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17. November 2010, 13:30 Uhr

Streit um Körperscanner

Hundert nackte Amerikaner im Netz

In den USA tobt eine heftige Debatte über Flughafensicherheit. Bilder, die mit Körperscannern bei Sicherheitskontrollen angefertigt werden, sollen eigentlich sofort gelöscht werden - nun sind Tausende trotzdem gespeicherte Nacktbilder aufgetaucht. 100 davon stellte ein Tech-Blog ins Netz.

Die für Sicherheit im Luftverkehr zuständige US-Behörde TSA (Transportation Security Administration) verbürgt sich für die Datensicherheit ihrer Körperscanner. Bilder, welche von den Scannern an US-Flughäfen von Passagieren während der Sicherheitskontrollen aufgenommen werden, "werden automatisch vom System gelöscht, sobald sie von einem Sicherheitsbeamten freigegeben werden", so das TSA-Reglement. Der US-Tech-Blog Gizmodo hat nun aber herausgefunden, dass diese Regel wohl nicht überall praktiziert wird. Ausgerechnet die Sicherheitsbeamten eines Gerichtsgebäudes haben Tausende solcher Bilder archiviert.

Die für den Betrieb der Sicherheitsschleusen zuständigen U.S. Marshals hatten ihren Fauxpas bereits im August eingestanden. Insgesamt seien rund 35.000 Scannerbilder eines Nacktscanners an einem Gericht in Orlando in Florida gespeichert worden, hieß es in einer Erklärung. Warum, ist nach wie vor unklar - es könnte an einer Fehlbedienung oder aber an falschen Voreinstellungen des entsprechenden Scanners liegen. Dass diese Bilder nun auch öffentlich werden, war jedenfalls nicht vorgesehen. Laut dem Tech-Blog Gizmodo sind die Fotos über eine Anfrage nach dem Freedom of Information Act (FOIA) publik geworden. Der FOIA gesteht US-Bürgern das Recht zu, alle von öffentlichen Einrichtungen gesammelten Daten einzusehen.

Landesweite Debatte, aber große Zustimmung für die Scanner

Die Körperscanner und die Alternative - eine sehr gründliche Untersuchung per Abtastung - sind in den USA derzeit Gegenstand einer hitzigen öffentlichen Debatte. Ein Blogger dokumentierte einen Zusammenstoß mit der Flughafensicherheit mit seiner Handykamera und berichtete, man habe ihm eine Strafe in Höhe von 10.000 Dollar angedroht, wenn er sich nicht bis hinauf zum Schritt abtasten lasse. Unter dem Blog-Eintrag stehen mittlerweile mehr als 4800 Kommentare. Ein anderer Blogger ruft für den 24. November zum "National Opt-out Day" auf - möglichst viele Reisende sollen an diesem Tag gegen die Scanner-Untersuchung votieren. Am diesem Tag vor Thanksgiving, dem amerikanischen Erntedankfest, reist ein großer Teil der Nation durchs Land, um Verwandte zu besuchen.

US-Pilotenvereinigungen raten ihren Mitgliedern, sich der Scanner-Untersuchung zu verweigern und führen die Strahlenbelastung als Grund an. Komiker Stephen Colbert widmete dem Thema am Montagabend fast die Hälfte seiner Sendung und konfrontierte so erneut ein Millionenpublikum mit den neuen TSA-Sitten. Doch einer Umfrage des US-Senders CBS zufolge sind trotz alledem 81 Prozent der Amerikaner für den Einsatz der Körperscanner. Was auch daran liegen könnte, wie der Statistik-Guru der "New York Times", Nate Silver, anmerkt, dass viele US-Amerikaner vergleichsweise selten fliegen und noch fast niemand Bekanntschaft mit den Scannern und ihren Macken gemacht hat.

Die Gizmodo-Redaktion versuchte nun, das Problem auf möglichst plakative Weise zu illustrieren. Die Blogger wählten 100 der fälschlicherweise gespeicherten Bilder aus, machten die Gesichter der darauf zu sehenden Personen unkenntlich und stellten aus der Fotosammlung ein kurzes Video zusammen. Man sei sich im Klaren darüber, dass die Veröffentlichung kontrovers diskutiert werden würde, erklärte die Gizmodo-Redaktion, wies aber darauf hin, dass es sich bei dem verwendeten Scanner um ein Modell handele, dessen Technik nur schlecht aufgelöste, detailarme Bilder produziert. Gizmodo hatte zuletzt weltweit auf sich aufmerksam gemacht, als der Betreiber des Blogs für 5000 Dollar einen Prototyp des damals noch geheimen iPhone 4 gekauft und Bilder davon veröffentlicht hatte.

Bilder nur zu Ausbildungszwecken gespeichert

Die nun publizierten Bilder könnten zeigen, welche Sicherheitsrisiken die Körperscanner für den Datenschutz darstellen, so Gizmodo. Die TSA behauptet, dass ihre Scanner gar nicht in der Lage seien, "Bilder zu archivieren, zu speichern, zu drucken oder an andere Geräte zu übertragen". Doch Marc Rotenberg, Chef der Interessengruppe EPIC (Electronic Privacy Information Center) hatte schon im August erklärt, Körperscanner würden so "entwickelt und installiert, dass sie Bilder routinemäßig speichern und archivieren können".

Grundsätzlich hat er damit recht, was auch die TSA bestätigt. Im Februar erklärte die dem US-Heimatschutzministerium untergeordnete Behörde (PDF) auf Anfrage des US-Repräsentantenhauses, auch die an Flughäfen eingesetzten Scanner verfügten grundsätzlich über die Fähigkeit zu Datenspeicherung. Die werde vom Hersteller allerdings vor der Auslieferung deaktiviert und könne von den Anwendern, also den Sicherheitsbeamten, auch nicht wieder aktiviert werden. Die Speichermöglichkeiten würden nur zu Ausbildungs- und Trainingszwecken verwendet, heißt es weiter. So würden im Speicher der Geräte Beispielbilder abgelegt.

Da stellt sich die Frage, weshalb alle Körperscanner mit einer Speichermöglichkeit hergestellt werden, wenn diese doch nur in wenigen Geräten zur Ausbildung benötigt wird. Kostensenkend ist diese Maßnahme sicher nicht.

Ob und welche Auswirkungen die Veröffentlichung von Gizmodo haben wird, ist unklar. Als sicher kann jedoch gelten, dass die ohnehin schon gegen die Körperscanner aufgebrachten amerikanischen Datenschutzgruppen durch den Bericht noch mehr Unterstützer für die Protestaktion am 24. November bekommen werden.

mak/cis

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