Am Spieltisch ins Grüne Ausflug in bessere Welten

Klare Gebirgsbäche, endlose Wälder und reiche Artenvielfalt: So schön könnte die Welt sein. Diese vier Brettspiele vertiefen das Verständnis für die Natur – und dafür, wie fragil sie ist.
Brettspiele Cascadia, Arche Nova, Ecos und Econy: Konstruktiver Wettbewerb

Brettspiele Cascadia, Arche Nova, Ecos und Econy: Konstruktiver Wettbewerb

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Maren Hoffmann / DER SPIEGEL

Brettspiele lösen natürlich keine Probleme. Aber sie haben den unschätzbaren Vorteil, harmlose Probleme zu bieten, die sich tatsächlich lösen lassen. Diese vier bieten vergnüglichen Wettstreit in erfreulicher Naturumgebung – vom kleinen Ökosystem vor der Haustür über einen ganz neuen Kontinent bis zur hirnverzwirbelnden Multi-Optimierungs-Aufgabe im international vernetzten Zoo.

Wo sich Fuchs und Hirsch guten Tag sagen: »Cascadia«

Am klarblauen Himmel kreisen majestätische Bussarde, in sauberen Flüssen fischen fluffige Bären nach leckeren Lachsen, Hirsche und Füchse streifen durch die Wälder. »Cascadia« von Randy Flynn ist im gleichnamigen Landstrich im pazifischen Nordwesten Nordamerikas angesiedelt und stellt die Spielerinnen und Spieler vor die Aufgabe, möglichst ansprechende Lebensräume für die fünf Spezies aufzubauen. Dem Autor ist ein großer Wurf gelungen: Mit recht einfachen, intuitiv zu verstehenden Regeln ein atmosphärisch dichtes, in sich schlüssiges Spiel zu erschaffen, dessen Reiz sich kaum abnutzt.

Foto: Maren Hoffmann / DER SPIEGEL

Schon das Material macht große Lust auf eine Partie: Es gibt 100 bunte Tierscheiben aus Holz und 85 prächtige Wildnisplättchen, aus denen wir die Landschaft für unsere Fauna aufbauen. In jeder Runde ziehen wir eine Wildnis und ein Tier und legen beides möglichst schlau in unser aufstrebendes Ökosystem. Wie wir damit punkten können, hängt von den Vorgaben auf den unterschiedlichen Wertungskarten ab, sodass sich jede Partie anders gestaltet. Es zahlt sich auch aus, den längsten Fluss oder den größten Wald zu haben.

Man muss schon ziemlich viel taktische Flexibilität mitbringen, weil man in jeder Runde neu zieht – und dann mit dem Material arbeiten muss, dass das Glück einem an die Hand gegeben hat. Das spielt sich fluffig und ist schnell gelernt; verschiedene Varianten machen die Herausforderungen schwieriger. Wer das Thema mag, aber ein Spiel mit noch einfacheren Regeln sucht, sollte »Ökosystem« ausprobieren.

Für eine bis vier Personen ab zehn Jahren, Spieldauer eine halbe bis dreiviertel Stunde

Hand drauf: Outdooraffine Legeplättchenfans

Finger weg: Langstreckenstrategen

Handschmeichler und Hirnzwirbler: »Ecos«

Wäre es nicht schön, wenn wir uns die Welt so machen könnten, wie wir sie gerade brauchen? In »Ecos – der erste Kontinent« tun wir genau das: Wir fangen noch mal ganz von vorn an und formen den Planeten gemeinsam von Grund auf neu. Das Spiel ist ein Fest für Materialfetischisten: 75 sechseckige Landschaftsfelder, mehr als 100 Tierplättchen und einen Sack voll haptisch angenehmer Elementmarker. Alles lässt sich in der Schachtel in feinen Steckcontainern verstauen, sodass nichts herumfliegt und alles schnell aufgebaut ist. Feines Detail: Die Wasserfelder sind ein wenig dünner als die Landfelder, sodass sich der vor Artenvielfalt bald strotzende Kontinent majestätisch einen knappen Millimeter über den Fluten erhebt.

Foto: Maren Hoffmann / DER SPIEGEL

»Ecos« macht sich das Bingo-Prinzip zunutze. In jeder Runde zieht einer der Spieler einen der Handschmeichler aus dem Beutel. Deren Symbole kann man in der eigenen Kartenauslage abdecken. Alle können also in jedem Zug etwas machen. Ist eine Karte gefüllt, kann man ihren Effekt nutzen: Tiere ansiedeln, Bäume oder Berge setzen, neue Landschaftsfelder auslegen. Und natürlich Punkte sammeln.

Klar pfuscht man den anderen dabei auch mal ins Handwerk, aber im Großen und Ganzen ist »Ecos« sehr konstruktiv – sogar Elemente, die man selbst nicht braucht, kann man verwenden, um neue Karten oder Marker zu bekommen. Und auch die Projekte der Mitspieler lassen sich oft für eigene Ziele mitnutzen. Die Erweiterung »New Horizon« bringt Kilimandscharo, Sahara und Serengeti ins Spiel – und viele neue Tierarten. Autor John D. Clair ist ein Meister geschmeidiger Spielmechaniken. Wer einfach zu lernende Würfelspiele mag, sollte auf jeden Fall auch sein »Space Base« ausprobieren.

Für zwei bis sechs Personen ab 14 Jahren, Spieldauer eine Dreiviertelstunde bis knapp anderthalb Stunden

Hand drauf: Sammelfreudige Ökokonstrukteure

Finger weg: Grobmotoriker, denen gern mal die Würfelchen verrutschen und die dann nicht mehr wissen, welches wo lag

Für grüne Teamplayer: »Ecogon«

Feld, Wald, Wiese. Blumen und Bäume. Viele kleine und große Tiere. 80 sechseckige Naturkarten gilt es bei »Ecogon« von Micha Reimer so aneinanderzulegen, dass ein möglichst artenreicher, erfreulich robuster Lebensraum entsteht, den weder Insektizide noch Abholzung oder Orkanböen zerstören können. Dabei arbeiten, zumindest im Einsteiger-Modus, alle zusammen. Das geht in kleineren und größeren Runden, aber auch als Solo-Spiel – eine erfreuliche Alternative zum einsamen Rumdaddeln auf dem Smartphone. Das Spiel gibt es im Fachhandel oder direkt beim Verlag, der als Kollektiv arbeitet und nach eigenen Angaben seine Spiele klimaneutral produziert.

Foto: Maren Hoffmann / DER SPIEGEL

Die Regeln sind einfach, das Spiel ist aber dennoch anspruchsvoll. Wer dran ist, darf so viele der hübschen, knapp handtellergroßen Sechseckfelder legen, wie er oder sie will. Nach drei Zügen kommt eine Ereigniskarte, die das Ökosystem auf die Probe stellt – und die Spielrunde vor neue Aufgaben. Jedes Lebewesen, ob Tier oder Pflanze, hat bestimmte Bedürfnisse, die es zu erfüllen gilt, und braucht einen passenden Lebensraum, um überhaupt ins Spiel kommen zu dürfen. So baut sich ein schön gestalteter Plan auf, mit dem man tatsächlich einiges über die einheimische Fauna und Flora lernt. Man muss gut zusammenarbeiten, um die Spielziele zu erfüllen; das klappt auch in gemischten Runden, weil man mit offenen Karten spielt und so etwa jüngeren Mitspielerinnen und Mitspielern ein wenig mehr helfen kann. Ein bisschen muss man dabei darauf achten, dass niemand zum Alpha-Spieler wird und anfängt, für alle anderen mitzuplanen und das Spiel an sich zu reißen – aber das ist bei kooperativen Spielen immer eine Gefahr.

Wer keine Regeln lesen mag, kann sie per Video lernen. Wem das alles zu harmonisch ist, der kann nach ein paar Partien auf die forderndere Wettstreit-Variante umsteigen. Hübsches Extra: Die Spielmarker sind verschiedene Sorten Bio-Bohnen – und wer mehr davon benötigt, dem rät der Autor in der Anleitung, einfach ein paar davon im Frühjahr einzupflanzen und im Herbst neues Spielmaterial zu ernten. Die Erweiterung »Stille Wasser« bringt auch feuchte Lebensräume ins Spiel. Sie ist derzeit vergriffen, eine Neuauflage aber in Arbeit.

Für eine bis sechs (oder mehr) Personen ab acht Jahren, Spieldauer eine halbe bis anderthalb Stunden

Hand drauf: Entspannte Naturliebhaber

Finger weg: Alpha-Player, die immer alles für alle anderen entscheiden wollen

Artenschutz und Besucherfreuden: »Arche Nova«

Wie sieht der perfekte Zoo aus? Natürlich braucht es artgerechte Gehege, aber auch Attraktionen für Besucherinnen und Besucher – und ein Konzept, das den Artenschutz in den Vordergrund stellt, etwa durch Nachzucht- und Auswilderungsprogramme. In »Arche Nova« versuchen wir, durch die kluge Planung des Grundrisses und das Ausspielen von Tierkarten, Sponsoren und Projekten den erfolgreichsten Tierpark zu bekommen.

»Arche Nova«, das beachtliche und sehr materialreiche Erstlingswerk von Matthias Wigge, war schon auf der Spielemesse im Herbst rascher vergriffen, als man »Weißkehlwaran« sagen konnte. Die nächste Auflage soll aber bereits im April erscheinen. Das Spiel ist ein dickes Brett und trotz des harmlosen Themas nichts für Einsteiger in die große bunte Welt der anspruchsvollen Brettspiele. Es zeigt aber, was gute Spiele heute alles können – und wie wenig sie mit trostlosen Klassikern wie »Monopoly« zu tun haben, bei denen man im Kreis über einen monotonen Plan läuft und dabei versucht, anderen etwas kaputtzumachen.

Komplexe Spiele wie Arche Nova dauern lang, stimulieren ganz unterschiedliche Schaltzentren im Hirn und sind nicht ganz einfach zu lernen. Aber wer sich darauf einlässt, wird mit einer großen Erlebnistiefe belohnt – und selbst, wenn man verliert, bleibt eine gewisse Zufriedenheit damit, dass man doch etwas Schönes aufgebaut hat.

Mehr als 250 Tierkarten machen das Spiel ungemein abwechslungsreich. Manche Tiere können nur in große Gehege, manche wollen eines am Felsen oder am Wasser; man kann auf Sponsoren setzen, die noch einmal besondere Vorteile bringen, oder auf Verbandsaktionen, die den Artenschutz vorantreiben. Am Ende gewinnt der- oder diejenige mit den meisten Siegpunkten, aber der Weg dahin kann sehr unterschiedlich verlaufen. Die Karten bringen Symbole mit, die wiederum andere Karten beeinflussen.

So baut man sich im Laufe des Spiels aus gekauften und ausgespielten Karten eine hoffentlich gut ineinandergreifende Zoo-Maschine auf, die den eigenen Handlungsradius stetig erweitert. Wie fast jedes gute moderne Spiel bringt auch dieses einen herausfordernden Solo-Modus mit, sodass man auch allein einen vergnügten Spieleabend verbringen oder sich gemeinsam mit Partnerin oder Partner einer Herausforderung stellen kann, bei der es nicht gegeneinander geht.

Für eine bis vier Personen ab 14 Jahren, Spieldauer anderthalb bis über zwei Stunden

Hand drauf: Fokussierte Multioptimierer

Finger weg: Aus-dem-Bauch-heraus-Spieler