Bildkritik zu Telefotografie So stellen Sie bewusst ein Motiv frei

Teleaufnahmen sind faszinierend: Die geringe Schärfentiefe kann bewusst dazu verwendet werden, inmitten vieler Objekte das eigentliche Motiv hervorzuheben. Doch dabei gilt es einiges zu beachten.

Von "fokussiert"-Autor


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Bei der fokussiert.com-Bildkritik werden Fotos besprochen, die von Hobbyfotografen eingeschickt wurden. Die Besprechungen liefern Tipps und Tricks zu Technik, Komposition und Nachbearbeitung.

Sie wollen, dass Ihr Foto besprochen wird? Dann reichen Sie es hier ein.
Jan-Michael Buckowitz/ fokussiert.com

Jan-Michael Buckowitz aus Dittelsheim-Heßloch schreibt zu diesem Bild:

Nach einem kurzen Regen habe ich in Südkorea diesen Zweig mit Tele fotografiert. Der Baum kommt dort häufig vor.

Die "fokussiert"-Bildkritik:

Was wir hier sehen, darüber können wir ebenso diskutieren wie darüber, was wir hier sehen sollen: Sie nennen das Bild "Mimosa Strigillosa", was eine eher blumenartige Pflanze aus Nordamerika ist. Ich halte das hier aber für den persischen Seidenbaum, ebenfalls eine Mimosenart, aber eine der bäumigen Sorte. Um die Pflanzenbestimmung geht es hier aber weniger als um den Einsatz der Schärfentiefe.

Diese Telefotografie einer Verästelung in einem Baum zeigt im unscharfen Vordergrund die Spitze eines puderquasten-artigen Blütenbüschels und eines fein gegliederten grünen Blatts. Am linken Bildrand sehen wir im Schärfenbereich eine weitere Blüte. Daneben, im Bildzentrum vor dunkelgrünem Hintergrund, erkennt man die Astgabel eines bemoosten Baumes, auf dem zusätzlich kleine, weiße Pilze zu wachsen scheinen.

Reden wir kurz von der Technik: Telefotografie verlockt dazu, sich nicht zu weit zu bewegen und die Dinge mit dem Fernrohr auf den Sensor zu holen. Diese Methode hat Vor-, aber auch einige Nachteile. Einer davon besteht eindeutig darin, dass lange Brennweiten Licht kosten.

Das bedeutet, dass Empfindlichkeit, Blendenöffnung oder/und Belichtungszeit erhöht werden müssen. Bei preiswerten Objektiven steht aber für die längste Brennweite meistens nicht die gleiche große Blende wie für die kurzen zur Verfügung.

Der langen Belichtungszeit geschuldet: Bewegungsunschärfe in der Blüte.
Jan-Michael Buckowitz/ fokussiert.com

Der langen Belichtungszeit geschuldet: Bewegungsunschärfe in der Blüte.

Damit bleiben noch zwei Optionen: Empfindlichkeit erhöhen (und Rauschen in Kauf nehmen) oder Zeit erhöhen und Verwacklung riskieren. Sie haben sich hier für die zweite Version entschieden, in einem Ausmaß, von dem ich dringend abraten würde:

  • Erstens hätten Sie die Blende zweifelsfrei noch weiter öffnen können, denn typischerweise steht auch bei sehr langen Brennweiten wie den hier gewählten 235mm mindestens Blende 5.6 zur Verfügung - und das gilt jedenfalls für das von Ihnen verwendete Teleobjektiv 28-300 f3.5-5.6 L IS.

  • Zweitens würde ich auch bei Kameras mit Bildstabilisator in der Nähe der Faustregel bleiben, dass bei Aufnahmen aus der Hand der Umkehrwert der Brennweite in Sekundenbruchteilen als Belichtungszeit die längste Zeit sein sollte. In Ihrem Fall also eigentlich 1/250 Sekunde. Ihr Teleobjektiv hat zwar einen Bildstabilisator, aber ich würde auch damit nicht unter die Faustregel gehen, zwei Blenden länger zu belichten. Das heißt, dass die Belichtungszeit zwei mal verdoppelt werden dürfte - von 1/235 ist das dann 1/60 Sekunde, nicht 1/30s.

  • Und zum Dritten: Die Empfindlichkeit kann bei hochwertigen Kameras wie der Canon EOS 5D Mark III bedenkenlos bis 400 ISO, oft auch bis 800 ISO gesteigert werden, ohne Rauschen zu riskieren. Sie hätten also die Zeit locker auf 1/60s und die Empfindlichkeit auf ISO 200 stellen können.

Zusammenfassend gesagt: Mit Einstellungen von Blende f5.6 und ISO 200 hätten Sie die Aufnahme mit 1/120s machen können und ziemlich genau das gleiche Resultat erhalten, ohne jedes Risiko einer Verwacklung. Wobei, natürlich: nicht genau das gleiche Resultat. Denn zumindest das Öffnen der Blende hat einen gehörigen Einfluss auf den Bildeindruck.

Denn damit wird die Schärfentiefe verringert. Die ist hier schon recht gering, was einerseits an der enormen Brennweite liegt und anderseits daran, dass das Motiv verhältnismäßig nah war. Mit Blende 5.6 wäre wahrscheinlich die Blüte am unteren Bildrand nur noch ein violetter Schimmer, wenn sie überhaupt sichtbar wäre. Das Baumblatt wäre deutlich weniger gut erkennbar, und der Bereich mit den weißen Pilzen wäre nur auf einer kurzen Distanz scharf.

Schärfentiefe gezielt einsetzen

Hier liegt die Faszination von Offenblende- oder Teleaufnahmen: Die geringe Schärfentiefe kann sehr gezielt dazu verwendet werden, inmitten von vielen Objekten das Motiv zu isolieren, also "freizustellen". Das kann durchaus auch so geschehen, dass man eine Komposition wählt, in der die Stelle mit der größten Schärfe keineswegs in der Bildmitte liegt.

Man kann Menschenmengen und andere Sammlungen von Objekten mit der Telefotografie "zusammenziehen" und einen Eindruck von ungeheurer Masse erzeugen. Oder man kann den Blick des Betrachters auf ein winziges Detail hin steuern, das er, wäre alles im Bild scharf, nicht einmal richtig gesehen hätte.

Sie haben als Titel Ihres Bildes den vermuteten Namen der Pflanze gewählt. Und das ist es, was mich verwirrt. Denn wenn ich nach der Freistellung und der Komposition urteile, wollen Sie mir die kleinen, weißen Pilze zeigen, die auf dem Baum wachsen, nein: auf dem Moos im Baum. Die typischen Merkmale des Baums nämlich sind seine Blätter und die Blüten, und die sind allesamt entweder in der Unschärfe oder am Bildrand.

Die Blüte links ist eindeutig zu weit außerhalb der Komposition, um inhaltlich im Zentrum zu stehen. Das Blatt ist aufgrund der Blende so stark in der Unschärfe, dass ich es fast gar nicht mehr wahrnehme. Die Astgabel aber ist wahrscheinlich kein Merkmal des Seidenbaums, und der kleine Pilz, der nach dem Regen sprießt, wäre etwas, was als Bildtitel funktionieren würde, wenn es denn um ihn geht.

Die Ebenen in rot sind zu nah beieinander und ergänzen den Bildinhalt nicht, sondern lenken immer noch von ihm ab.
Jan-Michael Buckowitz/ fokussiert.com

Die Ebenen in rot sind zu nah beieinander und ergänzen den Bildinhalt nicht, sondern lenken immer noch von ihm ab.

Dann aber wären immer noch die Objekte in der Unschärfe falsch platziert. Damit wir uns richtig verstehen: Es ist sinnvoll, Objekte in der Unschärfe im Vorder- und im Hintergrund zu haben, das verleiht dem Bild Tiefe. Aber wenn sie so angeschnitten oder übereinander liegen wie hier, entsteht eher ein Wirrwarr von Ebenen als ein Raum. Ich glaube, mit einer leichten Verschiebung Ihres Standpunkts nach links hätten Sie das Problem rasch entschärft.



insgesamt 2 Beiträge
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UlrichLamprecht 08.04.2017
1. akademische Fotografie
Ästhestik. Ein wunderbares Motiv. Hätte ich es jemals, würde ich verschiedene Objektive einsetzen und am Ende ein ähnliches Ergebnis wählen wie das hier kritisierte. Der Fokus auf den Pilzast ist der einzig richtige. Ein komplett scharfes Bild wäre Nonsens. Ich hätte wohl ein Normalobjektiv verwendet, aber schon mit der größtmöglichen Öffnung... und ein Stativ. Es war aber wohl eher ein Schnappschuss. Mir gefällt das Bild trotzdem wie es ist.
Nudolf 09.04.2017
2. Eine kleine Bitte ...
... an Herrn Sennhäuser zu seinem letzten Satz: Es heißt "Standort" und nicht "Standpunkt". Man liest es oft, und es schmerzt jedes Mal.
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