"Cyberpunk 2077" ausprobiert Willkommen in der kaputten Zukunft

"Cyberpunk 2077" vom polnischen Entwicklerstudio CD Projekt Red ist der wohl spannendste Games-Blockbuster dieses Herbstes. Was erwartet Spielefans in der Tech-Dystopie? Unsere ersten Spieleindrücke.
Szene aus "Cyberpunk 2077": Diese Figur namens Judy Alvarez ist Expertin für die Braindance-Technlogie, mit der Menschen Emotionen und Erinnerungen anderer nacherleben können

Szene aus "Cyberpunk 2077": Diese Figur namens Judy Alvarez ist Expertin für die Braindance-Technlogie, mit der Menschen Emotionen und Erinnerungen anderer nacherleben können

Foto: CD Projekt

Technik macht das Leben besser? Wenige Minuten auf einem Beifahrersitz in Night City reichen, schon hinterfragt man das. In der fiktiven kalifornischen Megametropole ist die Welt im Jahr 2077 zwar hochtechnisiert, aber kaputt. Großkonzerne und Gangs ziehen die Strippen, Kriminalität ist allgegenwärtig. Aus Gullys steigt Dampf auf, Straßen sind voller Müll und Obdachloser.

Die Stadt erinnert dabei an ein dem Verfall ausgesetzes Los Angeles, oder an ein Silicon-Valley-Testfeld, das von Krieg und Konflikten gezeichnet ist. Die Einwohner nutzen daher gern eine Technologie namens Braindance , um Emotionen und Erlebnisse anderer nachzuerleben - und so ihrem eigenen, traurigen Leben zu entfliehen.

Bekanntgeworden ist Night City durch den Pen-&-Paper-Titel "Cyberpunk 2020"  des US-Autoren Mike Pondsmith. Der Ort existierte bislang also vor allem in der Fantasie von Wohnzimmertisch-Rollenspielern. Das polnische Studio CD Projekt Red, berühmt für das hervorragende "The Witcher 3: Wild Hunt" und berüchtigt für seine Arbeitsbedingungen, erweckt ihn in "Cyberpunk 2077" nun digital zum Leben. Ab November soll sich Night City in dem Videospiel zu Fuß oder auch per Auto erkunden lassen.

"Cyberpunk 2077" wurde bereits 2012 angekündigt und zuletzt zwei Mal verschoben - für viele Spielefans dürfte es der interessanteste Blockbuster des Herbstes sein. Doch wird das Spiel den hohen Erwartungen gerecht werden? Und wie fertig wirkt es bereits? Bei einem Presse-Event - samt Mundschutz und Controller-Desinfektion - ließ es sich diese Woche ausprobieren.

Transparenzhinweis: "Cyberpunk 2077" erscheint voraussichtlich am 19. November 2020 für den PC, die Playstation 4 und die Xbox One. Das Spiel soll sich zudem auf der Playstation 5 und der Xbox One spielen lassen, die zum Jahresende in den Handel kommen sollen. Auch eine Streaming-Variante für Google Stadia ist geplant.

Dem SPIEGEL wurde auf einem Presse-Event eine englischsprachige Vorabversion des Spiels gezeigt. In rund vier Stunden hat unser Autor dort einen Teil des Prologs von "Cyberpunk 2077" selbst gespielt, ergänzend dazu zeigte ihm ein Entwickler weitere Missionen und Funktionen.

Vor Ort lief das Spiel auf einem Gaming-PC, der unter anderem mit einer Nvidia GeForce RTX 2080 Ti ausgestattet war. Auf diesem Highend-Gerät gab es kaum Ladezeiten und auch keine Perfomance-Einbrüche. Die Konsolenfassungen von "Cyberpunk 2077" waren vor Ort nicht anspielbar, die PC-Version wurde jedoch mit einem Xbox-One-Controller gesteuert. Alle Bilder, die in diesem Artikel gezeigt werden, sind offizielle Screenshots des Herstellers. Eigene Bildschirmfotos konnten nicht gemacht werden.

Wie darf V denn sein?

Testen konnte ich den Prolog des Spiels, der rollenspieltypisch mit der Charakter-Erstellung beginnt. Die Hauptperson namens V, durch die man das Geschehen aus der Ich-Perspektive erlebt, lässt sich dabei auf viele Arten individualisieren - von der Haut- und Haarfarbe bis hin zum Genitalbereich. Vs mit einer männlich wirkenden Körperform können auch eine weibliche Stimme haben und weiblich aussehende Vs eine männliche.

Dazu werden Attributspunkte verteilt, in Kategorien wie Körper, Intelligenz und technische Fähigkeiten. Ergänzend stehen drei Hintergundgeschichten zur Auswahl, darunter die des "Street Kid".

Als solch ein Milieu-Überlebenskünstler startete ich ins Abenteuer. Aus einer schmuddeligen Bar ging es alsbald auf die Jagd nach einem seltenen Auto. In die Spieleinführung eingebaut ist auch ein Tutorial, in dem den Spielern und Spielerinnen die Grundfunktionen von "Cyberpunk 2077" nahegebracht werden, darunter das Schießen, Schleichen und Hacken.

Schon in diesem Training, das als Virtual-Reality-Erfahrung für V inszeniert ist, zeigt sich, was absehbar war: "Cyberpunk 2077" bietet zwar wie etwa "Detroit: Become Human" eine interaktive Story mit verschiedenen Verläufen - das Spiel ist aber auch vom Gameplay her bemerkenswert komplex. Zum Durchdringen seiner Welt und seiner Mechaniken wird man sich Zeit nehmen müssen.

Fotostrecke

Die Welt von "Cyberpunk 2077": Schießen, schleichen, hacken

Foto: CD Projekt

Ein düster-dystopisches Grundgefühl

Fasziniert hat mich beim Spielen einerseits das düster-dystopische Grundgefühl, das Night City vermittelt: das Gefühl, in einem Transhumanisten-Traum gone wrong gefangen zu sein, indem es mutmaßlich nur noch den Reichsten und Mächtigsten gutgeht - solange sie ausblenden, wie die Welt um sie herum zugrunde geht.

Interessant war auch, wie variantenreich "Cyberpunk 2077" wirkt. Missionen lassen sich auf unterschiedliche Arten und mit verschiedenen Spielstilen beenden. Durch ein Gebäude voller Feinde etwa kann man sich durchballern. Man kann aber auch die Umgebung hacken oder sich voranschleichen und die Gegner lautlos und auf nicht-tödliche Art ausschalten. V ist, wie ich es will - draufgängerisch, supervorsichtig oder auch mal beides im Wechsel.

Überhaupt gilt es ständig, kleine und große Entscheidungen zu treffen. Wenn plötzlich ein Gangster mit Waffe in der Hand am Autofenster steht und es ums Überleben geht, aber auch, wenn ein Obdachloser um eine Spende bittet.

Wenn es Nacht wird in Night City

Was die Umgebung angeht, ist Night City der größtmögliche Bruch zu "The Witcher 3". Die Metropole ist dicht bevölkert und eng bebaut, es gibt dunkle Hinterhöfe, aber auch gigantische Wohnblöcke, in denen immer etwas los ist. Auch die Bevölkerung ist diverser: Im Tech-Moloch leben Weiße wie auch People of Color, auf den Straßen sind Frauen und Männer, aber auch Kinder unterwegs .

Die bisher begehbaren Innenräume wirkten sehr detailreich, wenngleich es manchmal schwer einzuschätzen war, mit welchem Teil der Einrichtung sich interagieren lässt. Im Zweifel galt: eher mit weniger Objekten als erwartet. "Cyberpunk 2077" ist offenbar keines jener Rollenspiele, in dem die Hauptfigur alsbald alles mitschleppt, was nicht niet- und nagelfest ist.

Im Vergleich zu anderen Open-World-Games wie "Grand Theft Auto V" wirkt das Spiel auch stärker storygetrieben und weniger wie ein Digital-Spielplatz zum Austoben und Abhängen. Man kann zwar auch hier von einem Hausdach aus den Tag- und Nachtwechsel beobachten oder auf einer belebten Kreuzung eine Schießerei starten. Ausgelegt scheint "Cyberpunk 2077" aber eher darauf, dass man sich als V mit den vom Entwicklerteam ausgearbeiteten Aufgaben beschäftigt.

In der "Street Kid"-Erzählung gibt es anfangs einige längere Dialogphasen, die man unter anderem als Autobeifahrer erlebt. Allgemein sollte man sich darauf einstellen, immer mal wieder einige Zeit lang Nichtspieler-Charakteren zuzuhören. Die Dialoge, die Vertonung und die Gesichtsanimationen des Spiels überzeugen dabei zum Glück.

Man darf auf November gespannt sein

Nach vier Stunden bleibt der Eindruck, dass "Cyberpunk 2077" zu Recht viele Vorschusslorbeeren eingeheimst hat. Erst zeigen wird sich aber, ob es dem Spiel auch auf Dauer gelingt, so viel spielerische Freiheit zu bieten, wie sie eingangs in Aussicht gestellt wird: Ob etwa das Vorgehen als Hacker, das einen vermutlich häufig mit demselben Logik-Minispiel konfrontiert, ähnlich viel Spaß machen wird, wie eine auf Nahkampf und Schusswaffen ausgelegte Taktik. Oder ob sich bestimmte, aus den vielen Möglichkeiten überhaupt erst entstehende Spielvarianten als eher öde herausstellen. Auszubalancieren haben die Entwickler jedenfalls recht viel. Auch die Stoßrichtung und Qualität der Hauptstory ist noch schwer abzuschätzen.

Was die Spielwelt betrifft, haben die Macher bis November noch manche Open-World-typische Baustelle anzugehen: In meinem Test liefen zum Beispiel ab und an Figuren ineinander oder in Teile der Umgebung hinein.

Mit den mir gezeigten Einstellungen wirkte das Spiel zu Beginn übrigens HUD-lastig, sprich: Anzeigeelemente wie eine Mini-Karte, Erklärhinweise und Angaben zum Status von V waren recht präsent. Anders als bei manchen anderen Games führt dies in "Cyberpunk 2077" nicht unbedingt zu einem Immersionsbruch: Dadurch, dass das Spiel eine Welt simuliert, in der viele Menschen - wie im Spiel dann auch V - ihre Körper mit sogenannter Cyberware upgraden, lässt sich der Einblendungs-Overflow leichter mit dem Erlebnis in Einklang bringen.

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