Rollenspiel "Bloodborne" im Test Ein großartiger Fiebertraum

Mit "Demon's Souls" und "Dark Souls" hat Entwickler Hidetaka Miyazaki dem Westen brutal schwere Rollenspiele schmackhaft gemacht. "Bloodborne" ist sein neuester Geniestreich - und ein Grund, eine Playstation 4 zu kaufen.

Sony

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Knacken, Schlurfen, Zischen: Die Geräusche nehmen Gestalt an, werden zu Schemen. Schemen, die zwischen den verkrüppelten Bäumen kauern. In trübem Licht liegt er da - ein Pfad, der hinter einer verfallenen Mühle tiefer in den Wald führt. Im dämmrigen Licht zeichnet sich eine Silhouette ab, die langsam näher kommt.

Ein Mann stolpert aus dem Nebel, eine riesige Axt hinter sich her schleifend. Er zuckt, windet sich, dann platzt ein Dutzend Schlangen aus seinem Kopf, die sofort zur Attacke übergehen.

Der Kampf Mensch gegen Monstrum beginnt. Er ist ein filigraner Tanz: Hiebe, ein Schuss aus der Donnerbüchse, die Schlangenköpfe schnellen hervor, ausweichen, noch ein Schlag und noch ein Schlag, bis das Monster röchelnd zu Boden geht - und mein Herz rast.

Über zwanzig Stunden bin ich nun schon in der finsteren Welt von "Bloodborne" unterwegs, in die unsere Fotostrecke Einblicke liefert. Und immer noch graut es mir vor den nächsten Schritten, dem Schrecken, der hinter der nächsten Wegbiegung lauert. Es graut mir und doch kann ich nicht aufhören.

Kaum eines der Ziele des Spiels wird erklärt, die Steuerung zu meistern verlangt alles. Ich verlaufe mich, bin aufgeregt, verwirrt, und ich habe Angst. "Bloodborne" ist mir ein fürchterliches Rätsel - und das ist wundervoll.

Der Monstermacher

"Ich mochte Bücher, die mich überforderten", sagt Gamedesigner Hidetaka Miyazaki in einem Interview über seine Kindheit. "Weil ich noch so jung war, verstand ich vielleicht die Hälfte der Geschichte. Meine Einbildung vervollständigte die Lücken, und dieses fantastische Element sprengte alles."

Heute macht Hidetaka Miyazaki mit seinem Studio From Software Action-Rollenspiele - und versetzt dabei den Spieler in die Rolle des überforderten und zugleich begeisterten Kindes. In seinen Spielen "Demon's Souls" und "Dark Souls" entwarf er dunkle mittelalterliche Fantasy-Welten. In einem Mix aus Action-Kämpfen und Rollenspiel muss sich der Spieler dort mit Schwert, Schild, Magie und überlegenen Reflexen beweisen.

Der hohe Schwierigkeitsgrad der alten Spiele bestraft Unvorsichtigkeit äußerst brutal. Erfahrung wird in Form von Seelen gesammelt, mit denen der Charakter aufgelevelt und stärkere Ausrüstung gekauft wird. Stirbt der Spielcharakter, droht ihm der vollständige Verlust dieser mühsam gesammelten Ressource.

Mut zur Verletzlichkeit

"Bloodborne", Miyazakis neues Spiel, ersetzt die Währung Seelen zwar durch Blut, ansonsten fühlt sich ein Spieler der "Souls"-Reihe jedoch sofort zu Hause. Steuerung, Levelsystem, Charakterwerte, Menüs - all das wurde zwar leicht entschlackt, "Bloodborne" gehört aber unverkennbar in eine Reihe mit "Demon's Souls" und "Dark Souls".

Sie stehen auf schwierige Spiele? Fünf weitere Tipps

"Super Ghouls 'n Ghosts", erschienen 1992
Das Jump'n'Run für Nintendos SNES quält mit hartem Leveldesign und starken Gegnern. Wer es bis zum Ende schafft, wird wieder an den Anfang zurückgeschickt und darf sich noch einmal bis zum Boss vorkämpfen.

"Demon's Souls", 2010
Mit der "King's Field"-Reihe begann die Erfolgsgeschichte des Entwicklers From Software. Doch erst der geistige Nachfolger "Demon's Souls" perfektionierte die süchtig machende Formel aus ständigem Ableben und dem Triumphgefühl beim Überwinden schier unglaublicher Herausforderungen.

"Super Meat Boy", 2010
Ein Fleischklopps muss seine Freundin retten. Bewusst selbstironisch karikierten die beiden Designer Edmund McMillen und Tommy Refenes das Jump'n'Run-Genre. Überhaupt nicht komisch hingegen war das Spiel an sich, das mit bestialisch schweren Sprungpassagen weltweit Spieler schwitzen ließ.

"Hotline Miami", 2012
Ähnlich wie "Super Meat Boy" setzt das erste kommerzielle Spiel des schwedischen Indie-Entwicklers Jonatan Söderström auf Geschwindigkeit und Rausch. Aus der Vogelperspektive steuert der Spieler einen Auftragskiller – und stirbt bei Feindkontakt meist im Sekundentakt.

"Ninja Gaiden", 2004
Bereits auf dem NES hatte Tecmo Anfang der Neunziger die "Ninja Gaiden"-Reihe als bockschwere Serie etabliert, die sowohl Geduld als auch Geschick der Spieler über alle Maßen forderte. Mit der Neuauflage von 2004 transportierte Team Ninja die Verzweiflung der Spieler in die dritte Dimension.

Ausgangspunkt der riesigen verschachtelten Welt von "Bloodborne" ist Yharnam. Eine Seuche hat die Stadt heimgesucht und die Einwohner in Werwölfe verwandelt. Wer verschont geblieben ist, zieht marodierend und irre durch die Straßen.

Der Spieler kämpft sich durch die verwinkelten Gassen, vorangetrieben von Neugier und der Suche nach immer stärkerer Ausrüstung. Er besiegt Wolf und Mensch und steigert sich dabei in einen Rausch aus Erfahrungsgewinn und -verlust, einen immer wiederkehrenden Kreislauf, genau wie in den Vorgängern.

Trotzdem fühlt sich "Bloodborne" nach den "Souls"-Spielen frisch an. Das Kampfsystem wurde stark überarbeitet. Statt defensiv mit gezücktem Schild durch die Level zu streifen, drückt Miyazaki seinen Besuchern eine Schusswaffe in die linke Hand, eine Hiebwaffe in die rechte.

Viktorianischer Horror

"Bloodborne" setzt voll auf Konfrontation. Der Spielercharakter bewegt sich deutlich agiler und ist dabei schutzlos wie ein Welpe. Daraus resultieren dynamischere Kämpfe, in denen Offensive die einzige Möglichkeit zu überleben ist. Besonders in den zahlreichen Bosskämpfen werden die neuen Mechaniken und Herausforderungen an den Spieler mit brutalem Schwierigkeitsgrad abgerufen. Sie sind wie immer die Höhepunkte des Spiels, egal ob es gegen turmhohe Schrecken oder verschlagene Hexen geht. Sie verlangen dem Spieler alles ab.

Das neue Spielgefühl geht mit dem neuem Szenario Hand in Hand. Statt ins Fantasy-Mittelalter schickt Miyazaki seine Spieler in eine modernere Schreckensvision. Es ist eine beängstigende Collage aus den Fortschrittserzählungen Jules Vernes und dem Horror des Autors H.P. Lovecraft, dessen Beschreibungen monströser Kreaturen auch die Gegner in "Bloodborne" sichtbar beeinflusst haben.

Die fragmentierte Geschichte wird weiterhin durch kryptische Äußerungen und vage Textfetzen erzählt, die dem Spieler am Wegesrand zugeworfen werden.

Das Schönste an "Bloodborne": Wie schon in den Vorgängern wird die Online-Community in den kommenden Tagen und Wochen gemeinsam versuchen, die mechanischen und erzählerischen Rätsel zu lösen, die Miyazaki in der Spielwelt verwoben hat. Und sich mit Tipps und Ratschlägen gegenseitig helfen - denn "Bloodborne" ist immer noch verflucht schwierig.

"Bloodborne" überzeugt

Das Grauen einer zerfallenden Fortschrittswelt, die beängstigend schöne viktorianische Architektur und tentakelbewerte Monster machen "Bloodborne" zu einem großartigen Fiebertraum. Trotz der Direktheit der Kämpfe, der vereinfachten Charakterwerte - "Bloodborne" ist ein komplexes Meisterwerk und ein brillantes Verwirrspiel.


"Bloodborne" von From Software und Sony Computer Entertainment, für Playstation 4, ab etwa 65 Euro, USK: ab 16 Jahren



insgesamt 16 Beiträge
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kein_gut_mensch 25.03.2015
1. Schöner Test
Wirklich ein sehr schöner Test. Ich bin noch am überlegen ob ich es mir holen soll. Nach Demons Souls und Dark Souls bin ich ein wenig gesättigt was die Reihe angeht. Aber die "neuen" Mechanismen reizen mich doch. Aber es wird bestimmt noch in der Konsole landen ...
mrdude 25.03.2015
2. Himmel...
ich beneide Sie! Muß man sich dann jetzt wohl doch eine Playstation 4 kaufen? Demons Souls und Dark Souls waren schon Meisterwerke....Wie sieht es denn mit der Grafik aus....das war ja ein biißchen der einzige Kritikpunkt an den Vorgängern, wenn man wollte (für mich war das vollkommen nebensächlich, da man so in den Sog dieser Spiele geriet!). Bloodborne ist wirklich ein Spiel, dem ich entgegenfiebere, da ich auch nie eine wirkliche Alternative zu den Vorgängern gefunden habe.
spon_3007871 25.03.2015
3.
Als PC Besitzer interessieren mich natürlich nur die "exklusiv" Spiele für die Playstation und bisher war einfach kaum etwas brauchbares auf dem Markt. Bloodborne ist ein "Soul" würdiges Spiel und für mich auf jeden Fall ein Kaufgrund für diese Spielkonsole. Achtung: Das spiel bedient keine Care-Bear Spieler sondern Spieler die gerne viel Zeit für ihr Hobby investieren.
Leser161 25.03.2015
4. Subbi
Arbeite mich noch durch die Souls Reihe. Wenn ich durch bin, werde ich über eine PS4 nachdenken. Diese Spiele bieten unglaublich viel Spielspass und Spielzeit für den Preis eines normalen AAA-Titels den man nach 30 Stunden durch hat.
sirgio 25.03.2015
5.
Zitat von mrdudeich beneide Sie! Muß man sich dann jetzt wohl doch eine Playstation 4 kaufen? Demons Souls und Dark Souls waren schon Meisterwerke....Wie sieht es denn mit der Grafik aus....das war ja ein biißchen der einzige Kritikpunkt an den Vorgängern, wenn man wollte (für mich war das vollkommen nebensächlich, da man so in den Sog dieser Spiele geriet!). Bloodborne ist wirklich ein Spiel, dem ich entgegenfiebere, da ich auch nie eine wirkliche Alternative zu den Vorgängern gefunden habe.
Also die Grafik ist vielleicht nicht der neue Benchmark wie das spielerisch enttäuschende The Order 1886 aber sieht doch sehr gut aus und zeichnet sich unter Anderem durch seine große Detailverliebtheit aus. Auf jeden Fall ein großer Schritt im Vgl. zu Dark Souls (II). Ich spiele schon seit gestern und es ist bis jetzt wirklich ein Erlebnis, welches Regelmäßig den Puls durch situative Spannung in die Höhe treibt. Ganz klare Empfehlung, welche endlich die Anschaffung einer PS4 rechtfertigt.
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