Geheimnisse der Techbranche enthüllt Als der Apple-Chef statt Facebook »Scheißbook« schrieb

Im Prozess zwischen dem »Fortnite«-Hersteller Epic Games und Apple geht es langfristig um Milliarden Dollar. Doch durch den Streit kommen auch heikle Firmeninterna ans Licht – darunter eine vertrauliche E-Mail von Steve Jobs.
Apple-Chef Steve Jobs (2010): Absicht oder nur ein Tippfehler?

Apple-Chef Steve Jobs (2010): Absicht oder nur ein Tippfehler?

Foto: ROBERT GALBRAITH/ REUTERS

Eine vor allem dank »Fortnite« mit 29 Milliarden Dollar bewertete Spielefirma legt sich mit einem Techriesen an, der mehr als zwei Billionen Dollar wert ist: Vor einem Gericht im kalifornischen Oakland streitet dieser Tage Epic Games mit dem iPhone-Hersteller Apple über dessen angeblich unfaire Gebühren für Verkäufe auf seiner Plattform. Sie betragen im Fall von Epic Games 30 Prozent.

Es ist ein Streit, der sowohl die Spiele- als auch die Techbranche beschäftigt – und ein Streit, bei dem es um viele Millionen, auf Dauer wohl sogar Milliarden Dollar geht.

Denn würde sich Epic Games langfristig durchsetzen – wobei zunächst mit einer Berufung Apples zu rechnen wäre –, könnten wohl auch viele anderer Entwicklerfirmen von neuen Regeln bei den App-Store-Gebühren profitieren, zum finanziellen Nachteil Apples und vielleicht auch anderer Store-Betreiber.

Doch das Gerichtsverfahren in Oakland ist nicht nur interessant, weil es um die grundsätzliche Frage geht, ob und wie sehr Plattformbetreiber die Hand aufhalten können, wenn jemand bei ihnen beispielsweise Digitalwährung für Spiele verkaufen will. Spannend ist er auch, weil im Zuge der Auseinandersetzung zahlreiche interne Dokumente und Konversationen aus den beteiligten Unternehmen öffentlich werden. Und auch dritte Firmen wie Microsoft, deren Vertreter in dem Prozess als Zeugen auftreten, geben dem Gericht bemerkenswerte Einblicke in ihr Geschäft.

Hier sind sieben Beispiele dafür, was der Prozess bislang ans Licht gebracht hat.

1. Ein Streit mit Tradition: Apple und Facebook

Seit Apple im Sommer 2020 ein Anti-Tracking-System für seine Geräte angekündigt hat, eskaliert der Konflikt mit Facebook. Doch er schwelt eigentlich schon viel länger, wie ein E-Mail-Wechsel von 2011 zeigt, über den CNBC berichtet . Apples Softwareboss Scott Forstall informierte damals Firmenchef Steve Jobs sowie Marketingchef Phil Schiller über ein Gespräch mit Mark Zuckerberg. Seiner Mail zufolge hatte Forstall dem Facebook-Chef mitgeteilt, dass das soziale Netzwerk keine eigenen Apps in die damals in Planung befindliche Facebook-App für das 2010 vorgestellte iPad einbetten möge.

Das Facebook-Logo auf einem iPad

Das Facebook-Logo auf einem iPad

Foto: Regis Duvignau/ REUTERS

Zuckerberg, der Facebook zu jener Zeit zu einer Plattform für Apps und Spiele machen wollte, sei darüber gar nicht glücklich gewesen, habe aber vier Kompromissvorschläge gemacht, schrieb Forstall. Bis auf Vorschlag Nummer drei – Nutzer sollten im Newsfeed Kommentare zu Apps posten dürfen – seien die auch alle vernünftig.

Steve Jobs sah das offenbar ähnlich und schrieb: »Ich stimme zu – wenn wir Fecebooks dritten Vorschlag streichen, klingt es vernünftig.« Dieser nun bekannt gewordene Satz hat für einige Aufregung gesorgt, denn das englische Wort »Feces« bedeutet »Fäkalien«, was manche zu der Schlussfolgerung verleitet, Jobs habe Facebook abgrundtief gehasst. Belegen lässt sich diese These allerdings nicht. Zwar war der Apple-Mitgründer nicht dafür bekannt, oft Rechtschreibfehler zu machen, es ist aber gut denkbar, dass es sich hier um einen Tippfehler handelte und nicht um eine Böswilligkeit.

Zuckerberg versuchte übrigens weiter, seine Vorschläge durchzusetzen, scheiterte aber offensichtlich an Phil Schiller, der schrieb: »Ich weiß nicht, warum wir das tun sollten.« Facebook-Apps würden schließlich nicht nativ auf Apples Tablet laufen, so Schiller, sie hätten keine Geschäftsbeziehung zu und keine Lizenzen von Apple, würden die Programmierschnittstellen des Unternehmens nicht nutzen, könnten von Apple nicht bewertet werden und würden den App Store nicht nutzen.

Der Konflikt endete schließlich mit einem anderen Kompromiss, nämlich dem, dass Facebooks Digitalwährung »Credits«, die man etwa für In-App-Käufe in Spielen brauchte, in der iPad-App nicht nutzbar war.

2. Tim Cook: »Ist das der Typ, der bei unseren Proben war?«

Viele Spielefans interessieren sich derweil für eine E-Mail, in der sich Steve Jobs' Nachfolger Tim Cook an Marketingchef Phil Schiller wandte. »Ist das der Typ, der bei unseren Proben war?«, fragte Cook Schiller zu einer Mail, die ihm Tim Sweeney 2015 geschickt hatte. Der – schon damals durchaus bekannte – Chef von Epic Games schlug dem Apple-CEO darin vor, iOS für Downloads von anderen Plattformen zu öffnen.

Der Apple Store habe für die Branche viel Gutes bewirkt, hatte Sweeney argumentiert. Doch da die Plattform nun beinahe eine Milliarde Nutzer habe, sei es an der Zeit, dass Apple die alleinige Kontrolle darüber abgebe. Konkret schlug Sweeney vor, »die Kuratierung des iOS-App-Stores von der Compliance-Prüfung und der App-Verteilung zu trennen«. Apple sollte also Downloads von anderen Anbietern erlauben, aber weiterhin für systemweite Sicherheit sorgen.

Cooks Antwort auf diesen Vorschlag ist offenbar nicht in den Gerichtsunterlagen enthalten. Klar ist hingegen, dass Vertreter von Epic Games einige Wochen bevor Sweeney seine E-Mail verschickt hatte, auf Apples Entwicklerkonferenz WWDC Apples Grafiktechnologie Metal gelobt hatten. Sweeney selbst stand dabei zwar nicht auf der Bühne, aber es ist anzunehmen, dass er zumindest am Rande mit dabei war, auch bei den Proben. Epic Games stellte damals eine sehr frühe Version von »Fortnite« vor – auf einem Mac Pro.

3. Netflix-Abos: Zuckerbrot und Peitsche

Im Jahr 2018 machte der Streamingdienst Netflix Apple deutlich, dass man unzufrieden mit den In-App-Aboverkäufen auf iOS-Geräten sei, berichtet »9to5mac «. In einer internen E-Mail schrieb Apple-Manager Carson Oliver, dass Netflix die hohe Zahl an Abokündigungen Sorgen bereite. Apple vermutete, die Situation lasse sich damit erklären, dass jenen Nutzern Netflix-Guthabenkarten geschenkt wurden, weshalb sie in der App kündigten und ihr Guthaben dann auf der Netflix-Website einlösten. Netflix hatte dazu offenbar andere Theorien, doch diese tauchen nicht in den Gerichtsunterlagen auf.

Die Netflix-App auf einem iPhone

Die Netflix-App auf einem iPhone

Foto: Rolf Vennenbernd/ dpa

Klar ist aber: Netflix wollte diese Theorie zwei Monate lang testen und in einigen Ländern die In-App-Käufe abschalten, sodass die Kunden Abos nur direkt bei Netflix abschließen können. Carson Oliver reagierte intern mit der Nachfrage, ob man auf diesen Versuch mit Strafmaßnahmen reagieren sollte – etwa indem man Netflix im App Store nicht groß ankündigt, solange die Tests laufen.

Schließlich aber versuchte die Apple-Managerin Sheryline Chapman, Netflix auf andere Weise zu überzeugen, bei Apples In-App-Bezahlsystem zu bleiben. In einer Präsentation wurde dem Streamingdienst eine dauerhafte Premiumposition im App Store versprochen. Zudem wurden gemeinsame Werbeaktionen angedacht und sogar ein Bundle-Angebot der Set-Top-Box Apple TV mit Netflix war ein Thema. Doch trotz all dieser Angebote beendete Netflix im Dezember 2018 die Möglichkeit, Abos über Apples In-App-System zu bezahlen.

4. »Fortnite«-Einnahmen: Auf der Playstation läuft es am besten

Dass »Fortnite« für Epic Games eine Goldgrube ist, war schon lange klar. Nun aber wurden halbwegs konkrete Zahlen bekannt. Demnach hat das Actionspiel, das sich primär durch In-App-Käufe finanziert, der Spielfirma allein in den Jahren 2018 und 2019 mehr als neun Milliarden Dollar eingebracht . Damit war »Fortnite« ihre mit Abstand wichtigste Einnahmequelle. Als Relation: Seine Unreal Engine, die andere Entwicklerstudios für ihre Projekte nutzen, brachte Epic Games im selben Zeitraum 221 Millionen Dollar ein.

Das meiste Geld mit »Fortnite« macht Epic Games laut eigenen Angaben auf der Playstation. Zwischen März 2018 und Juli 2020 kamen rund 47 Prozent der Einnahmen über die Sony-Konsole, legte das Unternehmen offen . Die iOS-Version des Spiels, die Apple im August 2020 wegen eines Regelverstoßes aus seinem App Store schmiss, war mit sieben Prozent nur für einen vergleichsweise geringen Teil der »Fortnite«-Einnahmen verantwortlich. Die Rede ist aber immer noch von mehr als 700 Millionen bis zum Zeitpunkt des Rauswurfs.

5. Spielegeschenke: So viel sind Epic Games Neukunden für seinen Marktplatz wert

Auf dem PC betreibt Epic Games mit dem Epic Games Store einen eigenen Marktplatz (übrigens mit einer Gebühr in Höhe von zwölf Prozent). Der Computerspiel-Store lockt seit seinem Start im Dezember 2018 regelmäßig mit Gratis-Games, die man kostenlos freischalten und dann auch behalten darf. Manche Store-Nutzer haben sich so eine beachtliche Spiele-Sammlung aufgebaut, ohne Epic Games auch nur einen Cent bezahlt zu haben.

Eine Tabelle offenbarte nun , wie viel Epic Games einzelnen Entwicklerstudios dafür gezahlt hat, dass es deren Spiele zwischen Ende 2018 und Herbst 2019 jeweils für einige Tage als Werbemittel für seinen Store verschenken durfte.

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Für das Actionspiel »Alan Wake« beispielsweise zahlte Epic Games demnach 150.000 Dollar, für die »Batman Arkham Collection« 1,5 Millionen. Ob sich solche Deals lohnen, ist Ermessenssache: »Alan Wake« bescherte der Plattform rund 63.000 Neuanmeldungen, die »Batman«-Spielesammlung, die 6,4 Millionen Mal kostenlos abgerufen wurde, führte zu knapp 614.000 neuen Nutzern.

Über die gesamten zehn Monate hinweg gab Epic Games der Tabelle zufolge knapp 11,7 Millionen Dollar für Spielegeschenke aus, was dem Store insgesamt rund fünf Millionen Neuanmeldungen bescherte.

6. »Borderlands 3«: Für seinen Exklusivitätsdeal zahlte Epic Games mehr als hundert Millionen Dollar

Öffentlich gemacht hat Epic Games auch, was das Studio ein Exklusivdeal, über den sich 2019 viele Spielefans ärgerten, gekostet hat: Um das Recht zu bekommen, als einziger die PC-Version von »Borderlands 3« zu verkaufen, zahlte Epic Games dessen Machern demnach 115 Millionen Dollar. Weil der Deal noch weitere Vereinbarungen zu Spieleangeboten enthielt, ging es insgesamt sogar um 146 Millionen Dollar.

Unterm Strich ist der Epic Games Store bisher ein Verlustgeschäft, mit einem Minus von mehreren Hundert Millionen Dollar. Für Epic Games ist der Marktplatz aber ohnehin eher eine Langzeitwette – als Versuch, der wichtigsten PC-Spiele-Plattform Steam Marktanteile abzujagen. Mit schwarzen Zahlen für den Store rechne er frühestens 2024, sagte Tim Sweeney nun vor Gericht.

7. Xbox-Geschäft: Microsoft verdient durch den Verkauf seiner Konsolen gar nichts

Warum stört sich Epic Games bei iOS so an Apples 30-Prozent-Gebühr, wenn es sie auf anderen Plattformen wie der Playstation oder der Xbox ohne öffentliches Murren zahlt? Mit dieser Frage konfrontiert, verwies Tim Sweeney vor Gericht auf unterschiedliche Ausgangspositionen: Das iPhone sei hoch profitabel, erklärte der Chef der Spielefirma, der Verkauf von Konsolenhardware hingegen gelte als Verlustgeschäft, bei dem das Geld erst über Verkäufe von Games und Spiele-Abos hereinkomme.

Dass dies wirklich so ist, bestätigte am Mittwoch Lori Wright , eine Managerin, die Microsofts Xbox-Geschäft betreut. Sie sagte, Microsoft habe noch nie in seiner Firmengeschichte durch den reinen Verkauf einer Xbox-Spielkonsole Gewinn gemacht. Sie sehe den App Store auch nicht als Konkurrenzplattform, erklärte die Managerin. »Wenn du ein Spiel auf iOS kaufen willst, ist das wunderbar«, so Wright.