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11. Oktober 2010, 16:24 Uhr

Windows Phone 7

Microsoft kämpft sich in die Gegenwart

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Einst verschlief Microsoft das Internet, auch beim Thema Smartphones überließ der Konzern lange das Feld der Konkurrenz. Nun präsentiert er sein neues Windows für Handys. Eine Art letztes Aufgebot - es könnte längst zu spät sein.

Hamburg - Es gibt ein paar schlichte Zahlen, die erklären, warum Microsoft am heutigen Montag in den USA und diversen Städten Europas simultan Präsentations-Events ablaufen ließ, die mit den Apple-Produktshows mithalten sollen. Warum der Konzern geschätzte 400 Millionen Dollar an Marketingbudget für sein neues Handybetriebssystem eingeplant hat. Im Markt für Desktoprechner ist Microsoft noch immer und trotz aller Kritik an Windows-System uneinholbarer Marktführer, mit einem weltweiten Marktanteil von über 90 Prozent. Auf Handys aber haben sich Microsofts Betriebssysteme nie richtig durchsetzen können.

Derzeit liegt der Marktanteil von Windows Mobile den Marktforschern von Gartner zufolge weltweit bei fünf Prozent. Auf Platz eins liegt nach wie vor ein Unternehmen, das in jüngster Zeit nicht mehr viel von sich reden machte: Nokia. Das Handy-Betriebssystem Symbian läuft Gartner zufolge noch immer auf 41 Prozent aller Smartphones weltweit, gefolgt von den Blackberrys des Herstellers Research in Motion (RIM) mit 18 und dem von Google unterstützten offenen Handybetriebssystem Android mit 17 Prozent.

Apples iPhone OS macht nur 14 Prozent des Weltmarktes aus, erst kürzlich hat Android den Rivalen überholt. Allerdings wird das Internet auf iPhones ungleich stärker genutzt als auf den meisten anderen Handys. 51 Prozent aller mobilen Internet-Seitenaufrufe entfielen im Dezember 2009 dem Werbe-Spezialisten AdMob zufolge auf iPhones, nur 20 Prozent auf Symbian und 19 Prozent auf Android-Telefone. Auch in diesem Bereich macht Android allerdings derzeit Monat für Monat Boden gut. Windows-Handys dagegen liegen - AdMob zufolge - auch in diesem Bereich mit zwei Prozent Anteil abgeschlagen weit hinten.

Große Tradition im Verschlafen von Internet-Trends

Kurz: Seit Jahren versucht der Windows-Konzern im Bereich der mobilen Internetnutzung etwas zu reißen, fährt dabei einen spektakulären Misserfolg nach dem anderen ein. Der jüngste war die Vorstellung eines auf jüngere Zielgruppen ausgerichteten Telefons namens Kin im April 2010. Die beiden Kin-Modelle überlebten knapp drei Monate - dann verkündete der Konzern, die Herstellung des ersten echten Microsoft-Handys werde wieder eingestellt, die damit befassten Entwicklerteams würden der Windows-Phone-7-Mannschaft zugeschlagen.

Nun, behauptete Microsoft-Chef Steve Ballmer bei der Präsentation in New York, habe man aber wirklich "eine andere Art von Telefon" geschaffen. Das ist, gelinde gesagt, eine kühne Behauptung. Denn die Prinzipien, auf denen Windows Phone 7 basiert, erinnern doch sehr stark an die, die von der Konkurrenz popularisiert worden sind. Nur, dass die Microsoft-Handys statt Icons Kacheln auf dem Bildschirm haben, von denen aus die einzelnen Apps und Dienste aufgerufen werden.

Den wichtigsten Computer der Zukunft hat man in der Tasche

Die Handys mit dem neuen Microsoft-Betriebsprogramm werden von Firmen wie Samsung, LG und HTC hergestellt. Die ersten echten Handys werden hierzulande jedoch erst in einigen Wochen erhältlich sein, "ab dem 21. Oktober", wie Microsofts ehemaliger Deutschlandchef und aktueller Chef der Handysparte Achim Berg verriet, und damit früher als im Microsoft-Mutterland. Die Telekom kündigte das "HTC 7 Mozart" als erstes Gerät mit Windows Phone 7 an. Auch Vodafone und O2 werden exklusive Modelle mit Microsofts neuem Betriebssystem im Angebot haben. So bringt O2 einen Tag später, am 22. Oktober, sein "HTC HD7" in die Läden, bietet es allerdings ohne SIM-Lock und mit einem Ratenzahlungsmodell an. Die Geräte müssen bestimmte Mindestanforderungen an Prozessortempo, Speicherplatz und Kameraqualität erfüllen.

In den USA ist AT&T der designierte Mobilfunk-Partner, hierzulande, zumindest für die Start-Pressekonferenz, die Telekom. "Mit Windows Phone 7 stoßen wir nun zusammen das Fenster in eine neue, anwenderfreundliche Welt auf", sagt Niek Jan van Damme, Vorstandsmitglied bei der Deutschen Telekom.

Man kann das auch anders formulieren: Für Microsoft ist der Zugang zum Smartphone-Markt mittelfristig überlebenswichtig. Das mobile Internet ist nicht mehr aufzuhalten, die womöglich wichtigsten Computer der Zukunft werden Menschen stets bei sich tragen.

Alle wollen in die Wolke

Apple und Google haben mit ihren jeweiligen Modellen und Ansätzen - eigene Hardware von Apple, das Android-Betriebssystem von Google - bereits beträchtliche Anteile dieses riesigen Wachstumsmarktes erobert. Scheitert Microsoft hier, könnte das über kurz oder lang auch dazu führen, dass die Windows-Plattform an sich weniger interessant wird: Denn die Strategie aller Branchenriesen besteht derzeit darin, eine Art integriertes digitales Ökosystem zu schaffen, das Nutzern jederzeit und von überallher Zugriff auf Datenbestände und Informationen garantiert. Google tut das mit seinen Beiboot-Diensten wie Google Mail, Kalender, Text und Tabellen oder dem Fotodienst Picasa schon seit einiger Zeit, Apple hat den kostenpflichtigen Dienst MobileMe im Angebot. Windows Phone 7 soll nun endlich auch Microsoft-Kunden in ein solches in der Datenwolke ("Cloud") aufgehängtes digitales Heim einbinden.

So wurde für Windows Phone 7 schon im Vorfeld damit geworben, dass sich nun beispielsweise Dokumente innerhalb von Arbeitsgruppen von beliebigen Rechnern oder Handys aus gemeinschaftlich noch besser bearbeiten lassen würden - etwa über Microsofts Business-Anwendung Sharepoint. Am anderen Ende des Nutzerspektrums soll die zockende Jugend damit angesprochen werden, dass Windows Phone 7 einen Zugriff auf das Spielkonsolen-Netzwerk Xbox Live bietet, das insbesondere in den USA äußerst erfolgreich ist. Bestimmte Spiele könnte man damit gewissermaßen vom Handy aus weiterspielen, Spieler könnten sich unterwegs darüber informieren, was ihre Freunde gerade spielen oder wer wo welche Punktzahl erreicht hat.

Wieviele Apps?

Microsoft ist ein Unternehmen mit einer großen Tradition beim Verschlafen von Internet-Trends. Das begann mit dem ersten kommerziellen Web-Browser, den eben nicht der PC-Betriebssystem-Marktführer entwickelte, sondern das Startup-Unternehmen Netscape. In den folgenden Jahren setzte sich Microsofts Blindheit in Sachen Netz fort - erst Yahoo, dann Altavista, dann Google marschierten von Microsoft ungehindert an die Spitze des Suchmaschinen-Marktes, Apple schaffte mit dem iPhone aus dem Stand und im Alleingang nichts weniger als eine Revolution in Sachen mobiler Internet-Zugang. Heute orientieren sich alle an den Standards, die der Mac-Konzern hier gesetzt hat, und auch die neuen Windows-Phone-7-Handys werden sich im Prinzip sehr ähnlich bedienen lassen wie iPhones und inzwischen auch Android-Handys.

Die neuen Fixpunkte sind Touchscreen-Bedienung und eine starke Betonung auf Applikationen, Apps, kleinen Programmen, die alle möglichen Dienstleistungen erledigen, vom Erkennen von Songs über Routenplanung und Rezeptvorschläge bis hin zur mobilen Bestückung von sozialen Netz-Anwendungen wie Twitter oder Facebook.

Hier liegt Apple, rein quantitativ, derzeit weit vorne: In Apples App-Store gibt es derzeit etwa 270.000 unterschiedliche Mini-Programme - wie viele davon tatsächlich nützlich sind, sei dahingestellt, die Auswahl jedenfalls ist gigantisch. Für Googles Android-Betriebssystem, das derzeit auf Handys von Herstellern wie HTC, Motorola und Samsung läuft, sind derzeit immerhin schon etwa 100.000 unterschiedliche Apps zu haben. Achim Berg betonte denn auch, ohne eigene Zahlen zu nennen, dass es doch vor allem auf die Qualität der Apps ankomme.

Ob Windows-Phone-7 Microsoft aber tatsächlich aus seiner mobilen Misere holen kann, wird nicht zuletzt davon abhängen, ob sich genügend App-Entwickler bereitfinden, Anwendungen für die Windows-Handys zu erstellen. Und das wiederum steht und fällt mit der Geschwindigkeit, mit der sich die neuen Geräte im Markt verbreiten. Denn so mancher Entwickler sieht nicht ein, für ein Nischensystem wie die bisherigen Windows-Mobile-Varianten kostbare Programmierzeit zu investieren, wenn er über den Android Market oder den App Store von Apple eine deutliche größere Kundschaft erreichen kann.

Die Analysten von Gartner jedenfalls sind nicht optimistisch, was Microsofts Marktchancen angeht. Für das Jahr 2014 sagen sie für Nokia und Android Marktanteile von je etwa 30 Prozent voraus, gefolgt von Apple mit 15 und RIM mit 12 Prozent. Microsoft käme dieser Prognose zufolge auch in vier Jahren nur auf vier Prozent des Marktes für mobile Betriebssysteme.

Mit Material von Reuters, dpa

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