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19. Oktober 2017, 13:04 Uhr

Acer-Headset für Windows Mixed Reality

Liebloser Fortschritt

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Diese Woche sind gleich mehrere neue Virtual-Reality-Brillen für Windows 10 erschienen. Doch was taugt Windows Mixed Reality? Wir haben beispielhaft ein Acer-Headset ausprobiert.

Ich habe gefühlt schon meine halbe Wohnung umgebaut, um Virtual-Reality-Brillen zu testen. Als ich etwa die HTC Vive daheim ausprobierte, brauchte ich mehrere Verlängerungskabel und baute mir einen Turm aus Bügelbrett, Wäschekorb und einem Ministativ. Nur so schaffte ich es, einen der Bewegungstracker auf der richtigen Raumseite und in den gewünschten zwei Metern Höhe anzubringen. Eine falsche Bewegung unter der Brille und alles wäre zusammengefallen.

Bei Acers neuer Brille für die virtuelle Realität (VR), Windows-Mixed-Reality-Headset genannt, gibt es solche Probleme nicht. Die Brille hat zwei integrierte Kameras. Inside-Out-Tracking wird dieses System genannt, für das man keine Sensoren oder Tracker im Raum anbringen muss - anders als bei den Konkurrenz-Brillen HTC Vive und der Oculus Rift.

Das 440-Gramm-Headset wird über ein vier Meter langes Kabel, das in einer USB-3.0-Buchse und in einem HDMI-Ausgang mündet, mit dem Rechner verbunden - es bleibt also bei nur einer Stolperfalle beim Spielen.

Und noch eine Sache gefällt: Die Vorderseite des Headsets lässt sich hochklappen. Das ist praktisch, wenn man zum Beispiel eine Wasserflasche oder ein Kopfhörerkabel sucht. Das Acer-Modell eignet sich zudem auch für Brillenträger wie mich, weil der Hersteller ausreichend Platz für eine doppelte Bebrillung gelassen hat.

449 Euro für Brille samt Controllern

Acers Mixed-Reality-Set kostet 449 Euro. In diese Größenordnung fallen auch technisch vergleichbare Pakete von den Firmen Dell, HP und Lenovo, die dieser Tage ebenfalls im Handel landen. Die Systemanforderungen für alle Windows-Mixed-Reality-Geräte lassen sich hier nachschauen.

Zum Acer-Paket gehören zwei Controller, die an die der HTC Vive erinnern. Ihre aufregendste Eigenschaft: Sie leuchten. Das lenkt davon ab, wie klobig ihr Design wirkt.

Den Eindruck, man habe für sein Geld ein extrem hochwertiges Produkt erworben, dürften Käufer der Acer-Brille selten haben: Das fängt bei der unspektakulären Verpackung an und endet bei der Feststellung, dass sich im Karton weder ein Kopfhörer zum Anschluss ans Headset befindet, noch ein Bluetooth-Dongle. Letzterer ist nicht in jedem PC standardmäßig eingebaut, wird aber gebraucht, damit der Rechner und die Controller sich verbinden.

Wenig einladend wirkt auch das Windows-Mixed-Reality-Programmfenster, das auftaucht, sobald man das "Fall Creators Update" für Windows 10 installiert und die Brille anschließt.

Die Spiele machen Spaß - auch hier

Besser wird das Erlebnis, sobald man in VR ist, in Spielen wie "Superhot VR" oder "Space Pirate Trainer". Die machten schon mit den anderen Headsets viel Spaß. Als virtuelle Benutzeroberfläche bietet Microsoft dem Nutzer eine Luxusvilla, in der man sich per Teleport umherbewegen kann, angeleitet von Cortanas Stimme. Wer will, kann hier auch per Edge-Browser via Großleinwand im Web surfen.

Von den bislang unbekannten Apps hat mich am ehesten das kostenlose "Halo: Recruit" angesprochen. Dieses Spiel ist trotz des großen Spielenamens aber leider nicht mehr als ein simpler Schießstand-Simulator.

Die Bildqualität der Acer-Brille ist mit der Konkurrenz vergleichbar, das Sichtfeld ist zwar merklich, aber auch nicht dramatisch kleiner als bei Rift und Vive. Auch die Controller tun, was sie sollen. Das Gesamterlebnis ist dank ihnen wie bei der PC-Konkurrenz um einiges eindrücklicher als mit Handybrillen wie der Samsung Gear VR oder Googles Daydream View.

Besserung in Sicht

Enttäuschend ist allerdings, dass sich mit der Acer-Brille bisher nur Apps und Spiele aus dem Windows-10-Store nutzen lassen, wo nur wenige Dutzend Anwendungen verfügbar sind - und zum Großteil eben bereits bekannte Titel wie der Zombie-Shooter "Arizona Sunshine".

Künftig soll man mit der Mixed-Reality-Brille auch Spiele von Valves Plattform SteamVR spielen können. Vermutlich erst dann wird die App-Auswahl wirklich mit der für Vive- und Rift-Käufer konkurrieren können.



So endet mein Test mit gemischten Gefühlen. Ja, die Acer-Brille kann, was die Konkurrenz kann, und das gut funktionierende Tracking über die integrierten Kameras macht die VR-Nutzung unkomplizierter. Gleichzeitig wirkt das Gesamtpaket ein wenig lieblos, und bei der App-Auswahl gibt es bisher noch zu wenige Highlights.

Ich persönlich würde mir auch wegen der aus meiner Sicht besseren Controller derzeit eher eine Oculus Rift samt Oculus Touch kaufen, jenes Paket kostet derzeit mit 449 Euro genauso viel. Und mit der Rift lassen sich schon jetzt Spiele von SteamVR nutzen, dazu kommen einige gute Exklusivtitel aus dem Oculus Store.


Update, 16. November: Wie die Kollegen von "Heise" berichten, ist mittlerweile zumindest eine Open Beta gestartet, durch die die Besitzer von Windows-Mixed-Reality-Headsets Anwendungen von Steam VR nutzen können.

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