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3D und Bildbearbeitung: Irre Architektur aus dem Computer

Foto: Victor Enrich/ DOCMA

Architektur-Bildbearbeitung So schräg!

Architektur-Phantasien gab es schon lange vor der Ära der digitalen Bildbearbeitung. So radikal und perfekt umgesetzt wie bei dem Spanier Victor Enrich hat man sie aber noch nie gesehen. Ein Ausflug in eine Welt durchgedrehter Gebäude.
Zur Person
Foto: Victor Enrich/ DOCMA

Victor Enrich nahm sein Architekturstudium 1994 auf und wandte sich 2001 der Architektur-Visualisierung mit 3D-Software zu. Der 38-Jährige lebt in Barcelona und realisiert weltweit Projekte (Tel Aviv, München, Washington).

Architektur-Modifikationen gibt es nicht erst, seit Künstler über 3D-Software und Photoshop verfügen können. Sie haben eine lange Tradition - am bekanntesten dürfte wohl das Konzept des Capriccio sein, das etwa im Barock von dem venezianischen Architekten und Kupferstecher Giovanni Battista Piranesi in seinen monumental übersteigerten Ansichten von Rom umgesetzt wurde.

Ein Kollege, dem ich begeistert ein paar zeitgenössische Capriccio-Bilder von Victor Enrich  zeigte, fand sie zwar durchaus interessant - beklagte jedoch ihren Mangel an farblicher Akzentuierung und Inszenierung. Sie haben halt nichts von dem, was man heute einen "Look" nennt, sondern sehen schlicht so aus, wie Fotos eben aussehen, wenn man in einer fremden Stadt die Kamera herauszieht und bemerkenswerte Gebäude aufnimmt.

Vielleicht könnte man das einen Anti-Look nennen: einfach und scheinbar authentisch. Victor Enrich wäre auf solche Kritik wahrscheinlich stolz, denn wer seine Bilder so wahrnimmt, tut das in voller Übereinstimmung mit der Intention des Künstlers: "Mein Ziel ist es, Photoshop so wenig wie möglich einzusetzen und durch die 3D-Bearbeitung die Beleuchtungsbedingungen des Originalfotos so genau wie möglich zu bewahren."

Eine vorbildliche Symbiose aus Fotografie und 3D-Konstruktion

Das ist die schlechte Nachricht: Photoshop spielt eine zwar wichtige, aber nicht die zentrale Rolle beim Entstehen seiner Montagen. Die kommen überwiegend mit 3D-Software wie AutoCAD und 3ds max zustande.

Die gute Nachricht ist: Die Ergebnisse sind faszinierend und bei aller Absurdität so perfekt, dass sie visuell völlig glaubwürdig erscheinen - eine vorbildliche Symbiose aus Fotografie und 3D-Konstruktion, die die Möglichkeiten beider Welten optimal und meisterhaft verbindet.

Er benutze Photoshop vor allem für grundlegende Einstellungen wie Kontrastregelungen oder bestimmte Effekte, sagt Victor Enrich. Er setzt das Programm aber auch ein, um die Möglichkeiten von Ebenen auszureizen - und das können, wie etwa bei dem NHDK-Projekt, mitunter schon einmal mehrere Dutzend sein.

Keinem anderen Gebäudekomplex hat er bislang so viele Variationen entlockt wie diesem, dem Hotel Deutscher Kaiser gegenüber vom Münchner Hauptbahnhof. Wie man auf seiner Website sehen kann, hat er dafür zunächst nicht nur das Hochhaus selbst, sondern auch dessen komplette Umgebung in 3D rekonstruiert - Autos, Fahrräder, Ampeln - eine Vorarbeit, die allein ein halbes Jahr gedauert hat. Die Modifikationen der Architektur waren danach relativ schnell erledigt.

Enrich, der wegen der schwierigen wirtschaftlichen Bedingungen in seinem Heimatland Spanien 2011 zur Jobsuche nach München kam und dort bis 2012 eine behinderte Frau pflegte, lebt inzwischen wieder in Barcelona, arbeitet aber auch an Projekten in Tel Aviv oder Washington.

Seine Absicht sei es, so sagt er, eigene Ausdrucksmöglichkeiten zu finden. Er liebt Städte und das Gespräch über das urbane Umfeld. Seinen Beitrag dazu sieht der ausgebildete Architekt mit dem Schwerpunkt der Architektur-Visualisierung in seinen künstlerischen Entwürfen. Jedenfalls zur Zeit - da ihn so viele Bereiche interessieren, zum Beispiel Sprachen, bleibt zunächst offen, wie lange er sich mit seinen Stadt-Projekten beschäftigen wird.

Dieser Artikel stammt aus DOCMA, Doc Baumanns Magazin für Bildbearbeitung 3/2014