Corona in Games Das Virus hat die Spieleserver erreicht

Auch in Onlinespielen herrscht Krisenstimmung: Spieler tragen virtuelle Schutzmasken, schmeißen Corona-Partys oder geben vor, infiziert zu sein. Manche finden das witzig, andere verarbeiten ihre Angst.
Rollenspiel in "GTA Online": Corona-Alarm in Los Santos

Rollenspiel in "GTA Online": Corona-Alarm in Los Santos

Foto: Rockstar Games

Online gibt es keine Kontaktverbote: Während die Corona-Pandemie weiter den Alltag vieler Menschen einschränkt, herrscht in der virtuellen Welt Hochbetrieb. Wer nicht mehr das Haus verlässt, um Freundinnen oder Freunde zu treffen, spielt dieser Tage gern mal Multiplayer-Games, um dort anderen Menschen zu begegnen.

Mittlerweile allerdings scheinen Sars-CoV-2 und Covid-19 auch die Server der Onlinespiele erreicht zu haben: Vielerorts geben "Corona-Rollenspieler" vor, dass ihre Figuren mit dem Virus infiziert seien oder es bekämpften - und teils versuchen sie sogar, arglose Mitspieler in ihr Rollenspiel einzubinden.

Corona-Polizisten und gespielte Infektionen

Onlinewelten wie die von "GTA Online" sind mit Katastrophen vertraut: Banküberfälle, Anschläge und nachgespielte nationale Krisen sind auf den Spieleservern Alltag

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Foto: Rockstar Games

Mitzuerleben war so etwas im beliebten Actionspektakel "GTA Online". Ärzte in Strahlenanzügen  führten hier schon vor Wochen "Corona-Tests" bei ihren Mitspielern durch und errichteten Straßensperren, um Teile der virtuellen Großstadt Los Santos abzuriegeln. Zur Umsetzung solcher Ideen werden meist Mods aus der Community  genutzt, Fan-Erweiterungen der "GTA"-Welt, mit denen sich das Corona-Rollenspiel noch realistischer gestalten lässt.

Zuletzt berichtete dann noch die US-Website "Polygon"  über Hacker, die auf den Servern von "GTA Online" angeblich eine Art "virtuelle Ausgangssperre" mit allen Mitteln durchsetzten: "Corona-Polizisten" sollen demnach Spieler verfolgt und sie im Chat ermahnt haben, "nach Hause zu gehen". Wer der Aufforderung nicht nachkam, wurde von den Hackern an Ort und Stelle festgehalten, hieß es.

Corona-Polizisten: Ihnen begegnet man auf den Straßen der fiktiven Spielwelt Los Santos

Corona-Polizisten: Ihnen begegnet man auf den Straßen der fiktiven Spielwelt Los Santos

Foto: Rockstar Games

Mittlerweile sollen die "GTA"-Entwickler das Problem gelöst haben, das Coronavirus jedoch hat längst auch andere Onlinewelten infiziert. So ist das Thema beispielsweise im quietschbunten Universum von "Animal Crossing: New Horizons" angekommen, wo Spieler Fantasie-Inseln nach ihren Vorstellungen gestalten und einander besuchen können. Mehr und mehr Menschen ziehen hier ihren Spielfiguren Schutzmasken an, füllen ihre Wohnzimmer mit Krankenhausbetten  oder veranstalten Corona-Partys. 

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Die Gründe für das Phänomen, dass viele Menschen die Corona-Pandemie auch in Spielen thematisieren, sind vielfältig, meint "vabene". Hinter dem Pseudonym steckt ein 23-Jähriger namens Benedikt, der die größte deutschsprachige Rollenspielgemeinschaft der Militärsimulation "Arma 3" betreut: "Arma RealLife RPG" .

"Grundsätzlich ist es häufig so, dass Menschen reale Ereignisse in Onlinespielen aufgreifen", sagt Benedikt dem SPIEGEL. "Für manche ist das einfach ein naheliegender Weg, mit so etwas umzugehen, ohne sich oder anderen direkten Schaden zuzufügen." 

Virtuelle Pandemiebekämpfung

Auch Benedikts Community sah sich Anfang März mit einer virtuellen Corona-Pandemie konfrontiert. Wo sonst Spieler einen fiktiven Alltag führen, Berufen nachgehen und Freunde treffen, machten zunächst Gerüchte die Runde, dass sich einige Mitglieder der Gemeinschaft mit Covid-19 infiziert haben sollen - wohlgemerkt nicht die Menschen selbst, sondern nur ihre Spielfiguren. 

Der Rollenspielserver "RealLife RPG" ist seit Jahren das Zuhause einer Community, die einem fiktiven Alltag nachgeht.

Der Rollenspielserver "RealLife RPG" ist seit Jahren das Zuhause einer Community, die einem fiktiven Alltag nachgeht.

Foto: Bohemia Interactive

Bald folgten die ersten konkreten "Fälle": Spieler, die am Rollenspiel teilnahmen, begannen im Sprachchat zu husten, alarmierten die Ärzte der Gemeinschaft und verlangten einen virtuellen Corona-Test.

Im Interview mit dem SPIEGEL erinnern sich der 16-jährige Max und der 17-jährige Finn an die ersten Notbehandlungen, die sie als virtuelle Sanitäter durchführten: "Manche haben wild gehustet und angegeben, Fieber, Kopfschmerzen und teilweise auch Atemwegsbeschwerden zu haben. Die beiden berichten, dass viele Spieler sich offenbar einen Spaß mit der Infektion erlaubten und nicht sonderlich konzentriert bei der Sache waren, während sie vom Ärzteduo behandelt wurden: "Die haben die Krankheit nicht ernst genommen oder die Symptome übertrieben gespielt." Einige jedoch hätten ihre Beschwerden auch "sehr ernst ausgespielt".

Ein Spiel als Zufluchtsort

Auf dem Server von "Arma RealLife RPG" schlug das Corona-Rollenspiel schnell hohe Wellen. Die Infektionszahlen stiegen, schließlich schloss sich auch der Automobilklub, einer der mitgliederstärksten Vereine der Rollenspielgemeinschaft, dem zweifelhaften Spaß an: Alle Klubmitglieder setzten sich Schutzmasken auf und stellten vorübergehend ihre Arbeit ein. Reparaturen an den Fahrzeugen anderer Spieler blieben unerledigt, erste Straßenblockaden wurden errichtet, um Teile der fiktiven Spielstadt zu isolieren.

Anfang März hatten die Ärzte von "RealLife RPG" viel zu tun: Spieler gaben sich als Corona-infiziert aus, verlangten Speicheltests, husteten wild in ihr Mikrofon.

Anfang März hatten die Ärzte von "RealLife RPG" viel zu tun: Spieler gaben sich als Corona-infiziert aus, verlangten Speicheltests, husteten wild in ihr Mikrofon.

Foto: Bohemia Interactive

Zu diesem Zeitpunkt entschloss sich Benedikt alias "vabene" einzuschreiten: Das Admin-Team und die Community-Manager verboten offiziell jegliches Corona-Rollenspiel , und auch wer einen Arzt spielte, wurde angewiesen, jeden Corona-Test als negativ auszugeben.

Im dazugehörigen Forenposting heißt es: "'RealLifeRPG' soll ein Ort der Zuflucht sein. Wir wollen euch einen Ort bieten, an dem ihr den Problemen eures Alltags entkommen könnt. Egal in welchem Maße ihr vom Coronavirus betroffen seid, auf 'RealLifeRPG' wollen wir euch nicht auch noch damit konfrontieren."

Corona ist ein Sonderfall

Das Verbot wurde auch per Teamspeak, also über den Chatkanal der Community, verbreitet, wo nun alle Spieler beim Log-in eine automatisierte Erinnerung an das Verbot erhalten. Laut Benedikt gaben sich die meisten Rollenspieler einsichtig, die beiden Spielärzte Max und Finn berichten aber auch von Gegenstimmen. "Der größte Teil hat es akzeptiert, viele sahen sich aber in ihrer 'Freiheit' angegriffen", sagen sie. Einige hätten sich deswegen sogar beim Support-Team beschwert, "allerdings ohne Erfolg". Die Antwort lautete: Es sei nicht richtig, eine Krankheit wie Covid-19 ins Lächerliche zu ziehen.

Für Server wie "RealLife RPG" sind Verbote bestimmter Themen durchaus ungewöhnlich: Fiktive Pandemien sind auf Rollenspielservern eigentlich gern gesehene Großevents, die für Abwechslung sorgen. Der gespielte Ausnahmezustand - sei es nun eine fiktive Seuche, ein aufwendiger Banküberfall oder ein riesiger Verkehrsunfall - wird bei "RealLife RPG" sonst im Vorfeld von einem eigenen Event-Team intensiv geplant.

Die Coronakrise allerdings sei ein Sonderfall, erklärt Benedikt: "Es gibt Leute, und einige kennen wir Admins auch persönlich, die direkt von Corona betroffen sind. Und damit die wenigstens im Spiel mal ihre Ruhe haben können, haben wir das Verbot ausgesprochen."

Die entschlossenen Maßnahmen der Admins zeigten übrigens schnell Erfolg: Mittlerweile ist die Corona-Pandemie auf den Servern von "RealLife RPG" eingedämmt, es gibt derzeit keine "Neuinfektionen" mehr.