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14. September 2011, 17:35 Uhr

Vorabversion für jedermann

Was Sie über Windows 8 wissen müssen

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Ist es das Fenster in die Zukunft? Microsoft hat sein neues PC-Betriebssystem Windows 8 vorgestellt. SPIEGEL ONLINE hat die für Touchscreens optimierte Software ausprobiert, erklärt mögliche Tücken des Programms - und zeigt auf, wie es vielleicht sogar für bessere Rechner sorgen könnte.

Kurz vor dem Ende seiner mehr als zweieinhalbstündigen Rede zur Vorstellung von Windows 8 machte Microsofts Windows-Chef Steven Sinofsky zwei wichtige Ankündigungen. Die erste betraf nur die anwesenden Software-Entwickler. Sie alle sollen ein Samsung Tablet mit vorinstalliertem Windows 8 bekommen. Die zweite war ebenfalls an Entwickler gerichtet, nützt aber auch interessierten PC-Nutzern: Wer mag, kann sich jetzt die Entwicklerversion von Windows 8 aus dem Netz laden - kostenlos, ohne Garantie und ohne Unterstützung, falls etwas nicht wie erwartet funktionieren sollte.

Wir haben das Experiment gewagt und das Programmpaket von Microsofts Entwickler-Website geladen. Je nachdem, ob man die 32- oder 64-Bit-Variante wählt, ist der Download 2,8 oder 3,6 Gigabyte groß. Wirklich nur Entwickler sollten die Version inklusive Entwicklerwerkzeugen laden, die es auf 4,9 Gigabyte bringt. Das Paket war nach einer knappen halben Stunde auf den Testrechner übertragen.

Die Inhalte der ISO-Datei, die sich dann im Download-Ordner des PC befindet, muss man entweder auf einen bootfähigen USB-Stick kopieren oder die ganze Datei auf eine DVD brennen. Unter Windows 7 geht das ganz einfach, indem man die Datei mit einem Doppelklick startet und die in Windows 7 integrierte Brennsoftware anfahren lässt. Unter anderen Betriebssystemen braucht man eine separate Brennsoftware, wie etwa Nero Burning Rom.

Besser virtuell

Das so vorbereitete System lässt sich dann wie gewohnt auf einem PC installieren. Vor der Installation über ein bestehendes Windows sei aber gewarnt. So lange die Software sich noch im Entwicklungsstadium befindet, muss man davon ausgehen, das sie Fehler hat, plötzlich abstürzt oder womöglich Daten beschädigt. Auf Nummer sicher geht man mit einer Installation in einer virtuellen Maschine, also einem per Software nachgebildeten PC auf dem PC. So bleiben Daten und Programme des Wirtsrechners unangetastet.

Microsoft selbst bietet dafür das kostenlose Virtual PC an, bei vmware gibt es eine Probierversion und die kostenlose Virtualbox läuft nicht nur unter Windows, sondern auch unter Linux und Mac OS X. Wir haben Windows 8 für diesen ersten Test in Parallels Desktop 7 auf einem Macbook installiert - weil man damit prima Bildschirmfotos machen kann.

Alles für die Finger fertig?

Die eigentliche Installation geht recht schnell vonstatten, dauerte bei uns rund eine Viertelstunde. Im Anschluss wird man aufgefordert, sich mit einer Windows-Live-ID anzumelden. Die braucht man später auch, um beispielsweise die Datenbestände mehrerer Windows-8-PCs automatisch synchronisieren zu lassen. Man kann aber auch ohne eine Live-ID ein Benutzerkonto anlegen, einen Zwang gibt es nicht. Ebenso entfällt der leidige Zwang zur Aktivierung der Windows-Kopie, an den man sich bei Microsoft in den letzten Jahren gewöhnen musste.

Einige Augenblicke später, nachdem das System eingerichtet wurde, erscheint der mittlerweile bekannte, von Kacheln gepflasterte Bildschirm, der an die Oberfläche von Windows Phone 7 erinnert. Und er demonstriert, wie sehr Windows 8 für die Bedienung per Finger optimiert wurde. Die großen Kacheln lassen sich auf einem Touchscreen sicher gut anfassen. Mit der Maus sind sie mindestens ebenso leicht zu treffen. Nur, dass sie per Maus nicht so leicht verschiebbar sind wie es per Finger der Fall sein dürfte. Immerhin lässt sich ausprobieren, wie man Kacheln umsortiert und neu gruppiert.

Abstieg zum Desktop

Ähnlich wie man es von Smartphones kennt, werden die Inhalte mancher Kacheln dynamisch aktualisiert. Es werden Wetter, Börsenkurse und Nachrichten angezeigt. Bisher allerdings ist die neue Windows-Oberfläche nur von den mitgelieferten Windows-8-Apps bevölkert. Um weitere Programme zu installieren, muss man die Desktop-Kachel antippen und landet auf einer Oberfläche, die dem gewohnten Windows-7-Desktop sehr ähnlich ist. Nur, dass die Fenster hier in der vom aktuellen Office bekannten Ribbon-Optik ausgelegt sind. Über jedem Fenster prangen also diverse Symbole, mit denen sich Aktionen, wie etwa das Kopieren einer Datei, anstoßen lassen. Hier ist man mit einer reinen Fingerbedienung definitiv aufgeschmissen, sollte zumindest eine PC-Maus zur Hand haben.

Um den Desktop zu verlassen, schwenkt man den Mauszeiger ins linke untere Eck, wo ein "Start"-Button zwischen Desktop und Touch-Oberfläche umschaltet. Die gerade installierten Programme findet man dann weit rechts auf den nebeneinander liegenden Homescreens angeordnet. Ruft man sie auf, schaltet Windows 8 flugs wieder zur traditionellen Desktop-Optik um. So wird zwar Kompatibilität zu alten Apps gewahrt, als Anwender muss man aber bei jedem Wechsel umdenken. Das dürfte sich erst ändern, wenn zur Einführung des neuen Betriebssystems neben den jetzt mitgelieferten Demo-Apps auch neue Versionen bekannter Programme wie Word verfügbar werden.

War früher alles besser?

Für den Einsatz im Alltag ist das neue Windows mithin noch nicht geeignet, aber das soll es ja auch nicht. Um sich schon mal anzuschauen, wie Windows bald aussehen und funktionieren wird, taugt die Vorabversion allemal. Und sie zeigt, dass Microsofts Entwicklungsabteilung aus ihren Dornröschenschlaf wachgerüttelt worden ist und endlich ernst macht mit der Optimierung von Windows für Touchscreens und Tablets. Verglichen mit den halbherzigen Touch-Versuchen in Windows 7 ist Windows 8 ein echter Bruch mit Microsoft-Traditionen.

Genau das aber wird vielen Anwendern nicht gefallen. Schon jetzt kann man in Foren und sozialen Netzwerken viel Gejammer über die neue Windows-Ausrichtung lesen. Manche PC-Nutzer wollen sich offenbar nicht von ihren seit Windows 95 gepflegten Gewohnheiten lösen, halten den Touch-Trend für überflüssig. Doch auf diese Stimmen sollte Microsoft nicht hören. Windows 8 und dessen konsequente Ausrichtung auf Touch-Oberflächen ist die einzige Chance für den Konzern, sich als Innovationsführer zu zeigen.

Eine Chance für den PC

Mit der neuen Software im Rücken könnte der Konzern sich nicht nur im Tablet-Markt breit machen, sondern auch die Gestaltung künftiger PCs und Notebooks maßgeblich beeinflussen und der Branche damit den nötigen Innovationsschub geben, der den Herstellern in den letzten Jahren fehlte. Wenn neuen PC aktuelle Tablet-Technologie eingepflanzt wird - Touchscreens, GPS-Empfänger, Lagesensoren - würden Kaufanreize geboten, die aktuellen Computern abgehen.

Entscheidend für einen solchen Erfolg wird aber sein, wie viele Apps bis zum Windows-8-Start bereitstehen werden und wie gut sie sind. Denn eben weil das neue Windows so anders ist als seine Vorgänger, braucht es Software, die diese Andersartigkeit ausnutzt, um erfolgreich zu sein. Gibt es die nicht, wird Windows 8 nur ein Windows 7 mit einer hübschen Touch-Erweiterung werden.

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