Tablet-PC Hewlett Packard schlägt Microsoft das Fenster zu

Microsoft hat seine Pläne für einen eigenen Tablet-PC beerdigt und wird damit vom wichtigsten Technik-Hype des Jahres abgehängt. Und es kommt noch schlimmer für den Software-Riesen: Hewlett Packard verzichtet bei seinem Tablet-Computer auf Windows.
Daraus wird nichts: HP denkt um und verzichtet beim Slate auf Windows 7

Daraus wird nichts: HP denkt um und verzichtet beim Slate auf Windows 7

Seattle - Der US-Software-Riese Microsoft hat seine Pläne für einen eigenen Tablet-Computer auf Windows-7-Basis aufgegeben. Das bisher offiziell nie bestätigte Entwicklungsprojekt "Courier" werde vorerst nicht weitergetrieben, der Kleincomputer nicht auf den Markt gebracht, zumindest nicht in seiner gegenwärtigen Form, teilte der Konzern mit. Sofort schlossen zahlreiche Medien daraus, dieser Rückzug sei dem Erfolg von Apples iPad geschuldet.

Ein Schluss, der zu weit geht, denn für Microsofts Tablet-Pläne ist Apples Erfolg eigentlich eine positive Nachricht. Microsoft hatte seit 2002 weitgehend erfolglos versucht, eine solche Geräteklasse auf dem Markt zu etablieren. Kurz vor der Veröffentlichung von Apples iPad brachte Microsoft das Thema Tablet-PC zum wiederholten Mal auf die Agenda - offensichtlich in der Hoffnung, Apples mediales Kielwasser nutzen zu können, um Bill Gates' altes Steckenpferd-Thema doch noch zum Erfolg zu machen. Zusammen mit Hewlett Packard (HP) hob Microsoft mit großem Tantam das Projekt "Slate" aus der Taufe. Windows-7-basierte Kleinrechner sollten die IT-Nachrichten des Jahres beherrschen.

Denn für Microsoft ist das Thema Tablet PC in erster Linie ein Software-Thema: Microsoft ist trotz einiger weniger physischer Produkte (Peripheriegeräte, Xbox 360 etc.) nach wie vor kein Hardware-Verkäufer: Sein Geschäftsmodell beruht darauf, mit Software am Verkaufserfolg der Hardware anderer Firmen mitzuverdienen. Slate - die Namensgebung war möglicherweise eine Vorweg-Verteidigung gegen Apples Tablet, das angeblich iSlate heißen sollte, am Ende aber iPad hieß - ist eine Software-Plattform, die auf einem für Tablet-PC optimierten Windows 7 beruht.

HPs Rückzug: Abwertung eines Konzepts

Wenn alles so läuft, wie Microsoft sich das gedacht hat, wird die Software sich auf zahlreichen Produkten finden - sie stirbt nicht mit Microsofts eigenem Projekt "Courier". Microsoft arbeite ständig an neuen Ideen, schrieb Microsoft-Kommunikationschef Frank Shaw in seinem Blog auf der Website des Unternehmens. Der "Courier" sei ein Beispiel dafür. "Wir prüfen, wie die Technologie in künftigen Microsoft-Angeboten genutzt werden kann." Gut möglich also, dass mit dem Courier ein Stück Vapourware stirbt - ein Gerät, das über das Gerüchtestadium nie herauskam.

Viel weiter war da Partner Hewlett Packard, dessen Slate in frühen Demonstrationen zeigte, dass es Dinge konnte, die Apples iPad nicht zu bieten hat. Dass sich nun HP von der Slate-Plattform verabschiedet, ist die eigentliche Nachricht des Tages: Es ist ein Tiefschlag für Microsoft, weil das HP Slate im Highend-Bereich in direkte Konkurrenz zum iPad treten sollte.

HP aber war mit dem Slate nicht zufrieden: Wie auch einige Prototypen-Tests auswiesen, entpuppte sich die Intel-basierte, auf einem typischen Atom-Netbook-Chip beruhende Architektur des Tablet als nicht leistungsstark genug, um aus der Slate-Plattform wirklich die versprochene Leistung herauszuholen. Seit wenigen Tagen hat HP nun eine technische Alternative: Palm, seine Mobilfunktechnik und sein modernes, schlankes Betriebssystem.

Hier Klasse, dort Masse

Folgerichtig riss HP die Reißleine, konzipiert sein Slate-Konzept nun auf eine leistungsstarke, aber stromsparende technische Plattform um. Einer hatte das schon Mitte der Woche gerochen und spekuliert, nach dem Palm-Aufkauf werde HP wohl damit beginnen, eine eigene Plattform für Slate-Rechner zu konzipieren: Acer-Chef JT Wang. Sollte der sich auch in anderer Hinsicht dafür interessieren, könnte sich Microsoft auf die Plätze verwiesen finden.

Denn Microsofts Slate-Tablets würden damit zur vierten Wahlmöglichkeit degradiert, statt als führende Technologie den Massenmarkt zu dominieren. Neben dem iPad, neben Linux-basierten Systemen wie dem deutschen WePad und neben sicher bald kommenden HP-Palm-Varianten sind nun zwar eine ganze Reihe von Microsoft-Slate-Rechnern zu erwarten - nur eben kein prestigeträchtiges Vorzeigeprojekt wie HPs Slate mehr.

Das läuft einmal mehr auf ein gefühltes "Hier die Klasse, dort die Masse" hinaus: So hat der Elektronik-Assembler Medion schon angekündigt, zum Weihnachtsgeschäft eine wahrscheinlich Slate-basierte iPad-Alternative auf den Markt bringen zu wollen - wie üblich im Preiswert-Segment, verkauft über Discounter wie Aldi oder Real.

pat/dpa
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.