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Ärger um "Counter-Strike" und Co.: Zehn denkwürdige Momente der Killerspiel-Debatte

Foto: Andreas Gebert/ dpa

"Counter-Strike" und Co. Was wurde aus der Killerspiel-Debatte?

Kann man in "Counter-Strike" wirklich Schulmädchen erschießen? Nein. Doch mit solchen Argumenten wurde eine ganze Debatte geführt. Politiker und Journalisten forderten mit kruden Behauptungen ein Verbot von "Killerspielen". Und heute?

Will man mit Politikern ins Gespräch kommen, ist die "Killerspiel"-Debatte ein miserabler Türöffner. Nicht einmal Dorothee Bär möchte ein Interview geben, dabei hat die CSU-Abgeordnete einst die erste Lan-Party im Bundestag mitorganisiert. Und aus dem Büro von Heiko Maas (SPD), der sich sonst gern und häufig zur digitalen Welt zu Wort meldet, heißt es freundlich, zu diesem Thema wolle sich der Justizminister nicht äußern. 2009 hatte Maas bei einem Wahlkampf-Chat noch gesagt, er hätte mit einem Killerspielverbot "kein Problem ".

In den frühen Nullerjahren hatten sich viele Politiker für ein Verbot von Ego-Shootern stark gemacht. Es könne "kein Freizeitvergnügen sein, andere Menschen zu ermorden", sagte etwa der bayerische Innenminister Joachim Herrmann - als gäbe es keinen Unterschied zwischen virtuellen Gefechten und realen Gewalttaten. Auslöser der Debatte um Shooter-Spiele waren vor allem die Amokläufe junger Männer, etwa in Erfurt, Emsdetten und Winnenden.

Wir haben hier zur Erinnerung noch einmal zehn besonders einprägsame Ereignisse aus dem Verlauf der Killerspiel-Diskussion versammelt:

Sechseinhalb Jahre nach Winnenden ist der Ballerspiel-Streit aus der Öffentlichkeit verschwunden. Der USK, hierzulande für die Altersfreigabe von Spielen zuständig , wird von vielen Seiten gute Arbeit bescheinigt. Im Bereich wissenschaftliche Studien fehlen weiter klare Belege dafür, dass Actionspiele Menschen zu Gewalttätern machen. Anfang des Jahres ist Christian Pfeiffer in den Ruhestand gegangen, Deutschlands wohl spielekritischster und vielleicht auch umstrittenster Kriminologe.

Beim Thema "Killerspiele" ist das Bundesfamilienministerium federführend, auf eine konkrete Anfrage hin verweist es nur auf die bestehende Gesetzeslage und bezeichnet lediglich den "wachsenden Markt der Online-Spiele" als "besondere Herausforderung für den Jugendmedienschutz". Und auch im politischen Berlin hat schon lange niemand Bekanntes mehr ein "Killerspiel"-Verbot gefordert.

CDU-Politiker Jarzombek: Froh, dass die Debatte vorbei ist

CDU-Politiker Jarzombek: Froh, dass die Debatte vorbei ist

Foto: Hagen Colberg

Er kenne niemanden mehr, der sich aktiv dafür einsetze, sagt Thomas Jarzombek, der für die CDU im Bundestagsausschuss zur Digitalen Agenda sitzt und einem Verbot schon in der Vergangenheit kritisch gegenüberstand. "Das steht meines Wissens aktuell in keinem Wahlprogramm, in keinem Parteiprogramm, in keinem Koalitionsvertrag. In die Debatte ist Vernunft eingekehrt."

Kaum jemand sagt noch "Killerspiel"

Der Begriff "Killerspiel" - der von jeher eine negative Konnotation hatte - wird offenbar tatsächlich nur noch selten verwendet. Beispielhaft belegen das Google-Trends-Statistiken , die zeigen, dass der Begriff während der Nullerjahre viel häufiger online gesucht wurde.

Google-Suchstatistik zum Begriff "Killerspiele": Kaum noch Interesse

Google-Suchstatistik zum Begriff "Killerspiele": Kaum noch Interesse

Maximilian Schenk, Geschäftsführer des Spielebranchenverbands BIU, sagt, die Diskussion um Actionspiele werde weitergeführt, jedoch ohne den "total unbrauchbaren, vereinfachenden Begriff 'Killerspiel'". Wer beim Thema Spiele versuche, Stimmungsmache zu betreiben, "der wird sich selbst eher in ein schlechtes Licht rücken".

Auch Linda Breitlauch vom zweiten großen Branchenverband Game findet, die Debatte habe sich professionalisiert. Das sehe man zum Beispiel bei Fernsehberichten zum Thema: "Wir reden endlich inhaltlich substanziell über Spiele, wie es bei anderen Medien schon lange der Fall ist. Ob ein Spiel gut oder schlecht ist, macht sich schließlich am Inhalt fest, nicht am Genre."

Alles wieder gut also im Spiele-Deutschland?

Weiter keine Lan-Partys in bayerischen Schulen

Na ja, würde wohl Patrik Schönfeldt sagen, ein Spielefan, der seit 2009 für ein besseres Image seines Hobbys streitet. Damals, in den Monaten nach Winnenden, hat er den Verband für Deutschlands Video- und Computerspiele (VDVC) gegründet, der heute 1200 Mitglieder hat.

Das Thema "Killerspiele" sei zwar aus der politischen Diskussion verschwunden, sagt Schönfeldt, mittlerweile 28 Jahre alt: "Die Auswirkungen der Killerspiel-Debatten sind aber noch da: etwa in Form von Verboten, die damals beschlossen wurden und die weiter bestehen. In Bayern zum Beispiel dürfen bis heute keine Lan-Partys in Schulgebäuden stattfinden." Schönfeldt meint auch, dass der Ruf des Hobbys Videospielen nachhaltig beschädigt wurde - gerade bei älteren Menschen.

Screenshot der USK-Website: Die USK berät darüber, mit welcher Altersfreigabe Spiele in Deutschland auf den Markt kommen

Screenshot der USK-Website: Die USK berät darüber, mit welcher Altersfreigabe Spiele in Deutschland auf den Markt kommen

Umgekehrt könnte die Debatte bei jüngeren Menschen für eine gewisse Politikverdrossenheit gesorgt haben: "Das war ein Moment, in dem viele Videospieler gemerkt haben 'Hey, von dem, was sie reden, haben die Politiker eigentlich keine Ahnung - erzählen die vielleicht auch bei Themen, bei denen ich keine Ahnung habe, so einen Unsinn?'", sagt Schönfeldt.

CDU-Politiker Jarzombek teilt diese Einschätzung: "Uns als Partei hat die Diskussion schon geschadet", sagt er. "Wer 16 oder 18 ist, kannte die Spiele, über die diskutiert wurde. Der hat gemerkt, ob das stimmt, was über den Inhalt der Spiele gesagt wird - und dann möglicherweise auch Rückschlüsse auf andere Bereiche gezogen." So etwas sei "schlecht fürs Vertrauen in die Politik".

Patrik Schönfeldt bezweifelt dennoch, "dass sich die Sicht der Beteiligten von damals geändert hat".

Wolfgang Bosbach denkt genauso wie 2006

Tatsächlich hat über die Jahre kaum ein Spielekritiker öffentlich seine Meinung geändert, einige Politiker stehen auch heute noch zu ihren Aussagen.

CDU-Politiker Wolfgang Bosbach: Er sagt, in seiner Familie wurde auch seit 2006 kein sogenanntes Killerspiel angeschafft

CDU-Politiker Wolfgang Bosbach: Er sagt, in seiner Familie wurde auch seit 2006 kein sogenanntes Killerspiel angeschafft

Foto: Oliver Berg/ picture alliance / dpa

Wolfgang Bosbach etwa teilt mit, dass seine Haltung dieselbe sei wie in einem SPIEGEL-ONLINE-Interview aus dem November 2006 - seine Haltung "zu solchen Computer-'Spielen', in denen das realitätsnah simulierte Töten von Menschen in der fiktiven Spielwelt wesentlicher Bestandteil der Spielhandlung ist und der Erfolg des Spielers im Wesentlichen davon abhängt". Bosbach hatte 2006 unter anderem gesagt, es sei ein Unterschied, "ob man Gewalt im Fernsehen oder Kino nur sieht, oder aber aktiv eingreifen kann und selbst zum 'Täter' wird".

Eine Gamer-Kritik als Gamer-Hymne

Eine interessante Rezeptionswandlung hat mit der Zeit ein Anti-Killerspiel-Lied durchgemacht, "Mehr Waffen" von Christina Stürmer. 2003 war es als Kritik an Shooter-Spielern veröffentlicht worden - mit Zeilen wie "Freundin brauchst du keine, in deinem Spiel da hast du eine". Patrik Schönfeldt sagt, das Lied sei mittlerweile zu einer Art inoffiziellen Gamer-Hymne geworden: Es werde zum Beispiel immer wieder einmal unter auf YouTube veröffentlichte Spielszenen gelegt. Selbstironie als Waffe gegen Vorurteile.

Rollenspiel "Skyrim": Von "Bild" als "Killerspiel" bezeichnet

Rollenspiel "Skyrim": Von "Bild" als "Killerspiel" bezeichnet

Foto: Bethesda

In der Berichterstattung über Spiele stößt man heute seltener auf eklatante Falschbehauptungen als noch vor zehn Jahren - vermutlich, weil auch in den Redaktionen zunehmend Leute sitzen, die mit Videospielen groß geworden sind. Doch es gibt immer noch Ausreißer. So fragte etwa die "Bild"-Zeitung im April, ob ein straffälliger Soldat ein "Killerspiel" nachgespielt habe . In dem Artikel ging es um "Skyrim", ein bekanntes Rollenspiel, das in einer Fantasy-Welt spielt.


Zusammengefasst: Die populistische und unsachliche Killerspiel-Debatte, die vor einigen Jahren vor allem Unionspolitikern befeuert haben, gibt es in dieser Form nicht mehr. Auch der Begriff "Killerspiel" ist weitgehend aus der Öffentlichkeit verschwunden. Natürlich gibt es aber weiter Politiker, die Shootern kritisch gegenüberstehen - etwa Wolfgang Bosbach von der CDU.