Verrückte Internet-Simulationen Netz-Nostalgie zum Nachspielen

Grell, schräg und nostalgisch: Die Indiespiele "Broken Reality" und "Hypnospace Outlaw" erfinden das Internet von gestern neu - mit Likes als Währung und Zensur als Waffe.

Broken Reality

Von Daniel Ziegener


Der Weg ins Internet führt über eine rosafarbene Marmorbrücke. Delfine springen im Bogen hinüber, am Ende gewährt eine gesichtslose Anime-Figur im Pförtnerhäuschen Eintritt in das digitale Paradies. Willkommen in der "Broken Reality".

Im Spiel des mexikanischen Studios Dynamic Media Triad ist das Internet wortwörtlich ein begehbares Neuland. Onlineshops haben Filialen, das Datingportal lädt auf eine Kreuzfahrt ein und Malware wird zur Straßensperre.

Like-Daumen statt Shotgun

Likes sind in "Broken Reality" eine Währung. Sie steigern beim Level-up nicht die Charakterwerte der Spielfigur, sondern ihre Popularität. Wer beliebt genug ist, erhält Zutritt zu immer exklusiveren Bereichen dieser überzeichneten Version eines sozialen Netzwerks. Und so sitzt der Daumen stets wie bei einem Ego-Shooter klickbereit gezückt in der Ecke des Bildschirms.

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Die Satire von "Broken Reality" ist so wenig subtil wie der Name. "Das Spiel macht sich über unser Zwangsverhalten lustig, über den Schein der Onlinewelt und unsere Isolation in Cliquen und Echokammern", sagt Sebastian Covacevich, einer der Entwickler.

Um weiterzukommen müssen Spielende so lange Werbung anschauen, bis diese goldene Daumen fallen lässt - so wie "Super Mario" die Münzen aus Kisten prügelt. Und man fühlt sich ertappt, weil man selbst auf diese Parodie eines Belohnungssystems reinfällt, das sinnlosen Konsum mit bunten Bildern und Dopaminschüben belohnt.

Die bizarre 3D-Welt erinnert an "Second Life" - zumindest, wenn man sich noch an den längst verpufften Hype erinnert. "Oh, ja, absolut!", gibt Covacevich zu. "Aber es ist eine Betrachtung von außen. Ich habe mich eher von meinem Leben in World of Warcraft inspirieren lassen."

Abenteuer im Netscape Navigator

Das Vorbild für das Spiel "Hypnospace Outlaw" von Jay Tholen liegt noch ein Jahrzehnt weiter zurück, als animierte GIFs unironisch benutzt wurden und Webdesigner auf Neonkontrast statt Whitespace setzten. Auch hier bildet eine überdrehte Version des Internets die Kulisse für eine Mischung aus Parodie und interaktivem Storytelling.

Das 2D-Textadventure "Hypnospace Outlaw" und der 3D-Walking-Simulator "Broken Reality" könnten spielerisch kaum unterschiedlicher sein. Dennoch teilen sie dieselbe Liebe für die merkwürdigen Nischen des Netzes abseits der großen Monopolisten.

Man kann sein eigentliches Missionsziel vergessen und sich stattdessen in Abkürzungen und Querverweisen verlieren. An jeder Ecke gibt es ein neues Kuriosum, einen schrillen Sound und das kontextlose Fragment einer größeren Geschichte zu entdecken.

Außen nostalgisch, innen politisch

Mit dem Videospielen oft nachgesagten Eskapismus haben beide Internetsimulatoren trotz ihrer grellen Farbpalette wenig gemeinsam. Auch in den Foren von "Hypnospace Outlaw" gibt es sexuelle Belästigung, auch die Kreditkartenschulden in "Broken Reality" verschwinden nicht von allein.

Der Cyberspace ist im Jahr 2019 nicht mehr der unschuldige Schauplatz aus Filmen wie "Hackers" oder "Tron". "In der Story geht es um die Firma, die hinter dem Hypnospace steckt - und die Auswirkungen, wenn sie ihre Richtlinien ändert", erklärt Tholen, "Daher würde ich sagen, dass es sehr politisch ist."

Als schlecht bezahlter Moderator setzt man diese mit dem Banhammer durch. Wenn man sich nahezu unkontrolliert auf die Jagd nach Urheberrechtsverletzungen macht, wird man selbst zum Uploadfilterer. Utopie und Dystopie liegen in beiden Spielen nah beieinander.

Spielbare Utopien von gestern

Covacevich sieht die Auswirkungen des Internets dennoch positiv. "Es ist ein Henne-und-Ei-Dilemma. Ich bin nicht sicher, ob die riesigen Konzerne eine Kultur erschaffen oder ob sie nur auf Statistiken reagieren", sagt er. Auch wenn "Broken Reality" sich über das Internet lustig mache, habe das Netz dennoch "eine weltweite Empathie erschaffen, die ich in unserer hyper-globalisierten Welt für wichtig halte."

"Das Internet hat wirklich alles verändert", findet auch "Hypnospace Outlaw"-Entwickler Jay Tholen. "Aber im letzten Jahrzehnt hat sich auch gezeigt, dass es nicht das allseits erwartete Wunderwerk ist. Das alte Web war nicht wirklich toll, aber es war sicherlich nicht so homogen und ausbeuterisch wie die heutigen sozialen Medien."

Beide Spiele fangen die Gratwanderung zwischen Vernetzung und Reizüberflutung auf eine Art und Weise ein, wie es so nur Videospiele können. Unter der Collage aus selbstironischem Trash und nostalgischer Verklärung liegt eine komplizierte, wenn auch simpel klingende Wahrheit: Früher war nicht alles besser, heute ist nicht alles geil - und kein Internet ist auch keine Lösung.

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