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Windows 7 Hasta la Vista!

Jetzt geht's los: Ab Donnerstag startet der Verkauf von Windows 7. Hersteller Microsoft verspricht mehr Leistung, einfachere Bedienung und Kompatibilität vom Netbook bis zu Highend-PC. Matthias Kremp hat den Vista-Nachfolger ausprobiert - und war schockiert.

Wer hätte gedacht, dass ich das mal sagen würde: Das neue Windows macht Spaß. Zugegeben, es könnte auch einfach der Schock sein. Schließlich hat sich Microsoft bei Windows Vista nicht gerade mit Ruhm bekleckert und die Schmerzgrenze der Windows-Anwender nach oben verschoben. Entsprechend leicht fällt es nun, mit dem Vista-Nachfolger zu punkten.

Doch selbst erklärte Anhänger des für seine Benutzerfreundlichkeit gelobten Mac OS X müssen eingestehen, dass Microsoft mit seinem neuen PC-Betriebssystem Windows 7 ein Wurf gelungen ist.

Genau wie Apples neues Mac OS X 10.6 Snow Leopard glänzt Windows 7 nicht in erster Linie durch neue Funktionen. Sicher, die gibt es auch, doch stehen sie nicht so sehr im Vordergrund wie etwa die Mediacenter-Funktionen seinerzeit bei Windows Vista. Stattdessen wurden dem Microsoft-Betriebssystem die Kanten abgeschliffen. Viele Vorgänge, bei denen man sich in Vista noch mit zahlreichen Klicks durch etliche Dialogboxen arbeiten musste, lassen sich jetzt viel schneller und einfacher erledigen.

Das fängt schon bei der Installation an. Man muss die Festplatte auswählen, auf der das System sich einrichten soll, und die Lizenznummer eingeben, mehr nicht. Je nach PC-Leistung kann man sich die nächsten 20 bis 40 Minuten damit vergnügen, Kaffee zu kochen, denselben auszutrinken und dazu vielleicht noch ein Stückchen Kuchen zu essen.

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Windows 7: Das bessere Vista

Foto: A2800 epa George Frey/ dpa

Ist das erledigt, kann man sich davon überzeugen, dass nun auch bei Microsoft weniger mehr ist. Beim ersten Blick auf den neuen Desktop fällt zumindest Vista-Usern sofort auf, dass etwas fehlt. Mit Vista nämlich führte Microsoft sogenannte Widgets ein, Mini-Anwendungen, die ständig am rechten Bildschirmrand herumlungerten, wertvolle Bildfläche mit der Anzeige der Uhrzeit oder Wettervorhersagen vergeudeten und sich ständig in den Vordergrund drängten. Um die lästigen kleinen Dinger los zu werden, musste man sie erst umständlich abschalten.

Dieser Info-Terror ist mit Windows 7 endlich vorbei. Ganz verschwunden sind die Widgets aber nicht. Sie heißen jetzt Mini-Anwendungen, können beliebig auf dem Desktop platziert werden - wenn man will. Allerdings sind die Kleinprogramme viel dezenter geworden, verdecken keine Fenster mehr. Und es gibt Massen von ihnen. Microsofts Download-Web-Seite listet derzeit 711 der kleinen Programme auf, die bisher in der Seitenleiste ihr Dasein fristeten und nun auf den Desktop entlassen werden.

Mehr Sicherheit, auch unterwegs

Das Motto, demzufolge weniger mehr sein kann, hat Microsoft auch auf das Thema Sicherheit angewendet. Das scheint erst einmal in Ordnung und wird als sehr angenehm empfunden, wenn man Windows Vista gewöhnt ist. Die Angewohnheit des XP-Nachfolgers, bei jeder noch so kleinen Änderung am System um Erlaubnis zu bitten, nervte nicht zu knapp. Mit Windows 7 ist das vorbei, nur selten vergewissert sich das System, ob man einen Vorgang auch wirklich absichtlich angeschoben hat.

Möglich wird das allerdings nur, indem die Sicherheitseinstellungen herabgesetzt wurden. Experten raten daher, man solle möglichst bald nach der Windows-Installation im Kontrollfeld "Benutzerkonten" die "Einstellungen für Benutzerkontensteuerung" auf den Maximalwert heraufsetzen. Dann fragt das System zwar etwas häufiger um Erlaubnis, wenn beispielsweise ein Programm installiert werden soll. So penetrant wie bei Vista sind die Abfragedialoge aber bei weitem nicht.

Übergenau kann das System in Sachen Sicherheit trotzdem sein. Die mit Vista eingeführte Bitlocker-Verschlüsselung für Festplatten wird mit Windows 7 auf mobile Datenträger wie USB-Festplatten und Speichersticks erweitert. Per Passwort lassen sich die kompletten Datenträger derart verschlüsseln, dass sie für Fremde nicht mehr lesbar sind. Offenbar geht die Software hier recht rigide zur Sache, denn schon die Verschlüsselung eines 2 GB großen USB-Sticks dauerte auf einem flinken Vierkern-PC mehrere Minuten. Auf XP- und Vista-Rechnern lassen sich derart verschlüsselte Daten mit Hilfe eines automatisch auf den Stick kopierten Bitlocker-Programms entschlüsseln. Linux-User und Mac-Anwender gucken in die Röhre, ihnen bleiben per Bitlocker geschützte Daten verschlossen.

Treiber sind kein Problem mehr

Nicht verschlossen bleiben Windows-7-Anwendern dagegen die Fähigkeiten der meisten PC und vieler Peripheriegeräte. Während Vista in seiner Einführungsphase noch unter akutem Treibermangel litt, bringt Windows 7 offensichtlich ein so üppiges Treiberpaket mit, dass zumindest jede halbwegs gängige Hardware automatisch erkannt und installiert wird. Wo dem System Treiber fehlen, können diese automatisch aus dem Netz nachgeladen werden. Das funktioniert auf unseren Testrechnern zumindest fast immer problemlos. Nur wenige Geräte, wie das gerade erst vorgestellte Grafiktablett Bamboo Pen & Touch von Wacom, wurden nicht mit korrekten Treibern versorgt. Immerhin aber installierte Windows 7 für solche Geräte Universaltreiber, die zumindest die Grundfunktionen nutzbar machen.

Dass es um die Versorgung mit Treibersoftware so gut steht, dürfte vor allem der Tatsache geschuldet sein, dass Windows 7 auch die meisten Vista-Treiber verwenden kann. Von denen gibt es mittlerweile ja ein üppiges Reservoir. Wo also noch kein nativer Windows-7-Treiber vorliegt, kann man problemlos auch zur Vista-Software greifen. Dasselbe gilt auch für Anwendungsprogramme. Alle zum Test installierten Anwendungen und Spiele funktionierten auf Anhieb. Eine Auflistung ausdrücklich als Window-7-kompatibel bezeichneter Programme bietet Microsoft auf einer eigenen Webseite . Hilfreicher wäre freilich eine Seite, die inkompatible Software auflistet.

Schnell im Netz, allwissende Bibliotheken

Um an die heranzukommen, braucht man freilich eine Internetverbindung. Die stellt Windows 7, zumindest bei unserem Test per DSL, ohne jede Nachfrage selbst her, sofern es über einen Router mit dem Netz verbunden ist. Bei Notebooks mit W-Lan-Anbindung zeigt das System alle verfügbaren Netze an und stellt, gegebenenfalls nach Eingabe des W-Lan-Passworts, eine drahtlose Verbindung her.

Ebenso einfach wie sich Windows 7 mit dem Internet anfreundet, macht es sich auch im Heimnetz bekannt. Über die Funktion "Heimnetzgruppe" stellt es ohne weiteres Zutun ein Netzwerk bereit, über das sich Windows-7-Computer zusammenschließen lassen. Auch mit XP- oder Vista-Rechnern klappt das einwandfrei. Auch in einem heterogenen Netzwerk mit Macs und PC funktionierte die Kommunikation problemlos.

Netzwerkfestplatten hingegen erkennt Windows 7 problemlos und spielt auch darauf gespeicherte Musik und Filme klaglos ab. Nutzt man solche Speicher oder hat seine digitalen Daten auf mehrere Rechner verteilt, kommt eine Funktion zum tragen, die eines der großen Highlights des neuen Windows ist: Bibliotheken. Diese neuen Datensammler sind praktisch, übersichtlich und nützlich zugleich. Direkt nach der Installation enthält das System nur vier Bibliotheken, die letztlich bloß auf die Ordner für eigene Bilder, Videos, Musik und Dokumente verweisen.

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Windows 7: Das bessere Vista

Foto: A2800 epa George Frey/ dpa

Ihre wahre Stärke spielen Bibliotheken aber erst aus, wenn man selbst welche einrichtet. Dann nämlich kann man Daten aus verschiedenen Quellen in einem dieser "Über-Ordner" zusammenfassen. Ein Beispiel: In meinem Heimnetzwerk ist digitale Musik auf verschiedenen Macs, einem PC und überdies auf einer Netzwerkfestplatte gespeichert. Normalerweise ist es quasi unmöglich, diese verschiedenen Musiksammlungen im Blick zu behalten. In einer Windows-7-Bibliothek konnte ich nun aber sämtliche Musikordner zusammenfassen. Das Bestechende daran: Man kann sich den gesammelten Inhalt einer solchen Musikbibliothek beispielsweise nach Interpreten oder Alben sortiert anzeigen lassen, unabhängig davon, wo die Musik tatsächlich gespeichert wird. Verschoben werden die Dateien dabei nicht, in den Bibliotheken liegen lediglich Verweise auf die Originaldateien. Im Gegensatz etwa zu iTunes, das im Prinzip ähnliche Funktionen enthält, merkt jede Bibliothek auch, wenn sich in untergeordneten Ordnern etwas ändert - also beispielsweise ein Song dazukommt. Das gleiche Prinzip funktioniert auch für Texte, Fotos oder andere Dateitypen.

Verweise auf aktive Programme und Fenster werden übersichtlicher als zuvor in der neuen Taskleiste verwaltet. Die zeichnet sich unter anderem dadurch aus, dass sie Miniaturen der zu jedem laufenden Programm gehörenden Fenster anzeigt. So findet man schnell zu einem bestimmten Window, auch wenn gerade mehrere Programme parallel mit etlichen geöffneten Fenstern den Arbeitsspeicher besiedeln. Einziger Haken: Sind in einem Browserfenster mehrere Seiten in verschiedenen Reitern (Tabs) geöffnet, wird in den Miniaturen nur die jeweils vorderste Seite angezeigt.

Was war noch mal Windows Vista?

Man will ein Programm fest in der Taskleiste verankern, um es künftig schneller starten zu können? Mit zwei Mausklicks ist das erledigt. Ein Beispiel dafür, wie sehr man sich bei Windows 7 offenbar bemüht hat, die gefühlte Geschwindigkeit des Systems zu erhöhen, indem alltägliche und wiederkehrende Aufgaben schneller erledigt werden können.

Schneller als Vista ist Windows 7 nicht geworden, zumindest nicht deutlich - so legen es Benchmark-Tests von Fachzeitschriften nahe. Aber selbst das kann man als Fortschritt verbuchen, erinnert man sich daran, wie sehr der XP-Nachfolger bei seiner Einführung mit überhöhten Hardware-Anforderungen genervt hat. Windows 7 gibt sich da bescheidener, soll selbst auf einem Ein-GHz-PC noch rund laufen.

Und damit fällt auch das letzte Argument der Update-Verweigerer: Selbst auf älteren Rechnern und schwachbrüstigen Netbooks ist das neue Windows lauffähig. Wer sich bisher - aus guten Grund - sträubte, auf Windows Vista umzusteigen, kann den Umstieg auf Windows 7 bedenkenlos wagen. Zumal sich das neue Betriebssystem - sofern das eigene Vista auf dem neuesten Stand ist - einfach übers alte darüberinstallieren lässt. Ordnerstrukturen, Dateien und zum Teil sogar Programme werden einfach übernommen. Der Umstieg von Windows XP erfordert etwas mehr Planung.

Ganz billig wird das aber nicht. Selbst für die billigste Upgrade-Version gibt Microsoft einen Listenpreis von 120 Euro an. Ein Schnäppchen können allerdings Studenten machen, denen das Upgrade bis zum 28. Februar 2010 für 35 Euro angeboten wird. Nur zum Vergleich: Apple bietet das Upgrade auf Mac OS X 10.6 Snow Leopard für 30 Euro an - für jedermann.

Trotzdem: Windows 7 hat das Potential, ein Erfolg zu werden. Zum ersten Mal hat man das Gefühl, Microsoft habe bei einem neuen Betriebssystem wirklich an die Anwender gedacht, zum ersten Mal macht ein neues Windows auf Anhieb Spaß. Auf neuen PC und Notebooks wird Windows 7 ohnehin ab dem 22. Oktober Standard sein. Das unrühmliche Windows Vista hingegen dürfte bald vollkommen in Vergessenheit geraten und Platz machen für einen Nachfolger, der das Windows ist, das Vista eigentlich sein sollte - endlich.