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13. Juni 2011, 07:56 Uhr

Telepräsenz

Steuergerät für das zweite Ich

Von Boris Hänßler

Avatare erobern die Welt: Das Karlsruher Institut für Technologie arbeitet an einem sogenannten Telepräsenz-System, mit dem sich vom Zimmer aus eine ganze Stadt erkunden lässt. In den USA rollen Avatare ans Krankenbett - und Unternehmen testen, ob sie sich für die Mitarbeiterüberwachung eignen.

Es ist eine ungewohnte Vorstellung: Im Vertrieb einer Firma geht es ruhiger zu als sonst. Der Teamleiter ist nicht da, wurde zur Berichterstattung in die ferne Firmenzentrale gerufen. Also lassen sich die Vertriebler Zeit mit ihren Anrufen bei den Kunden, geben sich nur halbherzig Mühe, ihre Ansprechpartner für ein neues Produkt zu begeistern. Man gönnt sich mehr Pausen als sonst - bis plötzlich die Bürotür schwungvoll aufgestoßen wird und Chef energisch zu eifrigerem Arbeitseinsatz auffordert. Dabei sitzt er selbst noch gemütlich im Firmenhauptquartier. Seine Aufforderung hat ein Roboter überbracht, den der Chef aus der Ferne steuert, dem er über eine Mikrofon seinen Stimme gibt. Telepräsenz heißt diese Form der Fernüberwachung. Und auch wenn es wie Science Fiction klingt: Telepräsenz ist in vielen Firmen präsent.

Sie nutzen die Technologie vor allem als aufregendere Variante von Videokonferenzen. Lebensgroße Bildschirmgesichter mit direktem Blickkontakt und störungsfreiem Ton lassen ferne Menschen präsent erscheinen. Das Karlsruher Institut für Technologie (KIT) arbeitet an Systemen, mit denen man sich ferne Orte sogar körperlich erschließen kann. Anwender tragen ein Head-Mounted Display, eine Art Brille, die ihnen die fremde Umgebung vor die Augen projiziert. In der Ferne werden die Nutzer von einem Avatar vertreten: Gehen sie nach links, geht ein Roboter nach links, drehen sie den Kopf, schwenkt er die Kamera, bewegen sie ein Steuermodul, öffnet er eine Tür. Selbst die haptische Wahrnehmung wird übertragen: Ein Türgriff, der sich schwer bewegen lässt, erfordert am Steuermodul mehr Kraft.

Körpergesteuerte Avatare sind schon länger möglich, doch wenn sie sich in größeren Räumen bewegen sollten, stießen sie an ihre Grenzen. Wenn ein Unternehmer eine große Fabrikhalle vom Büro aus erkunden will und sich simultan mit dem Roboter bewegt, stößt er irgendwann in seinem Büro gegen eine Wand. Der KIT-Lehrstuhl für Intelligente Sensor-Aktor-Systeme hat nun Algorithmen entwickelt, die eine beliebige Strecke auf den zur Verfügung stehenden Raum herunterrechnen.

Angenommen, besagter Unternehmer will eine Tür am Ende der Halle erreichen: Das Ziel erscheint in seinem Display so, dass er gezwungen ist, leichte Kurven zu gehen, während der Avatar geradeaus rollt. Ein psychologischer Trick: "Da das Display die Augen abdeckt, sehen die Leute ihre reale Umgebung nicht - sie nehmen ihren gekrümmten Kurs nicht wahr", sagt Institutsleiter Uwe Hanebeck. Eine Führungskraft könnte so von Berlin aus den Mitarbeitern in München live bei der Arbeit über die Schultern schauen.

Kontrolle per Kinect

Der Chef könnte künftig sogar als Phantom im Betrieb herumspuken - denn die Karlsruher arbeiten auch an einer Technik, die ohne Roboter auskommt. Dafür installierten sie mehrere Tiefenkameras aus Microsofts Kinect-System. Aus den Bildern dieser Kameras kann der Rechner jede gewünschte Perspektive im Raum rekonstruieren und im Display anzeigen. So wäre der Chef präsent, ohne dass die Mitarbeiter seine Anwesenheit bemerken.

Allerdings lehnt Hanebeck Telepräsenz als Kontrollsystem ab. Er hat andere Ideen: Die Technologie ermögliche etwa Kunstliebhabern, eine Ausstellung zu besichtigen, ohne reisen zu müssen. Im Museum zeigt sich der Vorteil des roboterfreien Systems: Kuratoren würden vermutlich einen Herzinfarkt bekommen, würde sich ein fremdgesteuerter Roboter einem Gemälde nähert. Außerdem können sich in ein Kamerasystem viele Leute gleichzeitig einloggen, während ein Roboter nur von jeweils einem Besucher genutzt werden kann.

Außerhalb von Gebäuden arbeiten die Karlsruher mit menschlichen Avataren. So lassen sich Städte realitätsnäher erkunden als etwa mit Google Streetview - vorausgesetzt, es findet sich ein Freiwilliger, der sich fernsteuern lässt. Das menschliche Alter Ego trägt eine Kopfkamera und einen Elektronik-Rucksack. Bewegt sich die steuernde Person nach links, übt der Spezialrucksack bei ihrem Pendant vor Ort einen sanften Druck auf die entsprechende Schulter aus. Selbst ohne Training würden die derart vernetzten Personen ihre Bewegungen umgehend synchronisieren, so Hanebeck.

Für Unternehmen sind die Roboteravatare durchaus interessant. Die amerikanische IT-Firma RatePoint hat eineinhalb Jahre lang einen mobilen Roboter - alledings per Laptop gesteuert - getestet. "Die Führungskräfte fühlten sich enger an ihre Mitarbeiter gebunden", sagt Unternehmenssprecherin Yvonne Gaudette. Allerdings habe es keine Evaluation unter der Belegschaft gegeben, und die Firma plane bislang nicht, Roboter auch nach der Testphase einzusetzen. Telepräsenz-Systeme funktionieren tatsächlich nur, wenn alle Mitarbeiter sie akzeptieren, sagt Thomas Kayser von der internationalen Unternehmensberatung Human Productivity Lab. "Richtig eingesetzt, zahlt sich die Investition durch höhere Produktivität und Einsparung von Reisekosten aus", sagt er. Der Markt wachse rasant. "Erstaunlicherweise mischen auf Herstellerseite bislang wenig europäische Firmen mit".

"Machen Sie Platz - der Roboter kommt"

Auch in der Medizin, in der Telepräsenz inzwischen einen festen Platz hat, stammt die Technik meist aus den USA. "Wir haben weltweit mehr als 400 Telepräsenz-Systeme in Krankenhäusern installiert", sagt etwa Jennifer Neisse von InTouch Health. Wenn im Krankenhaus von Owensboro in Kentucky Angehörige am Bett eines Schlaganfall-Patienten stehen, kann es durchaus vorkommen, dass das Personal warnt: "Machen Sie Platz - der Roboter kommt."

Dann rollt eine staubsaugerähnliche Maschine in den Raum. An ihrem Torso hängt ein Bildschirm mit dem Gesicht eines Spezialisten von der rund 100 Kilometer entfernten Universitätsklinik Louisville. Der Arzt bittet den Patienten, den Arm zu heben, die Zunge herauszustrecken. Er zoomt heran, um die Pupillen zu untersuchen. Er kann Herz- und Blutdruckwerte ablesen oder mit Assistentenhilfe eine Ultraschalluntersuchung durchführen. Ein Grund für den Roboter-Boom in den USA ist der zunehmende Mangel an Spezialisten in kleineren Krankenhäusern.

Auch in Deutschland sieht man großes Potential in der Telemedizin. In dem Forschungsprojekt "SmartSenior" der Berliner Charité werden derzeit über einen Zeitraum von einem halben Jahr bei älteren Patienten täglich die Gewichts-, Blutdruck- und EKG-Werte an das Telemedizin-Zentrum der Charité gesendet und dort ausgewertet. Bei auffälligen Veränderungen kann das Fachpersonal mit den Betroffenen Kontakt aufnehmen - allerdings ohne Roboter. "Für eine Telesprechstunde brauchen Patienten nur eine Settop-Box an ihren Fernseher anzuschließen - sie können so mit dem Arzt kommunizieren", sagt Martin Schultz, Leiter des Zentrums. In einem ähnlichen, 2010 abgeschlossenen Projekt mit herzschwachen Patienten konnte die Sterblichkeitsrate deutlich verringert werden.

Im Moment arbeitet die Charité mit der Lufthansa daran, über Telemedizin auch in Flugzeugen Nothilfe zu gewährleisten. Vielleicht hören Passagiere dann irgendwann einmal statt "Ist ein Arzt an Bord?" das beruhigende "Machen Sie bitte Platz für den Roboter."

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