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Assassin's Creed: Syndicate im Test: London ist düster, aber die Reise wert

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"Assassin's Creed: Syndicate" London, wie es summt, brummt und stirbt

1868 in London, eine Stadt wie ein Bienenkorb. Und mittendrin der Spieler als stiller Killer im Kampf gegen die Templer. Das ist der Plot von "Assassin's Creed: Syndicate". Was gut klingt, spielt sich auch gut.

Evie Frye sitzt weit oben, auf der Kuppel der St. Paul's Cathedral. Sie lässt ihren Blick über das viktorianische London schweifen: über das Armenviertel Whitechapel, über die Themse voller Schlepper, Fähren und Barkassen bis zum anderen Ufer, zu den Industrieanlagen von Southwark. In der Ferne erheben sich die Parlamentsgebäude von Westminster schattenhaft durch die diesige Luft, die von der Sonne zum Leuchten gebracht wird. Es ist 1868, London ist die Hauptstadt des britischen Empire und der eigentliche Star eines großen Spiels.

"Assassin's Creed: Syndicate" ist der neueste Teil einer erfolgreichen, jährlich erscheinenden Reihe, die man am einfachsten als Historienschinken mit einem Schuss Verschwörungstheorie beschreiben könnte. Als Spieler schleicht und klettert man durch verschiedene Städte, manchmal ist auch der Kampf das Mittel der Wahl.

Die Teile der Serie drehen sich jeweils um einen bestimmten Ort, geschichtliche Ereignisse werden einem großen Kampf zwischen Assassinen und Templern um die globale Vorherrschaft zugeordnet. Als Spieler lenkt man einen Assassinen und ermordet Templer, um diese davon abzuhalten, die Welt zu unterjochen.

London ist nicht nur Kulisse

Parallel dazu ist ein kleiner Teil des Spiels in der Gegenwart angesiedelt, sodass der geschichtliche Teil zur Reise in die Erinnerung eines Menschen wird. Das erklärt recht clever Spielmenüs, Schnellreisen oder auch das Wiederauferstehen nach einem Spieltod: Ist ja alles nur eine Computersimulation. Im Spiel aber vergisst man das.

Das liegt auch daran, dass "Assassin's Creed: Syndicate" das viktorianische London lebendig macht, weshalb die Stadt von einer Kulisse zum wirklichen Ort wird. Die Unterstützung des Teams durch englische Historiker merkt man der Stadt an. Jeder Stadtteil, jede Straße ist anders, nicht nur die Häuser, auch die Kleidung der Menschen wandelt sich von arm zu reich. Kutschen füllen die Straßen, Gangs kämpfen um die Vorherrschaft.

Düsteres London: Rauch, aber auch jede Menge Leben

Düsteres London: Rauch, aber auch jede Menge Leben

Foto: Ubisoft

Überall stehen Menschen herum, unterhalten sich, handeln und streiten, kommentieren auch gern mal die Handlung der eigenen Spielfigur, wenn diese mal wieder unvermittelt eine Hauswand emporklimmt. Es gibt in jeder Ecke Dinge zu entdecken, das Erkunden ist großartig. Nicht nur, weil dieses London fantastisch aussieht, sondern vor allem, weil es voller Details und Leben ist.

Das Gefühl, am Beginn eines neuen Zeitalters zu sein

Auch das Spielprinzip ist vielseitiger geworden, auch wenn es in großen Zügen aus den Vorgängern bekannt ist. Und doch: Es fühlt sich flüssiger an, die Klettereien sind einfacher geworden, auch durch ein Gerät, mit dem man Seile an Häusern hoch oder quer über Straßen schießen kann. An den Seilen kann man sich danach entlanghangeln.

Insgesamt ist das Spiel deutlich entschlackt worden. Auch wenn es genug Nebentätigkeiten gibt, sie werden langsam eingeführt. Selbst im späten Verlauf des Spiels, wenn sich die Karte mit Zeichen füllt, hat man nie das Gefühl, überfordert zu sein, nicht mehr durchzublicken.

Unterwegs als Kopfgeldjäger: In London warten allerlei Missionen

Unterwegs als Kopfgeldjäger: In London warten allerlei Missionen

Foto: Ubisoft

So kann man als Kopfgeldjäger für die Polizei unterwegs sein, Kinder aus Fabriken befreien, wo sie als billige Arbeitskraft gehalten werden, oder Gangquartiere ausheben. Und auch wenn sich die Aufgaben wiederholen: Die Lösungen tun es nie. Zu unterschiedlich sind die einzelnen Orte, als dass eine Taktik über das ganze Spiel hinweg funktioniert.

Kinder eines großen Assassinen

Da fällt es erst einmal nicht weiter ins Gewicht, dass die Geschichte selbst nicht der größte Wurf ist: Jacob und Evie Frye sind die Kinder eines großen Assassinen und kommen aus der Kleinstadt nach London, um dieses vom bösen Obertempler zu befreien. Darauf folgen ein Streit zwischen den Geschwistern, ein Verrat, ungewöhnliche Allianzen, Siege und Niederlagen. Es ist eine Geschichte, die zumindest charmant und vielseitig genug ist, um Spieler bei der Stange zu halten.

Viel mehr als die Story fasziniert bei "Assassin's Creed: Syndicate" aber die Geschichte, die Spieler selbst erleben können. Durch Auftritte von Charles Dickens, Karl Marx oder Alexander Graham Bell wird der Geist des viktorianischen London destilliert.

Alles schien damals möglich

Das Gefühl, am Beginn eines neuen Zeitalters zu sein, zieht sich durch das Spiel: das Schwanken zwischen bedingungslosen Glauben an die Technik und dem Suchen nach Spiritualität, der Reichtum auf der einen und die absolute Armut auf der anderen Seite.

Immer wieder spürt man, wie diese Zeit funktioniert haben muss, wie Kinderarbeit, Alkohol und Armut die Massen verarmten und einige wenige nach oben ließen. Wie London sich auf der Höhe der Macht fühlte, wie alles möglich schien.

Ob Kapitalismus, die beginnende Gewerkschaftsbewegung oder der Kampf um Frauenrechte: "Assassin's Creed: Syndicate" schafft ein Kaleidoskop einer Stadt und einer Zeit, auf die vieles zurückzuführen ist, was heute selbstverständlich ist.


"Assassin's Creed: Syndicate" von Ubisoft, für Playstation 4, Xbox One und PC (ab 19.11.); ab 55 Euro; USK: Ab 16 Jahren

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