wohl noch nie ist vorab so viel über ein Produkt geschrieben und spekuliert worden, von dem fast niemand wirklich weiß, ob es überhaupt existiert.
Inzwischen muss man sagen: Eine Überraschung wäre es nur noch, wenn Steve Jobs an diesem Mittwochabend irgendwann zwischen 19.00 und 20.30 unserer Zeit keinen ultraflachen, nur aus Bildschirm bestehenden Computer hochhalten würde (Liveticker auf SPIEGEL ONLINE ab 19.00 Uhr). Das Apple-Tablet - ob es nun iPad, iSlate oder sonstwie heißen wird - muss einfach kommen. Das finden inzwischen nicht mehr nur die Apple-Jünger überall in der Welt. Auch die Hoffnungen ganzer Branchen ruhen auf der Tafel, die Jobs da wohl präsentieren wird.
Die Veranstaltung an diesem Mittwoch ist die erste ihrer Art, denn sie kommt ohne jegliche flankierende Messeveranstaltung aus, scheint stark auf nur ein einziges Gerät ausgerichtet. Apple kündigt an, ein neues Produkt zu präsentieren, das auf der Einladung nur als "unsere neueste Kreation" bezeichnet wird. Gerüchte, es handele sich bei diesem Produkt um einen Tablet-Mac, verdichten sich seit Monaten. US-Zeitungen wie das "Wall Street Journal " oder die "New York Times" berichteten, Apple habe Verhandlungen mit verschiedenen US-Großverlagen über den digitalen Vertrieb von Zeitungen, Zeitschriften und Büchern aufgenommen. Erste Berichte über Gespräche mit der Musikbranche zu neuen Präsentationsformen für Alben gab es schon im vergangenen Jahr. Und dass das Apple-Tablet auch spieletauglich sein wird, gilt als ausgemacht - schließlich entwickelt sich schon das iPhone durch herunterladbare Mini-Games zu einer Art alternativer Spielkonsole. Außerdem soll Apple Gespräche mit Mobilfunkanbietern geführt haben.
"Einfach großartig"
Terry McGraw, CEO des US-Fachverlages McGraw-Hill, bestätigte die Existenz des Apple-Tablet am Dienstag in einem Interview mit dem Fernsehsender CNBC. Apple werde das Gerät am Mittwoch vorstellen, und man habe dabei schon einige Zeit mit Apple zusammengearbeitet, sagte der Verlagschef. Das Gerät basiere auf dem iPhone-Betriebssystem. McGraw sieht für das Apple-Tablet vor allem Anwendungen im Bildungsbereich und bei professionellen Nutzern - und ist begeistert: "Das Tablet wird einfach großartig", sagte er.
Führt Apple das erfolgreiche Konzept des iPhone fort, dann wird der iTunes-Store für das Tablet einfach um einen Online-Bücherladen erweitert. In ihm könnte man dann neben Musik, Filmen und Spielen auch Literatur, Zeitungen und Zeitschriften kaufen - unterwegs, via W-Lan oder UMTS. Angelehnt an die Abos für Fernsehserien ("Season Pass") könnte es dort auch Abonnements geben.
Für die Verlagsbranche, die mit schwindenden Umsätzen zu kämpfen hat, könnte ein attraktives und erfolgreiches Online-Vertriebsmodell endlich das ersehnte Standbein im Internet werden. Für die seit Jahren unter sinkenden Verkaufszahlen leidende Musikbranche ist das Modell iTunes längst zum wichtigen Umsatzträger geworden. Gut ein Viertel aller Musikverkäufe werden mittlerweile online getätigt, das Gros läuft über Apples Shop.
Einem Bericht der "New York Times" vom Dienstag zufolge "glaubt Jobs an die alten Medien und will, dass es ihnen gut geht". Eine namentlich nicht genannte Person, die das Tablet bereits gesehen haben will, wird von der Zeitung mit den Worten zitiert: "Er (Jobs) glaubt, dass Demokratie eine freie Presse braucht, die professionell arbeiten kann." Wird Messias Jobs nun also auch zum Retter der Vierten Gewalt - mit einem Stückchen Hardware?
Wie viele müssen sich verkaufen, dass ein nennenswerter Markt entsteht?
Einige Verlage, die mit Apples Konzept vertraut sein sollen, bereiten sich offenbar auf die Einführung des neuen Onlineshops vor. Die "New York Times" zum Beispiel hat nach eigenen Angaben eine neue Abteilung geschaffen, die Anwendungen für E-Reader entwickeln soll. Diese soll nicht nur auf das Apple-Tablet fixiert sein, sondern auch andere Geräte unterstützen.
Mit dem Konzept, digitale Bücher übers Mobilnetz zum Download-Kauf anzubieten, hat Amazon schon Erfolg. Dessen E-Book-Reader Kindle ist vermutlich der Weltmarktführer. Am ersten Weihnachtstag 2009 hat Amazon nach eigenen Angaben in den USA erstmals mehr E-Books als gedruckte Bücher verkauft.
Nicht nur Amazons Gerät, sondern allen aktuellen E-Book-Readern gegenüber soll Apples Tablet einige Vorzüge aufweisen. So soll es:
- über einen Farbbildschirm verfügen,
- mehr Bildschirmfläche als die meisten E-Reader bieten,
- Programme nutzen können, die für das iPhone und den iPod touch geschrieben wurden,
- E-Mail- und Internetanwendungen bereitstellen und
- spieletauglich sein.
Wie beim iPhone könnte auch beim Tablet der hohe Preis eine Verbreitung im Massenmarkt verhindern, zumindest vorerst. Analysten erwarten, dass Apple etwa 1000 Dollar für das Gerät verlangen wird. Auch deshalb ist es für den Computerkonzern wichtig, dass das Tablet inklusive Vertrag über Mobilfunkanbieter vertrieben wird - dann aber zu vergünstigten Preisen.
Der zu erwartende hohe Preis sollte auch all den hoffnungsvollen Verlags-, Musik- und Game-Managern zu denken geben. Selbst wenn das Apple-Tablet ein Erfolg werden sollte - es wird Jahre dauern, bis die verkauften Stückzahlen auch einen nennenswerten neuen Absatzmarkt schaffen.
Das iPhone gibt es seit Mitte 2007. Bis heute wurden etwa 43 Millionen Stück verkauft. Das ist eine durchaus stattliche Zahl für einen Neueinsteiger im Handymarkt. Als globaler Absatzmarkt für Medienerzeugnisse aber reicht es bei weitem nicht aus, um die Einbußen der Verlags- und Musikbranche auszugleichen.
Und ein Mobiltelefon braucht heute jeder, fast überall auf der Welt. Den Markt für Tablet-Rechner muss Apple von Grund auf neu schaffen.