Trend in der Tech-Branche Jetzt kommen die Sex-Gadgets

Auf der Tech-Messe CES machten dieses Jahr Aussteller von sich reden, die elektronisches Sexspielzeug anbieten. Den Veranstaltern passte der Trend hin zu Sex-Tech anfangs gar nicht.
Aus Las Vegas berichtet Matthias Kremp
Sex-Tech-Unternehmerin Lora Haddock. Sie wehrte sich erfolgreich gegen die Diskriminierung ihrer Branche durch die Messeveranstalter

Sex-Tech-Unternehmerin Lora Haddock. Sie wehrte sich erfolgreich gegen die Diskriminierung ihrer Branche durch die Messeveranstalter

Foto: Ross D. Franklin/ AP

Auf der CES ist Sex überall und nirgends. Einen eigenen Bereich für Erotik-Gadgets jedenfalls gibt es auf der wichtigsten Gadget-Messe der Welt noch nicht. Aussteller entsprechender Produkte sind mal im Bereich "Gesundheit", mal im Bereich "Familie" untergebracht. Eine Logik dahinter ist nicht zu erkennen.

Finden lassen sich die Stände meist trotzdem sehr leicht, sie liegen fast immer am Rand der Messehallen. Eine bemerkenswerte Ausnahme ist die Firma Satisfyer, die allerdings auch den wohl größten Messeauftritt der Branche hat. 

Die meiste Aufmerksamkeit wird hingegen Lora Haddock zuteil. Die Gründerin und Chefin der Firma Lora DiCarlo hatte die Consumer Technology Association (CTA), von der die CES veranstaltet wird, vergangenes Jahr in die Ecke getrieben. Eine Jury aus rund 80 Branchenexperten hatte Haddocks Firma für ihr Produkt Osé einen der begehrten "Innovation Awards" der Messe zugesprochen. 

Der CTA gefiel das gar nicht. Sie zog den Preis für das Gerät, das Haddock als "robotisches Massagegerät für freihändige Orgasmen" bezeichnet, zurück. Zur Begründung hieß es, das Produkt verstoße gegen die Regeln des Wettbewerbs. Diese sehen vor, dass die Produkte, die "unmoralisch, obszön, anstößig, profan oder nicht im Einklang mit dem Image der CTA" sind, disqualifiziert werden. Geschickt war das nicht. 

Der Preis kommt zurück, die "Booth Babes" nicht

Die Entscheidung löste zumindest in der Tech-Branche Empörung aus, das Magazin "The Verge" titelte: "Ein Sexspielzeug für Frauen hat von der CES einen Preis bekommen, bis sie ihn zurückstahlen". Es dauerte danach noch Monate, bis die Organisation Lora Haddock den Preis schließlich doch offiziell zusprach. 

In einer Pressemitteilung gestand die Kommunikationschefin der Organisation ein, dass man die Preisvergabe "nicht korrekt" gehandhabt habe. Dies habe "intern und mit externen Beratern einige wichtige Gespräche ausgelöst", deren Ergebnisse man nun nutzen wolle, um die Veranstaltung zu verbessern.

Im Mittelpunkt: Auf dem Messestand von Lora DiCarlo posieren Models für die Pressefotografen

Im Mittelpunkt: Auf dem Messestand von Lora DiCarlo posieren Models für die Pressefotografen

Foto: Ross D. Franklin/ AP

Dass sie mit diesem Resultat zufrieden ist, erzählt Lora Haddock gern. In einem offenen Brief an die Tech-Community schrieb sie zu Beginn der CES 2020, die CTA habe sich bei ihr entschuldigt und ihre Vorgaben hinsichtlich Sex-Tech geändert. Zudem habe die CES im selben Zug ihren Dresscode geändert, sodass es auf der Messe nun keine "Booth Babes", also leicht oder besonders aufreizend bekleidete Promoterinnen, mehr gebe.

Sag bloß nicht "Sexspielzeug"

Das Ehepaar Suki und Brian Dunham, die mit ihrer Firma Ohmibod beispielsweise von Musik gesteuerte Vibratoren herstellen, wundern sich über die ganze Aufregung. Im Gespräch mit dem SPIEGEL sagt Brian Dunham, seine Firma sei schon seit zehn Jahren als Aussteller auf der CES aktiv und dabei habe es noch nie Ärger gegeben. Man müsse halt unauffällig bleiben.

Suki Dunham entwickelt schon seit Jahren Geräte zur sexuellen Stimulation

Suki Dunham entwickelt schon seit Jahren Geräte zur sexuellen Stimulation

Foto: Ross D. Franklin/ AP

Das sehen freilich nicht alle Vertreter der noch jungen Sex-Tech-Branche als Lösung. Sie mühen sich nach Kräften ab, das Schmuddelimage loszuwerden, das ihren Produkten anhaftet. Eine Mitarbeiterin von Satisfyer etwa betont im Gespräch immer wieder, dass man keine Sexspielzeuge, sondern Sextechnologie anbiete. 

Bei der Marke Myhixel, die sich auf männliche Kunden spezialisiert habe, schränkt man ein, das eigene Gerät, das anderswo womöglich als Masturbator bezeichnet würde, sei "nicht nur ein Sexspielzeug". Vielmehr habe es auch eine therapeutischen Nutzen. Von Männern würde es als eine Art Trainingsgerät verwendet, damit diese ihren Höhepunkt besser kontrollieren lernen. Sogar Online-Sprechstunden mit Sextherapeuten würden angeboten. Man könne mit dem Gerät aber natürlich auch einfach nur Spaß haben, sagt eine Mitarbeiterin. Billiger ist das sowieso. Während ein Myhixel samt Online-Konsultation und "Play Med"-App 239 Euro kostet, bekommt man das Gerät mit "Play TR"-App und ohne Konsultation für 189 Euro.

Auf Tech-Messen wie der CES sind Produkte wie Vibratoren noch immer eher selten vertreten

Auf Tech-Messen wie der CES sind Produkte wie Vibratoren noch immer eher selten vertreten

Foto: ROBYN BECK/ AFP

Das Interesse an den Sex-Tech-Ausstellern ist bei der Presse allerdings offenbar größer als beim Fachpublikum. Trotz meist sehr sachlicher, dezenter Präsentationen sind viele der Messestände fast leer, kaum jemand traut sich Fragen zu stellen oder die Exponate in die Hand zu nehmen.

Interessant bleibt, ob sich das nächstes Jahr ändern wird. Nachdem jetzt einige aufstrebende Firmen die CES für sich entdeckt und auch die Rückendeckung der Veranstalter haben, werden es im Januar 2021 sicher noch mehr Unternehmen wagen, Sex-Tech-Produkte in Las Vegas auszustellen. Man darf gespannt sein, ob und wann die Messe einen eigenen Bereich für Sex-Tech einrichtet.

Mehr lesen über