Bildmontagen So erzeugen Sie richtige Schlagschatten

Wenn in einer Bildmontage echte Schatten fehlen, muss man diese eben selbst erzeugen. Damit sie realistisch wirken, müssen einige Regeln beachtet werden. Wie das geht, zeigt das Fotomagazin "Docma".

Konstruktion von Schlagschatten an einer Gliederpuppe: Bei komplexen Objekten kann es richtig schwierig werden
Doc Baumann/ DOCMA

Konstruktion von Schlagschatten an einer Gliederpuppe: Bei komplexen Objekten kann es richtig schwierig werden


Das geometrische Konstruieren von Schlagschatten ist ein Teilbereich der konstruktiven Perspektive. Um Schatten auf diese Weise darzustellen, sollten Sie also mit Begriffen wie Fluchtpunkt, Fluchtlinie, Horizont und dergleichen vertraut sein. Wir haben diese Themen in "Docma" immer wieder behandelt.

In diesem Tutorial kann ich Ihnen nur einige Grundlagen des Verfahrens vorstellen. Selbstverständlich ist ein Quader der allereinfachste Körper, an dem sich so etwas demonstrieren lässt, und mir ist durchaus bewusst, dass es um Größenordnungen schwieriger ist, in der beschriebenen Weise einem Menschen seinen optisch-geometrisch passenden Schatten zuzuweisen.

Künstliche Schatten sind in der Regel dann gefragt, wenn Sie ein fotografiertes Objekt aus einem Bild ausschneiden und in eine Montage überführen. Den leichtesten Weg hatte ich Ihnen in "Docma 63" ab Seite 40 gezeigt: Die Übernahme des originalen Schattens in das montierte Bild - ebenso den zwar immer falschen, aber mitunter dennoch kaum auffälligen Weg über das Verzerren eines schwarz gefüllten Duplikats des Objekts. Lässt sich weder das eine noch das andere realisieren, versuchen Sie es einmal mit einer Konstruktion.

Üblicherweise stellen Perspektive-Lehrbücher so etwas mit klaren Linienzeichnungen dar. Für Bildbearbeiter ist es aber wahrscheinlich besser nachvollziehbar und praxisnäher, wenn wir von Fotos ausgehen. Ein Grundproblem von Beleuchtung und Schattenwurf bei Sonnenlicht ist, dass die Sonnenstrahlen einerseits wegen der riesigen Entfernung der Lichtquelle parallel einfallen - andererseits aber auch der Perspektive unterliegen. (Es gab schon Vorschläge für Bildkritik und Bad-Pixel-Award, deren Einsender das übersehen hatten. Schatten etwa von Straßenbegrenzungspfosten fallen zwar parallel, laufen wegen der Perspektive aber dennoch - ungefähr - in Richtung der Sonne zusammen.)

Ich zeige Ihnen sowohl das - einfachere - Verfahren mit parallelen Sonnenstrahlen wie das mitunter überzeugendere mit konvergierenden. Ist die Lichtquelle nicht unendlich weit entfernt, entsteht das Problem ihrer exakten Position im Raum. In den zwei Dimensionen auf einem Bild dargestellt, kann sich eine Lampe an vielen verschiedenen Stellen befinden; um den passenden Schlagschatten zu konstruieren, müssen Sie mit einem Trick festlegen, wo der Leuchtkörper in der Tiefe des Raums tatsächlich lokalisiert ist.

Schatten konstruieren
1 Foto mit zwei Quadern

Beginnen wir mit einer einfachen Konfiguration: Auf einer Fläche stehen zwei Kisten - also idealisiert die geometrische Grundform des Quaders. Die Kamera wurde hier so positioniert, dass das Sonnenlicht genau von links kommt. Entsprechend fällt der Schlagschatten nach rechts.

(Kurze, verwirrende Anmerkung: Obwohl es sich hier um ein unbearbeitetes Foto handelt, ist die Perspektive seltsamerweise konstruktiv falsch. Nicht nur konvergieren die Fluchtlinien der beiden Kisten auf unterschiedlichen Horizonthöhen, selbst die Fluchtpunkte ihrer linken und rechten Seiten unterscheiden sich und liegen auf verschiedener Höhe. Wahrscheinlich war einfach der Boden uneben.)

2 Quader vor neuem Grund

Natürlich ließen sich die Schatten übertragen - hier aber sollen sie nur zum Vergleich dienen. Sie benötigen auf neuen Ebenen drei Arten von Hilfslinien: Die grünen - innerhalb der Körper - sind dazu da, die verdeckten hinteren Quaderecken sichtbar zu machen. Ziehen Sie danach die zur Lichtquelle hin parallel ausgerichteten hellblauen Hilfslinien, und zwar so, dass sie durch die auf dem Boden aufsitzenden Ecken der Quader verlaufen (daher die Notwendigkeit, die verdeckten hinteren Ecken zu konstruieren). Die dritte Gruppe von Linien (orange) verläuft ebenfalls parallel und entspricht der Beleuchtungsrichtung der Sonne.

3 Konstruierte Schatten

Für die weitere Konstruktion sind die blauen Konstruktionslinien auf dem Boden wichtig, die zum einen die waagerechten Schattengrenzen markieren und sich zum anderen mit den orangen "Sonnenstrahlen" überschneiden (in Abbildung 2 mit Kreisen und Ziffern hervorgehoben). Legen Sie eine neue Ebene zwischen Hintergrund und Objekt/en an und klicken Sie mit dem "Polygonlasso" nacheinander auf die Punkte 1 bis 5 (Letzerer rot dargestellt, da vom Körper verdeckt). Füllen Sie die Auswahl mit dunkler Farbe und reduzieren Sie die Deckkraft der Ebene, damit der Schatten realistisch wirkt.

4 Nicht-parallele Strahlen

Was mit parallelem Lichteinfall bei [3] zu einem guten Ergebnis geführt hat und hinsichtlich der Schattenform weitgehend mit dem Foto der Szene [1] übereinstimmt, lässt sich nicht ohne weiteres auf alle Situationen übertragen. Bei dem Bild würden parallele Sonnenstrahlen zu einem völlig anderen Schlagschatten auf dem Boden führen als dem tatsächlich projizierten. Die Verbindung korrespondierender Objekt- und Schattenpunkte mit Linien und deren Verlängerung nach oben führt zu einem einzigen Punkt, der dem Stand der Sonne am Himmel im Augenblick der Aufnahme entspricht (links). Betrachten wir diese Art der Konstruktion näher.

5 Künstliche Lichtquelle

Während Sie bei der Sonne mitunter die Wahl haben, ob Sie von parallelem Lichteinfall ausgehen oder von Strahlen, die auf einen Ursprungspunkt hin zusammenlaufen, besteht diese Wahlfreiheit bei künstlichen Lichtquellen nicht, da diese fast immer in einer vergleichsweise geringen Entfernung positioniert sind. Die Szene oben ist dieselbe wie zuvor - nur die Lichtquelle befindet sich irgendwo in der Nachbarschaft. Nur wo genau? Das ist in einem zweidimensionalen Bild uneindeutig - sie kann weit hinter den beiden Körpern liegen, direkt über ihnen oder sogar vor ihnen. Diesen Ort müssen Sie zunächst festlegen.

6 Einzeichnen von Hilfslinien

Um eindeutig zu bestimmen, wo (über welchem Punkt am Boden) die Lichtquelle sich befindet, ziehen Sie auf einer neuen Ebene eine Linie nach unten. Ihr Fußpunkt definiert die Stelle direkt unterhalb unserer "Lampe". (Genau genommen ist ohne ein perspektivisches Rastergitter auf dem Boden auch dieser Punkt nicht wirklich eindeutig lokalisierbar, aber praktisch reicht dieses Verfahren aus.) Von diesem Fußpunkt aus ziehen Sie Hilfslinien, die durch die unteren Ecken der beiden Körper bis zum Bildrand verlaufen.

7 Einzeichnen der Strahlen

Wie in der Schatten (Re-)Konstruktion von Abbildung 4 verbinden Sie nun die Lichtquelle - exakter: deren Zentrum - mit den oberen Ecken der Körper und führen die Strahlen-Hilfslinien über diese hinaus. Bei dem linken Quader würden sich blaue und rote Linien erst weit außerhalb des Bildrandes kreuzen; bei dem Körper rechts liegen diese Schnittpunkte gerade noch innerhalb des Bildes.

Da Leuchtkörper nicht nur Schatten erzeugen, sondern eben auch Licht, können Sie ihre Position - wie in [8] und [10] - zusätzlich auch durch eine gezielte, perspektivisch angepasste Aufhellung der Szene deutlich machen.

8 Füllen der Schatten

Wie zuvor in Abbildung 3 legen Sie eine weitere neue Ebene zwischen Körper/n und Hintergrund an und verbinden mit dem Polygonlasso die unteren Körperecken mit den Punkten, in denen sich die blauen Hilfslinien am Boden mit den roten Lichtstrahlen der Lampe kreuzen. Beim rechten Körper ergibt das einen vollständig sichtbaren Schlagschatten, beim linken ragt er über die Bildgrenzen hinaus. Füllen Sie die Auswahl mit schwarzer oder dunkler Farbe und setzen Sie die Deckkraft der Schattenebene so weit herab, dass der Schatten nicht zu tief erscheint. (Bei Bild 3 wurden die Schatten mit zunehmender Entfernung vom Körper etwas aufgehellt, entlang der Standfläche leicht abgedunkelt.)

9 Andere Position der Lampe

Denken Sie sich die Hilfslinien weg, so ist das obige Bild identisch mit Abbildung 5 gegenüber. Allein das Einzeichnen der verlängerten senkrechten Linie unter der Lichtquelle - so dass der Fußpunkt weiter nach vorn rückt - macht deutlich, dass die Lampe diesmal direkt zwischen und über den beiden Quadern positioniert ist. (Noch einmal zur Vertiefung: Wegen der fehlenden dritten Dimension im Bild könnte die Lichtquelle prinzipiell auf jedem Punkt einer Linie liegen, die direkt vor dem Auge des Betrachters beginnt und weit hinten, direkt auf dem Boden der Ebene treffend, endet).

10 Neue Schattenkonstruktion

Nachdem Sie die Schlagschatten wie zuvor (in den Schritten 3 und 8) beschrieben mit dem "Polygonlasso" umrandet und gefüllt haben, blenden Sie alle Hilfslinien aus. (Zusätzlich habe ich wie in [8] den Hintergrund abgedunkelt, um die Szene realistischer zu gestalten, und zudem jeweils unterhalb der Lampe den Boden aufgehellt.) Sie sehen nun, dass sich - ohne jede Änderung bei Hintergrund, Körpern und (zweidimensionaler) Position der Lichtquelle - eine völlig andere Beleuchtungssituation ergibt. Erstaunlicherweise "sehen" wir die Lampe jetzt auch an einer ganz anderen Stelle.

11 Komplizierte Objekte

Wie eingangs bereits angemerkt, ist eine solche Schattenkonstruktion bei Quadern recht einfach - bei komplizierter aufgebauten Objekten oder Menschen dagegen deutlich mühsamer. Hier können Ihnen die Hilfslinien nur eine ungefähre Orientierung bieten. Die Gliederpuppe wird von rechts beleuchtet, daraus folgen die blauen Hilfslinien auf dem Boden. Wo sie verlaufen, ermitteln Sie, indem Sie von markanten Stellen der Figur senkrechte Linien nach unten ziehen. Allerdings bekommen Sie es auch hier wieder mit der zweidimensionalen Uneindeutigkeit zu tun, weil nicht ganz klar ist, wo die Senkrechte die Bodenebene schneidet. Ein Rastergitter auf dem Boden kann hier weiterhelfen. Perspektive-Lehrbücher wie etwa das von Dürer führen zudem Aufsichten auf das Objekt ein, die dann in die Ebene übertragen werden.

12 Objektschatte

In der Praxis würde Dürers Vorgehensweise einen erheblichen Aufwand bedeuten, zumal Sie ein fotografiertes Objekt zu diesem Zweck erst einmal nachkonstruieren müssten. Genau das tut man in 3D-Programmen - nur braucht man dort die weiteren Schritte der Schattenkonstruktion nicht mehr, weil die Objekte von allein den richtigen Schatten werfen. Hier habe ich übrigens gemogelt: Der schöne Schlagschatten ist nicht konstruiert, sondern der echte, fotografierte Schatten.

13 (Re-)konstruierter Säulenschatten

Links sehen Sie das (nach oben erheblich verlängerte) Originalfoto (aus Ostia Antica), in der Mitte die aus den Schritten 5 bis 10 bereits vertrauten Hilfslinien, rechts die Schattenfüllung, oben den nachkonstruierten Schatten der beiden Säulen. Die (rosa) Schattenbegrenzungslinien konvergieren auf den Punkt, in dem die Senkrechte unter der Sonne (gepunktet) den Horizont (grün) schneidet. Das vordere Ende des Schattens ergibt sich aus den Schnittpunkten dieser rosa Fluchtlinien mit den orangen "Lichtstrahlen" von der Sonne. Trotz der Rekonstruktion ist der linke künstliche Schatten deutlich länger als im Originalfoto.

Zum Autor
    Hans D. Baumann, genannt Doc Baumann, ist Fachautor und -journalist für digitale Bildbearbeitung und Photoshop, Grafiker, Schriftsteller, Kunstwissenschaftler und Chefredakteur des Bildbearbeitungsmagazins DOCMA.

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insgesamt 2 Beiträge
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Seite 1
Mertrager 23.08.2015
1. Komisch
Wenn man schon ein wenig davon Kenntnis hat, was da besprochen wird, hilft einem dieser Artikel nicht wirklich einen Milimeter weiter. Fehlt da die Pointe ?
5gum 24.08.2015
2.
Ist das jetzt ein Nachrichtenportal oder eine Tutorial-Seite?
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