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WeTab im Test Das Halbfertig-Tablet

Wie gut ist das WeTab? Jetzt muss sich das deutsche Tablet beweisen. Der SPIEGEL-ONLINE-Test mit zwei Exemplaren aus der Serienproduktion zeigt: Der Touchscreen reagiert langsam, der Akku macht schnell schlapp, die Benutzeroberfläche ist gelungen. Fertig ist das Gerät noch lange nicht.

Probleme gab es beim WeTab viele, schon bei den sogenannten Hands-on-Sessions, bei denen man Geräte für einige Minuten ausprobieren, aber nicht wirklich testen konnte. Das war noch vor gut einer Woche so - wenige Tage vor dem Verkaufsbeginn. Damals hieß es, die Probleme seien bekannt, würden flink per Software-Update beseitigt. Bis heute, eine Woche nachdem die ersten Vorbesteller ihre WeTabs abholen konnten - und oft reichlich verschnupft auf deren Fehlstellen reagierten -, sind immer noch nicht alle Lücken gestopft. Das WeTab funktioniert noch immer nicht reibungslos.

Bei unserem ersten Testgerät fing das schon mit der notwendigen Registrierung an. Bevor man nämlich irgendetwas mit dem WeTab anstellen kann, muss man es registrieren und einen Benutzer-Account bei WeTab anlegen - online. Eigentlich kein Problem, sofern man online gehen kann. Der Versuch aber, mich in mein abgeschottetes Test-W-Lan einzuloggen, scheitert an einem winzigen Detail: Das Netzwerk-Passwort enthält ein Prozent-Zeichen, das auf der virtuellen Tastatur des Testgeräts nicht enthalten war. Einen Ausweg aus der Misere zeigte mir die Medion-Hotline, die den Support für WeTab erledigt: Einfach eine US-Tastatur anschließen, dann klappt es auch mit der Prozent-Taste. Eine Auskunft, die mich der langen Warteschleife wegen 1,50 Euro kostete.

Was folgte, war die erste positive Überraschung: Statt der angekündigten bis zu 40 Minuten dauerte es nur vier bis fünf Minuten, bis das WeTab alle aktuellen Updates heruntergeladen und eingespielt hatte und betriebsbereit war.

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Das WeTab im Test: Senkrechtstarter oder Rohrkrepierer?

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Die zweite positive Überraschung: Die Benutzeroberfläche des WeTab ist auf den ersten Blick außerordentlich gut gelungen. Schön große Programmsymbole und Bookmark-Icons sind anhand eines unsichtbaren Rasters ordentlich über den Bildschirm verteilt. Links davon befindet sich eine Mehrzweckleiste, die Applikationsabhängig genutzt wird, um etwa Funktionstasten oder Übersichten anzuzeigen. Rechts liegt weitgehend statisch die sogenannte Pinnwand. Sie ist essentiell für die Bedienung. Zum einen, weil sie Kurztasten zum Aufruf eines Taskmanagers und eines Infofensters enthält. Zum anderen, weil dort eine Mini-Übersicht des vertikal angeordneten Desktops zu sehen ist.

Hält man das WeTab im Querformat mit zwei Händen, lässt sich dieses Interface schnell und einfach benutzen, um Apps aufzurufen, zwischen Apps hin und her zu springen und Einstellungen zu ändern. Multitouch beherrscht das WeTab noch nicht. Auch das soll per Update folgen. Viele grundlegende Abläufe sind dennoch flink mit den Daumen beider Hände zu erledigen - wenn der Bildschirm reagiert.

Nur leider reagiert der Touchscreen nicht immer, nicht zuverlässig und wenn doch, dann oft mit fast unerträglicher Verzögerung. Um einen Hardware-Defekt auszuschließen, haben wir den Test an einem zweiten WeTab wiederholt. Hier schien die Reaktionszeit zwar deutlich verbessert, nach einer Weile im Betrieb stellten sich aber auch an diesem Gerät, das direkt aus einem frischen Verkaufskarton kam, dieselben Probleme ein.

Heiße Luft frisst Akku-Laufzeit

Gleichzeitig trat ein anderes Problem zutage: Das WeTab ist eine heiße Kiste. Nicht äußerlich, wohl aber innerlich. Denn während die paar Celsius-Grade, um die sich das Gerät im Betrieb außen erwärmt, noch gut erträglich sind, nervt der leise aber anhaltende Ton des Lüfters auf Dauer eben doch. Dessen Bemühungen, die Hitze aus dem Gehäuse zu blasen, sind zwar im Ruhezustand unhörbar, sobald man aber mehrere Apps geöffnet hat - das WeTab kann Multitasking - dreht er höher auf, bis ihm die Temperatursensoren signalisieren, dass es wieder Ruhe geben kann. Ein Vorgang, der sich im Test regelmäßig wiederholte. Zudem ist heiße Luft Indikator für elektrische Energie, die ungenutzt verpufft. Der Akku hielt im Test durchschnittlich dreieinhalb Stunden durch. Ein ordentlicher Wert für ein Netbook, viel zu wenig für ein Tablet.

Dass sich auch das per Software-Update ändern lässt, ist fraglich. Sicher ist dagegen, dass die Hardware-Beschleunigung von HD-Videos noch auf sich warten lässt. Adobe sei Schuld, erklärt WeTab auf Anfrage. Zwar helfe der Konzern eifrig dabei, seine Flash-Software an die WeTab-Umgebung anzupassen, die Qualitätssicherung des US-Konzerns brauche aber derart viel Zeit, dass derzeit unklar sei, wie lange man noch auf bildschirmfüllende HD-Videos verzichten muss. Immerhin: YouTube in Standardauflösung funktioniert problemlos.

Flackerkram

Arge Schwierigkeiten bereiten dem WeTab dagegen seine Lagesensoren und das mit ihnen verbundene Umschalten der Bildschirmausrichtung. Zwar funktionierte das Umschalten vom Quer- ins Hochformat beim Testgerät, anders als bei manchem Erstbesteller, schon. Allerdings alles andere als problemlos. Pro Ausrichtungswechsel brauchte das WeTab rund zehn Sekunden, bis es nach einigem Bildschirmgeflacker wieder benutzbar war - wenn es denn benutzbar war. Denn von Zeit zu Zeit verhaspelte es sich beim Drehen, zeigte dann beispielsweise ins Hochformat gedreht in der oberen Bildschirmhälfte den stark verkleinerten Inhalt des Querbildschirms an (siehe Video).

Aber auch ohne Drehen und Wenden muss sich der Hersteller für den Bildschirm Kritik gefallen lassen. Zwei Probleme plagen das Display. Dass eine ist, dass man darauf fast aus jedem Blickwinkel die wabenförmige Struktur der Touchscreen-Sensoren sehen kann. Die andere ist die starke Blickwinkelabhängigkeit des Bildschirms. Senkrecht darauf geschaut ist der klasse, zeigt knallige Farben und starke Kontraste. Sobald man aber ein wenig schräg darauf schaut, verändern sich die Farben, und Texte sind nur schwer zu lesen.

Leere Regale

Enttäuschend ist auch der Gang durch den Online-Softwareshop WeTab-Market. Die Regale dort sind noch weitgehend leer. Im Bereich "Gesundheit und Sport" etwa finden sich exakt zwei Einträge, am besten bestückt sind die Abteilungen "Lernen & Spielen" sowie "Einkaufen & Reisen", mit je dreizehn Einträgen. Echte Apps verbergen sich allerdings hinter den wenigsten der samt und sonders kostenlosen Angebote. Die meisten sind nichts anderes als hübsch verpackte Bookmarks.

Und die leiten zu etwas hin, was zum Problem für Vielsurfer werden könnte. Bookmarks werden beim WeTab als Symbole auf dem Pinnwand genannten Desktop abgelegt. Im Auslieferungszustand ist hier noch Platz für exakt 100 Symbole. Installiert man zudem noch echte Apps, die auch mal vier oder sechs Steckplätze belegen, wird das schnell eng. Auch hier will der Hersteller nachlegen. Vor allem aber soll mit eine baldigen Update eine Möglichkeit nachgeliefert werden, Apps aus dem Android-Market zu nutzen. Den Market selbst wird man vom WeTab aber nicht ansteuern können. Trotzdem dürften damit schnell erheblich mehr Apps für das Tablet verfügbar werden. Ob diese dann auch die speziellen Eigenschaften des Geräts auszunutzen verstehen, ist allerdings fraglich. Die meisten Android-Apps sind eben für Handys optimiert.

War das ein Frühstart?

Nach all den Vorschusslorbeeren und vielen Ankündigungen rund um das WeTab stellt sich nach den ersten Tagen im Einsatz eine gewissen Ernüchterung ein. Keine Frage: Das Konzept ist gut, das Design ist gut, Potential hat das WeTab. Nur an der Umsetzung hapert es derzeit noch. Die größten Mankos sind das fast nicht existierende Angebot an Apps, die fehlenden Multitouch-Funktion und das nach rund einer Stunde Laufzeit nur noch stockend reagierende Interface. Gräbt man tiefer, entdeckt man zudem, dass die hübsche Benutzeroberfläche eben nur an der Oberfläche existiert. Dateiauswahlboxen etwa sind kaum bedienbar, Programme wie Open Office mangels Touchscreen-Optimierung nur mit Mühe zu benutzen.

Angesichts eines Verkaufspreises von 569 Euro für das getestete Modell mit 32 GB Speicher und UMTS-Modul sind das zu viele Einschränkungen. Vorerst bleibt das WeTab eine Wundertüte: außen hübsch verpackt aber innen mit unbekanntem Inhalt. Was einmal daraus wird, ist vollkommen unklar. Es könnte der Flop des Jahres werden oder der Senkrechtstarter zum Weihnachtsgeschäft - wenn es bis dahin endlich wirklich fertig wird.

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