Alte Gadgets aufarbeiten So wird vergilbtes Plastik wieder schön
Vorher-nachher-Vergleich: C64 aus den Achtzigerjahren
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Warum werden bestimmte Plastikgehäuse eigentlich mit der Zeit gelb? Die betroffenen Plastikteile bestehen aus ABS-Plastik (Acrylnitril-Butadien-Styrol). In diesem Material können verschiedene chemische Prozesse ablaufen, die das Vergilben vorantreiben. Der Bekannteste ist wahrscheinlich die Aufspaltung der für Feuerresistenz hinzugefügten Bromverbindungen. Daneben gibt es noch Oxidationsvorgänge und die Umstrukturierung von Isomeren.
Letztlich bedeutet es aber Folgendes: Man kann das Vergilben des Plastiks schwer bis gar nicht verhindern, mit dieser Anleitung aber rückgängig machen. An dieser Stelle kommt Retrobright ins Spiel: Mit einem Bleichmittel – in diesem Fall eine Creme zum Haarebleichen – wird die oberste Schicht des Kunststoffs gebleicht und so wieder schön weiß gemacht.
Vorgehen
Das hier beschriebene Verfahren funktioniert ohne zusätzliche Geräte und nutzt die UV-Strahlung der Sonne. Wer UV-Lampen besitzt, kann auch in der Wohnung bleichen.
Zunächst benötigt man natürlich einen Probanden. In diesem Fall ist es ein C64.
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Dieser wird als Erstes auseinandergenommen. Dafür zieht man mit einem sogenannten Keycap Puller die Tasten von der Tastatur. Dabei muss man aufpassen, dass die kleinen Federn, die von unten gegen die Plastikkappen drücken, nicht wegspringen und verloren gehen.
Danach wird das Gerät umgedreht und die Schrauben entfernt. Ist das geschehen, kann man den oberen Teil des Gehäuses abheben. Nun müssen im Gerät selbst die Schrauben entfernt werden, die die Technik festhalten. Das Plastikgehäuse liegt jetzt in seinen Einzelteilen vor uns. Bevor man anschließend mit der chemischen Behandlung beginnt, empfiehlt sich – je nach Zustand des Gerätes – eine Reinigung mit Spülmittel. Immerhin soll ja das Plastik gebleicht werden und nicht der Staub von 41 Jahren unbegrenzter Möglichkeiten.
Sind die Teile sauber, bereitet man alles vor, um sie zu bleichen. Dafür ordnet man die Kleinteile – in diesem Fall die Tastenkappen – auf einer separaten Unterlage an.
Kleinteile, die gebleicht werden sollen, werden am besten auf einem Tablett angeordnet
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Dieses Papptablett kommt dann, zusammen mit den beiden großen Teilen, auf eine Unterlage (am besten eignet sich ein alter Duschvorhang). Für den Bleichvorgang wird UV-Licht benötigt. Das bekommt man nachhaltig von der Sonne. Also müssen alle Teile in der Sonne liegen.
Als Letztes mischt man das Bleichmittel an. Bei früheren Anwendungen hat eine zwölfprozentige Bleichcreme gut funktioniert und macht auch hier einen guten Job.
Das Mittel wird in einer alten Sprühflasche im Verhältnis 1:2 mit Wasser gemischt. Auch dieses Verhältnis hat sich in früheren Anwendungen – an einem Amiga 500 und einer Nintendo SNES – bewährt.
Mit dieser Mischung werden nun alle in der Sonne liegenden Plastikteile eingesprüht. Wichtig dabei: Die Chemikalien dürfen nicht in die Natur gelangen, und alle Teile müssen außerhalb der Reichweite von Tieren aufgebaut werden.
Sobald alles eingesprüht in der Sonne liegt, heißt es: Warten
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Optional kann man jetzt die Plastikteile in durchsichtige Frischhaltefolie einwickeln, um die Verdunstung der Chemiemischung zu verhindern. Wer das nicht tut, muss unbedingt in regelmäßigen Abständen nachsprühen.
Damit der Vorgang funktioniert, müssen die Teile stets in der Sonne liegen. Im Zweifel muss man sie dafür immer wieder, dem aktuellen Sonnenstand folgend, umziehen. Je nachdem, wie stark die Sonne scheint, kann man den Aufbau nach ein paar Stunden schon wieder abbauen. Das Bleichen des C64 für diesen Artikel war nach fünf Stunden erledigt. Lässt man die Teile länger in der Sonne liegen, macht das nichts.
Jetzt müssen die behandelten Teile geputzt werden, um Bleichmittelreste zu entfernen. Auch dafür verwendet man Spülmittel, Wasser und eine Bürste. Im Anschluss kann man das Gerät zusammenbauen und es erstrahlt mit hellem Plastik – fast wie neu.
Der Test-C64: Links vor, rechts nach der Retrobright-Behandlung
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Vorsicht vor Beschädigungen
Wie in der Retro-Szene immer wieder zu hören ist, besteht die Gefahr respektive die Angst, dass dieses Vorgehen das Plastik porös macht und das Gehäuse irgendwann zerstören könnte.
Dazu haben wir einen befreundeten Chemiker befragt. Seine Antwort: Ja, der Vorgang kann das Plastik beschädigen. Allerdings wird die Oberfläche nur leicht beeinträchtigt. Voraussetzung dafür ist allerdings, dass das Plastik keine Risse oder andere Beschädigungen aufweist, sodass die chemische Reaktion nur an der Oberfläche stattfindet.
Der Autor dieses Artikels hat den hier beschriebenen Vorgang bereits vor Jahren an einem Amiga-500-Gehäuse durchgeführt und es sind bisher keine Probleme bzgl. der Integrität des Gehäuses aufgetreten. Das ist selbstverständlich nur anekdotische Evidenz.