Technik aus den Siebzigern US-Atomstreitkräfte schicken die Floppy in Rente

Nach mehr als 40 Jahren modernisiert die U.S. Air Force ein Computersystem, das die US-Atomstreitkräfte koordiniert. Allerdings nur maßvoll, denn die museale Hardware gilt als sicher vor Hackern.

8-Zoll Durchmesser, 80 Kilobyte Speicherkapazität und bis vor Kurzem das bevorzugte Speichermedium de Strategic Automated Command and Control Systems: Eine 8-Zoll-Floppy-Disc
Adam Butler/AP

8-Zoll Durchmesser, 80 Kilobyte Speicherkapazität und bis vor Kurzem das bevorzugte Speichermedium de Strategic Automated Command and Control Systems: Eine 8-Zoll-Floppy-Disc


Es gibt ein wichtiges Computersystem innerhalb der US-amerikanischen Armee, das offenbar dringend einmal modernisiert werden muss. Dieses System "koordiniert die operativen Funktionen der US-Atomstreitkräfte, so etwa die Interkontinentalraketen, die nuklearen Bomber und deren Tankflugzeuge", schrieb der US-Rechnungshof 2016 in einem Bericht (PDF).

Er untersuchte die IT-Infrastruktur der US-Behörden und stellte fest, dass viele veraltete Programmiersprachen und Hardware nutzen, die von den Herstellern nicht mehr unterstützt wird. Teilweise seien die Komponenten "mindestens 50 Jahre alt", hieß es in dem Bericht.

Als Beispiel für ein solches Systems nannten die Prüfer ausgerechnet das Strategic Automated Command and Control System, kurz SACCS, jenes heutzutage prähistorisch anmutende Kommunikationssystem, über das Alarmmeldungen an Raketenbunker und militärische Flugplätze geschickt werden. Ausgerechnet in diesem System, über das im Zweifel der nukleare Ernstfall ausgelöst werden könnte, würden noch 8-Zoll-Floppy-Discs verwendet, hieß es in dem Bericht kritisch.

Doch damit sei jetzt Schluss - nach mehr als 40 Jahren - berichtet das Militärportal "C4ISRnet". Drei Jahre nach der Veröffentlichung des mahnenden Rechnungshofberichts habe die Air Force nun schließlich ihre alten Wabbeldisketten abgeschafft und durch etwas ersetzt, das umständlich als "hochsichere digitale Festspeicherlösung" bezeichnet wird. Das könnte eine hochmoderne SSD-Festplatte mit Verschlüsselungsfunktion sein. Oder ein USB-Stick aus dem Elektronikmarkt.

Ein Computer von 1976

Denn besonders viel Speicherkapazität gibt es nicht zu ersetzen. 8-Zoll-Floppys hatten anfangs eine Speicherkapazität von rund 80 Kilobyte, die über die Jahre auf bis zu 1,2 Megabyte gesteigert wurden. Im heutigen Zeitalter der Tera- und Petabytes lächerlich anmutende Größen.

Mindestens ebenso lächerlich wirkt aus heutiger Sicht der Computer von IBM-Typ Series/1, auf dem das SACCS laut US-Rechnungshof läuft. Diese Baureihe wurde 1976 eingeführt und in heute fast vergessenen Sprachen wie Fortran und Cobol programmiert. Ihr Alter sei aber eigentlich das herausragende Sicherheitsmerkmal dieser Maschine, wird ein Air-Force-Offizier von "C4ISRnet" zitiert: "Etwas, das keine IP-Adresse hat, kann man nicht hacken. Es ist ein einmaliges System - und es ist sehr gut."

Im Bericht von 2016 hieß es allerdings, das US-Verteidigungsministerium plane all dieser Vorzüge zum Trotz, den Rechner aus der goldenen Zeit der Mainframes zum Ende des Fiskaljahres 2017 zumindest einmal grundlegend zu überholen.

mak

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JürgenWissenwasser 18.10.2019
1. Dringend notwendig zu überholen ...
Eine Überholung des Systems ist nicht alleine deshalb notwendig, weil es alt ist. Es kann bestenfalls von Pensionisten gewartet werden und auch wenn es noch so robust gebaut ist: Die Halbleiter werden ihren Geist aufgeben, ob man will oder nicht. Man muß nicht auf den Tag X warten, bis das passiert. Man muß aber auch nicht eine Rennmaschine einbauen; es gibt zig Controller, die mit einigen MB Onbard-Flash-Speicher genug Kapazität bieten um auf
st.esser 18.10.2019
2. Falsche Angaben
Der Artikel vermischt einige Informationen ... Die ursprüngliche 8-Zoll-Floppy hatte 73 Spuren zu 26 Sektoren a 128 Byte, also etwa 237 KB. Sie war vor allem als "moderner" Ersatz für Lochkarten an Großrechnern gedacht, und konnte eine Box mit knapp 1900 Lochkarten ersetzen. Später wurde durch ein besseres Modulationsverfahren (Double Density) und doppelseitiges beschreiben die Kapazität vervierfacht. Der Übergang auf 1024 Byte große Sektoren erhöhte die nutzbare Datendichte um weitere 23% auf 1,2 MB. Die angegebenen 80 KB beziehen sich wohl auf die "moderneren" 5,25" Floppies, die einseitig und Single-Density eine Kapazität von 81 KB hatten (40 Spuren, 16 Sektoren a 128 Byte). Durch die Verdoppelung der Spurzahl auf 80, doppelseitiges beschreiben, doppelte Datendichte und große Sektoren waren 1,2 MB möglich, mit einer nicht genormten Formatierung mit 9 * 1024 Byte pro Spur sogar knapp 1,4 MB. Dieses Format wurde auch identisch auf den noch kleineren 3,5" Disketten mit fester Hülle realisiert, das den meisten heute noch bekannt sein dürfte, weil es sich bis zum Aufkommen der USB-Sticks als bequemer Datenträger zum Datenaustausch, aber auch zur Software-Verteilung etabliert hatte.
kassandra21 18.10.2019
3.
Nun ja...zum Zustand der US-Raketenstreitkräfte wurde eigentlich schon alles gesagt. Und zwar hier: https://youtu.be/1Y1ya-yF35g?t=315 Ich hoffe inständig, das System wird auch in Zukunft keine IP bekommen ^^
Iltis95beta 18.10.2019
4. "Heute fast vergessene Programmiersprachen"
Ich stimme zu, dass Fortran und CoBOL alte Programmiersprachen sind (60 Jahre). Allerdings laufen auch heute noch weltweit zehntausende hocheffizienter Systeme damit. Ein Großteil aller ATM-Transaktionen wird bspw. über CoBOL-Programme abgewickelt, viele Abrechnungssysteme und Lohnzahlungssysteme basieren darauf. Solche Systeme sind bei Großbanken, Versicherungen, Luftfahrtgellschaften und Behörden praktisch das Rückgrat der IT. So umständlich diese Programmiersprachen auch sein mögen, sie sind in der Ausführung hocheffizient. Das Hauptproblem ist tatsächlich die Wartung, da die Programmierer dafür so langsam alle in Rente gehen.
Dromedar 18.10.2019
5. Nische != Fast Vergessen
Es werden zwar vermutlich kaum noch neue Cobol-Projekte angefangen, aber die Sprache wird noch an vielen Stellen eingesetzt (z.B. bei unserer Rentenversicherung). Sie hat immer noch das Alleinstellungsmerkmal sehr performant zu sein und gleichzeitig präzise Finanzmathematik machen kann - und das wesentlich eleganter als in C++ oder Java z.B. Cobol-Entwickler gehören zu den am besten bezahlen Spezialisten im IT-Bereich. Fortran wird zwar momentan nicht gehypt, aber in der Physik, bei Klimamodellen u.ä., in der Bildverarbeitung und anderen Nischen ist die Sprache äußerst präsent und man kommt an ihr nicht vorbei. Fortran ist für solche numerischen Prozesse zum Teil schneller als C, vor allem bietet die aber Vektor-Rechnung auf elemanter Ebene und ist für die Umsetzung von Formeln sehr gut geeignet (und fast alle numerischen Bibliotheken bauen auf Fortran auf). Es gibt sogar Data Scientisten die damit arbeiten, weil Fortran bequem aus Jupyter Notebook läuft und 20x schneller als Python ist (wenn es etwas nicht in Pandas/numpy/pytorch) gibt. Also, die Programmiersprachen sind klein Problem, 8-Zoll-Disketten dürften allerdings heutzutage wirklich schwer zu beschaffen sein und sind halt auch fehleranfälliger als ein moderner USB-Stick.
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