Videoüberwachung in Großbritannien Polizei will Gesichtsausdrücke der Passanten auswerten

In einer englischen Grafschaft steigt die Kriminalität. Nun sollen Kameras und künstliche Intelligenz eingesetzt werden, um das Verhalten von Passanten zu analysieren. Datenschützer sind empört.
Überwachungskamera in Großbritannien

Überwachungskamera in Großbritannien

Foto: Dan Kitwood / Getty Images

Wut, Angst und Zorn: Die Polizei in der britischen Grafschaft Lincolnshire will Verbrechen anhand der Gesichtsausdrücke von Passanten erkennen, um schnell eingreifen oder aufklären zu können. Die Behörde will dafür Kameras an verschiedenen Plätzen der 20.000-Einwohner-Stadt Gainsborough aufstellen und die Stimmung der Passanten mithilfe künstlicher Intelligenz (KI) auswerten.

Wie die Tageszeitung "The Times" berichtet , sollen Beamte die Software mit speziellen Suchanfragen füttern können. Die KI spuckt dann neben der Gemütslage auch aus, ob eine Person einen Hut, eine Brille, einen Schirm oder eine Tasche trägt. Nach 31 Tagen sollen die Aufnahmen wieder gelöscht werden.

Datenschützer stellen sich gegen die Überwachungspläne. Silkie Carlo, die Chefin der britischen Bürgerrechtsorganisation Big Brother Watch, teilte in einem Statement mit, dass das Innenministerium viel Geld für diese Technologie ausgebe. "Sie handeln sich damit juristischen Ärger ein, indem sie Menschenrechte verletzten und die staatliche Überwachung ausbauen, während niemand hinsieht", so Carlo.

Offenbar verzögert sich das Projekt aufgrund solcher juristischer Bedenken. Ein Sprecher der Polizei in Lincolnshire teilte dem SPIEGEL auf Anfrage mit, dass das Projekt "nicht vor Anfang kommenden Jahres einsatzbereit" sei. Datenschutzbedenken sieht er nicht.

"Dieses System erweitert und beschleunigt die Suchen, die mit Überwachungsvideos jetzt schon durchgeführt werden, daher glaube ich nicht, dass irgendwelche Menschenrechte verletzt werden", sagt der Sprecher. Die Datenbanken würden auch nicht automatisch mit den Videos abgeglichen, sondern alle Suchanfragen müssten durch Mitarbeiter angestoßen werden.

Brennpunkte und Fluchtwege werden überwacht

Die Lokalzeitung "Lincolnshire Reporter" berichtet , dass die Überwachungskameras an Schlüsselpositionen aufgestellt werden sollen, um Brennpunkte zu kontrollieren und Fluchtwege mutmaßlicher Krimineller zu überwachen. Dafür werden demnach auch Nummernschilder gescannt. Die Kameras sollen einen Winkel von 180 Grad überwachen können und teilweise auch eine komplette Rundumsicht ermöglichen.

Der stellvertretende Polizeichef sagte der Zeitung: "Der Einsatz dieser Kameras mit Gesichts-, Nummernschild- und Verhaltenserkennung in Echtzeit gibt uns ein wertvolles Mittel an die Hand, um Verbrechen schneller erkennen und effektiver darauf reagieren zu können."

Die Polizei verspricht sich davon, die steigende Kriminalitätsrate in Lincolnshire  zu senken, wo vor allem Gewaltverbrechen und Messerattacken im vergangenen Jahr stark zugenommen haben. Das Projekt in Gainsborough wird vom Innenministerium finanziert, das sich Ergebnisse darüber erhofft, ob sich die KI-Kameraüberwachung auch in anderen Städten zur Verbrechensbekämpfung anbietet.

Britisches Gericht wertet Gesichtserkennung als illegal

Die Gesetzeslage in Großbritannien könnte dem Projekt allerdings noch einen Riegel vorschieben. Erst vor wenigen Wochen hatte ein Berufungsgericht entschieden, dass die Gesichtserkennungsversuche einer Polizeibehörde in Wales  gegen die Datenschutz-Grundverordnung (DSGVO) verstoßen und illegal sind. Das Pilotprojekt war dort im Jahr 2017 gestartet und ist auch bei Demos eingesetzt worden. Dabei wurden die Gesichter der Passanten mit Fotodatenbanken abgeglichen, in denen unter anderem gesuchte Verbrecher und verdächtige Personen gelistet sind.

Die britische Aufsichtsbehörde für Überwachungskameras begrüßte die Entscheidung des Gerichts und geht davon aus, dass sich das Urteil auch auf andere Projekte auswirkt. "Diese Technologie wird und darf nicht aus dem Käfig gelassen werden, solange die Polizei nicht sicherstellen kann, dass sie fair ist und niemanden diskriminiert", heißt es in einem Statement der Behörde .

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