Multiplayer-Hit "Among Us" Im Weltraum hört dich keiner lügen

Ein zwei Jahre altes Indie-Videospiel erobert gerade die Gamingwelt. Das Spiel ist so beliebt, dass Trolle es als Ziel entdeckt haben und massenhaft Pro-Trump-Spam darüber verschicken.
Das Multiplayer-Spiel "Among Us" ist der neueste Hit auf Twitch & Co.

Das Multiplayer-Spiel "Among Us" ist der neueste Hit auf Twitch & Co.

Foto: Innersloth

Dass das harmlose Onlinepartyspiel "Among Us" zum Schauplatz politischer Auseinandersetzungen werden könnte, hätte vor ein paar Monaten noch niemand ahnen können. Am 20. Oktober überträgt die demokratische Abgeordnete Alexandria Ocasio-Cortez zusammen mit den Streamern Pokimane und Hasanabi eine Partie des Spiels über ihren Twitch-Kanal und animiert die junge Zielgruppe zur Teilnahme an der US-Präsidentschaftswahl im November.

Drei Tage später dann fluten Hacker und Trolle Chats öffentlicher Partien mit der Nachricht "Subscribe to Eris Loris | Trump2020". Laut dem Entwickler sind bis zu 1,5 Millionen Partien davon betroffen. Hinter dem Pseudonym Eris Loris verbirgt sich ein YouTube-Kanal, der Anleitungen zu Cheats und Hacks in Videospielen liefert und dessen Betreiber offensichtlich den amtierenden Präsidenten unterstützt. Eine Verbindung zur offiziellen Trump-Kampagne ist nicht bekannt.

Die Entwickler reagierten schnell und konnten ein Teil des Problems mit den massiven Spam-Angriffen bereits beheben. Dennoch riefen sie Spielerinnen und Spieler auf, vorerst die Funktion der privaten, geschlossenen Partien zu nutzen und ihre Partien nicht öffentlich zu spielen.

Ursprünge an der Uni Moskau

Als der Student Dimitry Davidoff 1986 "Mafia" entwickelt, ist es zuerst nur als Psychologie-Gruppenübung an der Uni Moskau gedacht. Das Spielkonzept ist simpel. Bis zu 20 Spielerinnen und Spieler werden in zwei Gruppen aufgeteilt. Die Mafiosi bringen in jeder Runde ein Opfer um die Ecke, die unwissenden Überlebenden müssen im Anschluss diskutieren und darüber abstimmen, wer die Mörder sein könnten.

Unter dem Namen "Die Werwölfe von Düsterwald" wird das Spiel auf Partys populär, digitale Ableger bleiben allerdings eher erfolglos. Bis auf das unscheinbare "Among Us", ein "Mafia" mit Minigames, das sich in den vergangenen Monaten zum Streaming-Hit entwickelt hat.

Darum geht es in "Among Us"

Der Indietitel von Amy Liu, Marcus Bromander und Forest Willard alias Innersloth wird zuerst für iOS und Android veröffentlicht. Im November 2018 erscheint das Spiel auch auf der Spieleplattform Steam. Das Geschehen wird dabei vom Fantasy- und Mafia-Setting auf eine Raumstation im All verlagert.

In LAN- oder Onlinepartien steuern bis zu zehn Spielerinnen und Spieler quietschbunte, niedlich animierte Astronauten aus der Draufsicht. Darunter befindet sich mindestens ein sogenannter Impostor.

Fotostrecke

Multiplayer-Hit "Among Us"

Foto: Innersloth

Während der Rest der Crew in Minigames Drähte nach Farbe verbindet oder Benzinkanister von A nach B transportiert und damit einen Fortschrittsbalken füllt, kann der Impostor beispielsweise die Beleuchtung sabotieren und die Crewmitglieder möglichst unbemerkt um die Ecke bringen. Wird eine Leiche entdeckt und gemeldet, startet die Gruppendiskussion mit angehängter Abstimmung. Jetzt zählen gute Alibis oder ein Händchen fürs Lügen, um nicht als vermeintlicher - oder echter - Impostor abgewählt und aus der Luftschleuse und damit aus dem Spiel geworfen zu werden.

Ein kleines Indiespiel auf der großen Bühne

Gerade die potenziell hitzigen Diskussionen sind wie gemacht für eine öffentliche Aufführung vor großem Publikum. Deswegen sind es auch populäre Streamerinnen und Streamer, die "Among Us" ins Rampenlicht holen. Obwohl das Spiel schon 2019 durch vereinzelte Streams aus Mexiko und Südkorea langsam, aber sicher an Bekanntheit gewinnt, sorgt erst der Twitch-Promi Chance Morris alias Sodapoppin für den Durchbruch.

Im Juli 2020 streamt Morris für seine knapp drei Millionen Followerinnen und Follower das Spiel, weltbekannte Streamer wie Pewdiepie und Ninja ziehen schnell nach. Der Erfolg lässt nicht lange auf sich warten. Im September schauen bis zu 750.000 Menschen gleichzeitig "Among Us"-Streams auf Twitch und katapultieren den Titel in die Top 3 der gestreamten Spiele. Auf YouTube entfallen im vergangenen Monat allein auf Videos zum Spiel vier Milliarden Views. Die Bandbreite an Clips reicht von eigens komponierten Songs über animierte Kurzfilme bis hin zu normalen Streams.

Das "Among Us"-Fieber beschränkt sich aber nicht nur auf reine Spielstreams. In den sozialen Medien sprießen Meme-Profile mit Hunderttausenden Followern aus dem Boden, das dazugehörige Unterforum auf der Plattform Reddit zählt mittlerweile knapp 700.000 registrierte Nutzerinnen und Nutzer. Auch eine große internationale Fastfoodkette springt auf den Zug auf und stellt ihren veganen Burger als Impostor unter der nichts ahnenden Crew dar.

Ein Corona-konformes Partyspiel als Alternative zum Zoom-Anruf

Der plötzliche Erfolg trifft auch das Team von Innersloth völlig unerwartet. Erst im August kündigen Liu, Bromander und Willard "Among Us 2" an. Knapp einen Monat später wird der Nachfolger schon wieder eingestampft. Der Grund: Man will sich auf die Weiterentwicklung des ersten Teils konzentrieren und den plötzlichen Popularitätsschub mitnehmen. Waren in der ursprünglichen Handyversion zur Veröffentlichung etwa 30 Spielerinnen und Spieler gleichzeitig unterwegs, sind es jetzt im Schnitt allein auf Steam 300.000. Laut Schätzungen der Analysedienste Steamspy und Playtracker hat sich der Titel seit seiner Veröffentlichung zwischen sechs und sieben Millionen Mal verkauft - ein Ritterschlag für ein winziges Indiespiel.

Seinen kometenhaften Aufstieg hat "Among Us" Streamerinnen und Streamern zu verdanken, seine anhaltende Beliebtheit dürfte allerdings noch andere Gründe haben. Die intuitive Steuerung und das simple Spielprinzip vereinfachen das Zusammenspiel von PC- und Handynutzerinnen und -nutzern. Selbst nach dem Ausscheiden können Spielerinnen und Spieler ihre jeweilige Gruppe noch als Geister unterstützen, es gibt also kaum Leerlauf.

Außerdem macht die maximale Gruppengröße von zehn Menschen jede Partie zu einem persönlichen Erlebnis. Vor allem dann, wenn man sich im Freundeskreis in Zeiten der Corona-Isolation mal nicht zu einem 08/15-Zoom-Gespräch verabredet, sondern meuchelnd und tricksend durch eine Raumstation streift.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.