Virtualisierung Eine Spielwiese für PC-Experimente

Mit neuer Software soll man vorsichtig sein: Wer viel ausprobiert, macht damit leicht seinen PC unbrauchbar. Virtualisierungssoftware kann diese Gefahr zumindest vermindern - und ist meist kostenlos zu bekommen.

Virtualbox: Ideal, um neue Software, hier das Chrome OS, auszuprobieren

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Normalerweise reicht ein Betriebssystem auf einem Rechner völlig aus. Doch was tun, wenn die Software für die Steuererklärung nicht unter Mac OS X oder Linux läuft?. Oder wenn das Lieblingsprogramm aus XP-Zeiten mit Windows 7 nicht kompatibel ist? In solchen Fällen kann man sich oft mit einer sogenannten virtuelle Maschine, kurz VM genannt, behelfen.

Eine virtuelle Maschine baut einen PC in Software nach, sagt Andreas Beier von der Zeitschrift "c't". Sie funktioniert also wie ein Computer im Computer. Für die Einrichtung einer VM gibt es verschiedene kostenlose Programme im Netz. Beier empfiehlt die Freeware VirtualBox.

Nach der Installation der Software präsentiert diese einem zunächst einen nackten virtuellen Computer auf dem Bildschirm. Den muss man ganz normal einrichten, und zwar mit allem Drum und Dran. Zunächst wird das gewünschte Betriebssystem aufgesetzt und anschließend die benötigte Software installiert und konfiguriert. Das Betriebssystem muss man wie bei einem richtigen Computer kaufen - es sei denn, man hat noch eine unbenutzte Lizenz in der Schublade liegen.

Besitzer von Linux und Mac OS X, die ein Windows-Programm zum Laufen bringen wollen, können den Kauf von Vista oder Windows 7 eventuell umgehen: Mit Wine gibt es eine kostenlose Software, die Windows-Funktionen nachbildet. Die Wine-Entwickler bauen quasi Windows-Bausteine nach. Wird ein Windows-Programm aufgerufen, greift Wine auf diese zurück. Doch das funktioniert nicht immer. Zudem ist die Einrichtung ziemlich "bastelig", wie Beier sagt. Es gibt auch eine kommerzielle Variante von Wine namens CrossOver, die leichter zu bedienen ist. Zum Ausprobieren gibt es eine Demoversion im Internet. Wer nicht gerne an Software bastelt, sollte sich überlegen, ob man sich stattdessen nicht doch das gewünschte Betriebssystem kaufen sollte.

Ungeeignet für neue Spiele

Wer nur ein altes Spiel zum Laufen bringen will, dem reicht eventuell sogar schon der Emulator Dosbox. Er empfiehlt sich bei allen Spielen, die in den neunziger Jahren erschienen sind und auf MS-DOS basieren. Für Spiele der neuen Generation ist eine virtuelle Maschine hingegen überhaupt nicht geeignet. Das liegt daran, dass die Hardware bei virtuellen Maschinen von einer Software simuliert wird und entsprechend schwach ist.

Einige aktuelle Prozessoren unterstützen inzwischen auch die Einbeziehung von Teilen der vorhandenen Hardware, die dann doppelt genutzt werden kann - vom eigentlichen Rechner und vom virtuellen PC. Die VM kann in diesem Fall die CPU oder die Grafikkarte mitnutzen, allerdings mit klaren Einschränkungen. Wer ein 3D-Spiel der neuesten Generation auf einer virtuellen Maschine zum Laufen bringen will, wird vom Resultat bitter enttäuscht sein: Entweder das Spiel läuft gar nicht oder die Grafik ist deutlich herabgesetzt.

Zum Testen geeignet

Für eine virtuelle Maschine sollte man ein paar Vorkenntnisse mitbringen und genügend Zeit und Geduld für die Einrichtung haben. Ist sie erst einmal am Start, profitiert man auch davon, sagt Beier. Mit ihr lassen sich nicht nur Programme zum Laufen bringen, die mit dem eigentlichen Betriebssystem des PC nicht kompatibel sind, sondern sie ist auch eine perfekte Spielwiese. Auf einer virtuellen Maschine kann man nach Herzenslust neue Software testen, ohne Angst haben zu müssen, dass am Rechner kaputt geht. Wer schon immer mit seinem Betriebssystem experimentieren wollte, aber sich nicht getraut hat, ist hier ebenfalls richtig. Wenn etwas schiefgeht, setzt man die VM kurzerhand zurück.

Wer allerdings das Betriebssystem seines PC zu Testzwecken noch einmal auf der virtuellen Maschine installiert, verstößt möglicherweise gegen Lizenzbedingungen - zumindest wenn es sich um ein Windows-Betriebssystem handelt. Rein theoretisch ist ein virtueller Computer ein zweiter PC, also braucht man auch eine zweite Lizenz, warnt Beier. Teurere Versionen erlauben diese Zweitnutzung, die billigen jedoch nicht. Daher sollte man vor der Installation genau in die Lizenzbedingungen schauen.

Trügerische Sicherheit

Virtuelle Maschinen gelten als guter Schutz gegen Viren, doch das ist laut Beier ein Trugschluss. Wer auf einer VM neue Software aus dem Internet ausprobiert, kann noch lange nicht erkennen, ob sie auch sauber ist. Viel schlimmer noch: Er wiegt sich vielleicht sogar in Sicherheit und zieht verseuchte Software von der virtuellen Umgebung auf seinen PC. Sobald Daten zwischen dem virtuellen und dem normalen PC ausgetauscht werden, sei auch ein Sicherheitsrisiko gegeben, warnt der "c't"-Experte. Auch wer den umgekehrten Weg geht und beispielsweise Bankgeschäfte ausschließlich über die VM laufen lässt, geht ein Risiko ein. Denn wenn der Wirtsrechner verseucht ist, ist auch die VM in Gefahr. Ein Keylogger protokolliert ein Passwort auch von Anwendungen, die in einer VM laufen.

Sandra Schipp, ddp

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