US-Armee Die Hightech-Hatz auf Osama Bin Laden

Satellitenüberwachung, Drohnen und mobile Biometrie: Um Qaida-Chef Bin Laden zu finden und seine Leiche zu identifizieren, benutzten die USA ein ganzes Arsenal modernster Technik. Der Einsatz verdeutlicht das große Potential der Hightech-Kriegsgeräte - aber auch ihre Schwächen.

AFP

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Hamburg - Zu der Spezialeinheit, die Bin Laden aufspürte und erschoss, gehörten nicht nur bestens ausgebildete Nahkampfspezialisten, sondern auch Forensik-Experten. Sie wandten "Gesichtserkennung, Messungen und eine erste DNA-Analyse" an, um den Terroristenführer zu identifizieren - das sagte John Brennan, ein Berater im Weißen Haus, auf einer Pressekonferenz. Die ersten beiden der genannten Methoden sind problemlos während des Einsatzes durchzuführen. Mit der DNA-Analyse dürfte das schwieriger gewesen sein. Dafür sind ein Labor und technisches Gerät nötig.

Genanalysen brauchen außerdem Zeit. Kommerzielle Dienstleister, etwa für Vaterschaftstests, benötigen rund eine Woche für ein Ergebnis. Bei Bin Laden ging das schneller. An der Analyse des Genmaterials der Bin-Laden-Leiche sind einem Pentagon-Sprecher zufolge "CIA-Mitarbeiter und Spezialisten der Geheimdienste" beteiligt gewesen. Das Vergleichsmaterial, so "Wired", stamme wohl vom Leichnam einer Schwester Bin Ladens. Sie soll in einem Krankenhaus in Boston gestorben sein - was eine Krankenhaussprecherin freilich nicht kommentieren wollte.

Die Spezialeinheiten hatten außerdem wohl elektronische Hightech-Apparate zur Auswertung biometrischer Merkmale dabei. Vermutlich ist laut "Wired" ein System der US-Firma Crossmatch zum Einsatz gekommen, dass sogenannte SEEK II (Secure Electronic Enrollment Kit). Der Hersteller bezeichnet es auf seiner deutschen Website als "Mobiles System zur Identitätsüberprüfung".

Hubschrauber als Relaisstation?

Rein äußerlich ähnelt dieses Gerät einer Mischung von mobilem Kassencomputer und Nachtsichtgerät. Tatsächlich aber ist es mit Digitalkameras für Gesichtserkennung und Iris-Scans ausgerüstet, kann flache und gerollte Fingerabdrücke abnehmen. Der Abgleich der so erfassten Daten kann per USB, schneller aber per W-Lan oder UMTS erfolgen.

Denkbar wäre es also, dass die US-Soldaten dem Leichnam in Abbottabad mit einem solchen Gerät Fingerabdrücke abgenommen und ein Foto seines Gesichts, womöglich seiner Augen, drahtlos an ein CIA-Rechenzentrum übertragen haben. Dass sie sich dabei auf das dortige Mobilfunknetz verlassen haben, ist unwahrscheinlich. Möglich wäre, dass sie von ihren Hubschraubern aus ein W-Lan aufgebaut haben, das als Relais für eine Satellitenverbindung fungierte.

SEEK ist schneller als HIIDE

Ein ähnliches Gerät haben US-Truppen schon in Afghanistan und im Irak verwendet, um gesuchte Personen zu identifizieren: das HIIDE (Handheld Interagency Identity Detection Equipment). Insgesamt 400 "besonders wertvolle Einzelpersonen", will das US-Militär mit dem mobilen Biometrielabor schon dingfest gemacht haben. Im Irak wird das Gerät beispielsweise eingesetzt, um Einheimische an Kontrollpunkten zu identifizieren. Bereits im Sommer 2009 meldete Lisa Swan, stellvertretende Chefin der U.S. Army Biometric Task Force, man habe eine Datenbank mit biometrischen Merkmalen von 2,5 Millionen Irakern aufgebaut.

Gefüttert wurde diese Datenbank auch mit Fingerabdrücken, die nach Anschlägen von Bombenfragmenten abgenommen wurden, oder mit Merkmalen bekannter Täter. Da dieser Gerätetyp in einem eigenen Speicher 22.000 solcher Datensätze ablegen kann, hätten die Soldaten, die Bin Laden bei ihrem Einsatz töteten, theoretisch auch ein solches Gerät mit Merkmalen des Qaida-Anführers bestücken und nach Abbottabad mitnehmen können. Doch das scheint gar nicht nötig gewesen zu sein. Vielmehr lobt ein Pentagon-Sprecher das SEEK II gerade wegen seiner Fähigkeit, bestimmte Vergleichsdaten im eigenen Speicher abzulegen, "wenn man weiß, wonach man sucht". Und überhaupt sei das neuere SEEK-Gerät einfach schneller, könne mehr Daten aufnehmen, mache bessere Iris-Scans und könne sich schneller drahtlos mit Datenbanken verbinden.

Acht Monate Vorarbeit mit dem Hightech-Arsenal mehrere Geheimdienste

Doch schon lange, bevor die Soldaten per SEEK die Leiche vor ihnen als Osama Bin Laden identifizierten, setzten die US-Geheimdienste ihre Elektronik ein, um den Unterschlupf des Terroristen zu überwachen. Nachdem man das Gelände durch einen der Boten, die Bin Laden zur Kommunikation benutzte, ausfindig gemacht hatte, wurde es acht Monate lang Tag und Nacht mit Hilfe von Satelliten und Drohnen überwacht.

Aus diesen Daten, berichtet die "Huffington Post"erarbeiteten Analysten des National Counterterrorism Center (NCTC) und des Joint Special Operations Command Targeting and Analysis Center (JSOC) einen exakten Plan des Unterschlupfs in Abbottabad. So konnte ein Eins-zu-Eins-Modell der Anlage auf einer Militärbasis in Afghanistan nachgebaut werden. Hier sollen die Spezialkräfte ihren Einsatz ausführlich geübt und ihr Timing perfektioniert haben.

Viel Lob, ebenso viele Zweifel

Offiziell will das im NCTC niemand bestätigen. Im Schutz der Anonymität soll ein Mitarbeiter der Geheimdienstes aber erklärt haben, die Menge an Informationen, die so zusammengetragen wurden, sei enorm gewesen. Man habe sich "ein gutes Bild vom Leben in der Anlage" machen können. Der Direktor der nationalen Geheimdienste, James R. Clapper, der den insgesamt 15 Nachrichtendiensten vorsteht, lobte die Arbeit ausdrücklich als ein "bemerkenswertes Beispiel für gezielte Integration und reibungslose Zusammenarbeit".

Da verteilt einer viel Lob an seine Mitarbeiter - und verschleiert damit vielleicht doch nur, das man sich bis zuletzt nicht ganz sicher war, ob man Osama Bin Laden in dieser Nacht in Abbottabad tatsächlich auf jenem Gelände würde finden können. Und das, obwohl die Geheimdienstler so lange und mit so viel Aufwand gespäht hatten. Zweifel waren wohl bis zum Schluss geblieben, meldete das "Wall Street Journal" am Dienstag. Die Wahrscheinlichkeit, den Terroristen tatsächlich dort aufzufinden, hätten einige Analysten nur mit 60, andere mit 80 Prozent angegeben. Trotz allem Hightech-Einsatz.

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Greg84 02.05.2011
1.
Schlag gegen den Terror? Eher nicht. Ich glaube kaum, dass bin Laden noch an der Spitze der al-Qaida stand, vielleicht hatte er sich auch komplett aus dem "Geschäft" zurück gezogen. Das einzige was der Schlag gegen bin Laden gebracht hat ist die Schaffung eines weiteren Märtyrers. Für Obama hätte der Zeitpunkt allerdings kaum besser sein können. Politisch läuft es für verdienten Träger des Friedensnobellpreises nicht grade perfekt, da hilft so ne positive Nachricht schon unheimlich weiter.
endbenutzer 02.05.2011
2. Mission beendet
Hat George W. Bush eigentlich schon der Familie Bin Laden sein Beileid ausgesprochen? Unter alten (Geschäfts-) Freunden ist das doch so üblich. Oder lebt Bin Laden doch noch und man wollte eigentlich nur die nunmehr fast genau 10-jährige Mission "Krieg gegen Terror" zum bürgerfreundlichen Abschluss bringen? Merkwürdig: Gerade jetzt, da Obama und die gesamten USA in punkto Staatsverschuldung praktisch mit dem Rücken zur Wand stehen, wird für den amerikanischen Otto Normalverbraucher wieder einmal ein toller Grund geliefert, die Fahne zu schwingen und mit der Hand auf dem Herzen die Nationalhymne zu singen. Super Drehbuch...
G_Schwurbel 02.05.2011
3. weder noch
Zitat von sysopEr war der meistgesuchte Mann der Welt: Osama Bin Laden, der Anführer des Terrornetzwerks al-Qaida, ist tot. US-Spezialkräfte haben ihn bei einer Kommandoaktion in Pakistan getötet. Wir die weltweite Terrorgefahr nun geringer?
Die Welt wird durch seinen Tod weder sicherer noch unsicherer. Al Quaida ist ein Netzwerk, es würde mich wundern, gäbe es für Bin Laden keinen Nachfolger (seinen Tod hat er schließlich einkalkuliert). Vielleicht hat er auch vorher als Rache für seine Tötung den Auftrag erteilt, direkt danach Attentate zu verüben? Alles denkbar...
Hubatz 02.05.2011
4. Beweise
Dieser Mann ist ein Mysterium. Ich halte nicht viel von Verschwörungstheorien aber Beweisfotos oder besser Videos würden mich erfreuen.
lucario.75 02.05.2011
5. bin laden
Die Fernsehbilder der Freude hunderter Amerikaner, (nachvollziehbar) werder viele radikale Islamisten für ihre Propaganda nutzen um die Angst der Menschen auf der ganzen Welt weiter zu schüren und Terroranschläge zu planen. Ich selber Wohne nur ein paar Strassen weiter wo vor ein paar tagen Terroristen festgenommen worden sind, die konkrete Anschlägen zu Zeitnahen Ereignissen mit erheblichen Menschenaufkommen verübt werden sollte.
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