Altern als Computerspieler Gib mir meine Reflexe zurück

Schnelle Reaktionen sind in vielen Videospielen der Schlüssel zum Erfolg. Dass sie mit dem Alter langsamer werden, stellt Hobbyspieler wie Profis vor eine Herausforderung.
Was gibt den Ausschlag im Duell der Generationen - mehr Erfahrung oder bessere Reflexe?

Was gibt den Ausschlag im Duell der Generationen - mehr Erfahrung oder bessere Reflexe?

Foto: Tom Werner/ Getty Images

Game over. Schon wieder. Für den Wiedereinstieg ist dann vielleicht doch der niedrigste Schwierigkeitsgrad besser.

Viele Menschen, die früher einmal viel Zeit an Computer oder Konsole verbracht haben, erleben eine böse Überraschung, wenn sie sich ihre Lieblingstitel nach Jahren wieder vornehmen: Reflexe und Schnelligkeit haben nachgelassen. Wer im ersten "Doom"-Teil 1993 noch geglänzt hat, sollte sich nicht wundern, wenn 2020 das große Comeback bei "Doom Eternal" ernüchternd ausfällt.

Während man im Einzelspielermodus noch die Schwierigkeit reduzieren kann, werden einem spätestens in einem Onlinematch die Grenzen gnadenlos aufgezeigt: Die Jüngeren reagieren schneller - sie weichen aus und schießen, während man selbst noch nachdenkt. Selbst wenn man durchgehend aktiv gespielt hat, machen sich die Jahre hier gnadenlos bemerkbar.

"Zunehmendes Alter macht einen Unterschied in der Spielleistung", bestätigt Markus Möckel, Leiter der Trainerausbildung beim eSport-Bund Deutschland (ESBD). "Das ist wie in jedem anderen Sport auch." Wer älter wird, büßt Reflexe ein - egal ob beim Tennis oder bei "League of Legends". Das hat vor allem mit den langsamer werdenden Nervenleitbahnen zu tun. Ein kleiner Trost für Gaming-Veteranen: Sie sind mit dem Problem nicht allein.

Wer schneller ist, gewinnt

Auch Robin Röpke merkt mit Mitte 20 das Alter bereits. Er ist E-Sport-Profi und spielt "Counter-Strike: Global Offensive" für das Team Alternate Attax. Neben taktischem Verständnis ist Schnelligkeit elementar für seinen Beruf. "Inzwischen gibt es Kids aus Dänemark, die vielleicht 13 oder 14 sind und ein unglaublich gutes Aiming haben", sagt er. "Da komme ich kaum noch mit." Aiming, also das Zielen, ist eine der wichtigsten Fähigkeiten bei einem Shooter. Wer schneller und genauer schießt, hat bessere Gewinnchancen.

Für Menschen, die ihr Aiming verbessern wollen, gibt es einige Hilfen. So findet man zum Beispiel Programme, die Aimlab heißen oder 3DAimTrainer. Sie versprechen eine verbesserte Zielfähigkeit. "Das bringt für Profis nichts", meint allerdings Robin Röpke. Schließlich sei die Steuerung bei jedem Spiel verschieden, selbst wenn genau die gleiche Tastaturbelegung gewählt wird. Die Maus reagiere anders, die Schnelligkeit, mit der sich das Fadenkreuz über den Bildschirm bewegt, sei immer unterschiedlich und auch die Art und Weise, wie das Spiel selbst die Informationen verarbeite. Dabei handele es sich zwar oft um kaum messbare Unterschiede - doch im Match seien diese ausschlaggebend.

"Ich spiele nicht einmal andere Shooter", sagt Röpke, "die machen mich schlechter." Wer also in einem Spiel unbedingt besser werden möchte, sollte es am besten gezielt trainieren.

Seniorenligen für Gamer

Auch Markus Möckel vom ESBD glaubt, dass "Trainieren im Spiel selbst" am besten hilft. Nur so lerne man, was im jeweiligen Spiel tatsächlich gefragt sei. Schließlich ist das Zielen nur eine von vielen Sachen, auf die es ankommt. Bewegung und das Verhalten der Gegner sind andere wichtige Punkte. Manche Titel, die im E-Sport gespielt werden, bieten eigene Übungslevel an.

Doch Training für Gamer umfasst nicht nur Zeit am Bildschirm, wenn es nach Markus Möckel geht: "Eine Zeit lang war das Ideal der E-Sportler, zwölf Stunden am Tag zu spielen", sagt er. "Inzwischen wird da umgedacht und basierend auf wissenschaftlichen Erkenntnissen trainiert." Körperliches Ausdauertraining sei als Gegenpol wichtig. "Wir wissen aus Studien, dass Laufen, Schwimmen oder Radfahren kognitive Fähigkeiten steigert", sagt er. Deshalb gehöre so etwas jetzt für viele E-Sport-Profis zum Trainingsprogramm.

Auch alternden Gamern können solche Ansätze helfen. Doch selbst mit ausdauerndem Training werden sie die jungen Spieler in Games, in denen es auf schnelle Reaktionen ankommt, langfristig wohl nicht mehr schlagen können.

Ältere Spieler und Spielerinnen gesucht

Hat sich auch für Sie das Spielen über die Jahre verändert? Spielen Sie heute andere Games als früher? Wie erleben Sie Online-Duelle mit jungen Spielerinnen und Spielern? Inwiefern spricht Sie modernes Gaming-Marketing an? Oder haben Sie vielleicht erst im höheren Alter angefangen, zu spielen? Der SPIEGEL ist an solchen Einblicken interessiert - besonders, aber nicht nur von über 60-jährigen Menschen. Wenn Sie uns von Ihrem Spieler-Alltag erzählen wollen, melden Sie sich gern über gaming@spiegel.de.

Einige Spieler haben das inzwischen akzeptiert und gehen neue Wege. Sie schließen sich in Altherrenmannschaften zusammen und spielen gegeneinander. Für Generationen, die jetzt mit Videospielen älter werden, ist das nur ein logischer Schritt. "Lange wird es nicht mehr dauern", glaubt Möckel, "dann gibt es mehr und mehr Seniorenligen."

Und wer allein spielt, kann sich über die Übung steigern - so wie beim Joggen – und dann vielleicht in "Doom Eternal" den nächsthöheren Schwierigkeitsgrad anwählen. "Das hilft auch das eigene Gehirn zu trainieren - kognitive Prozesse, das Gedächtnis, Reaktionen", sagt Möckel. Spaß macht es obendrein.

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