"Dark Souls 3" im Test Postkarten aus der Apokalypse

Die "Dark Souls"-Trilogie gehört zum Schwierigsten, das Videospielern je vorgesetzt wurde. Das Finale ist eine grandiose Ode an die Verzweiflung - mit Panzerschweinen, wandelnden Bäumen und blinden Drachen.

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Achtung: Diese Besprechung und die Bilderstrecke enthalten kleinere Spoiler.

Die Lieblingsfarbe? Blau. Na ja, vielleicht doch eher Schwarz. Hidetaka Miyazaki, der Mann, der Millionen Spieler in die Verzweiflung getrieben hat, lacht. Es ist ein leises Glucksen. Miyazaki wirkt nicht wie jemand, der sich seiner Macht über Spieler und Branche bewusst ist. Eher wie das Klischee des Protonerds. Dickes Brillengestell, rundes Gesicht, schütteres Kinnbärtchen. Und immer dieses Kleinejungenlächeln. Knuffig.

Die Spiele seines japanischen Studios From Software sind vieles, knuffig sind sie nicht. "Demon's Souls", "Dark Souls" und "Bloodborne", das im letzten Jahr erschienen ist, eint eine Vision vom Untergang. In den Action-Rollenspielen steuert der Spieler seinen Helden aus der Dritte-Person-Ansicht durch Ruinen.

Einen optischen Eindruck vom Spiel liefert unsere Bilderstrecke - aber Vorsicht: Wer wirklich überhaupt nichts darüber wissen will, was ihn im neuen "Dark Souls" erwartet, sollte die Bilderstrecke lieber meiden.

Die morbiden Welten liegen in Trümmern, Monster durchstreifen sie. Besiegt man sie, bleiben Seelen für den Spieler zurück. Mit ihnen stärkt der Spieler seinen Charakter - er investiert sie in Levelaufstiege, neue Waffen und Zaubersprüche. Stirbt der Charakter im Kampf, liegen die Seelen an der Stelle seines Ablebens. Der Spieler muss sich, von einem der raren Speicherpunkte aus, erneut dorthin durchschlagen, um sie wieder einzusammeln. Doch alle erlegten Feinde sind dann auch wieder da.

Der Heilige Gral

Das verursacht Verzweiflung, Wut und Trauer. Kaum ein anderes Spiel hat es geschafft, Narration und Spielmechanik so zu verschränken, wie die Serie von Hidetaka Miyazaki. Das Zyklische, immer wiederkehrende Elend seiner Spielwelten lässt Miyazaki Spieler am virtuellen Leib erfahren. Er lässt sie ganz klein werden, angesichts der Aussichtslosigkeit seines Unterfangens - und immer wieder scheitern. Die Welt retten? Vor Kreaturen, die zehnmal so groß sind wie du?

"Dark Souls 3"

"Dark Souls 3"

Erzählung findet sich auch in den Dialogfetzen der Depressiven, die die Welt bevölkern. In Gegenständen, über die der Spieler stolpert. In den Waffen und den Kleidungsstücken, die längst vergessenen Helden gehörten. Und in der furchteinflößenden Sakral-Architektur. Immense Bauten wurden vollgestopft mit westlich-religiöser Ikonografie, die den Spieler klein macht.

Es ist Anfang März und Hidetaka Miyazaki sitzt auf der Empore der Johanniskirche in Hamburg-Altona. "Ich bin nicht religiös, ich wäre es aber gern", sagt er. "Das Rituelle, die Zeremonien, die in Kirchen oder anderen heiligen Orten stattfinden", all das fasziniere ihn. Unten am Boden wimmeln dutzende Spieler, die zwischen den Kirchenbänken sein neues Spiel ausprobieren - "Dark Souls 3". Von hier oben sehen sie winzig aus.

Die Aufregung ist groß, denn im direkten Vorgänger hatte erstmals nicht er selbst Regie geführt. Prompt war die Anhängerschaft empört. Das tolle Weltdesign könne nicht mithalten. Die Monster seien eintönig. Und "Dark Souls" ohne Miyazaki sei überhaupt undenkbar. Nun hat er erneut die Kontrolle übernommen. Dieser dritte Teil soll nun der Abschluss der Reihe sein, sagt Miyazaki, "das große Finale".

Herzrhythmusstörung

Meine Hände zittern. Ich versuche eine Zigarette zu drehen. Es dauert lange, bis es mir gelingt. Der Adrenalinschub ist noch zu groß. Drei Stunden lang bin ich den gleichen Weg gelaufen. Immer wieder die Treppenstufen hinauf, durch die Halle, hin zu der Wand aus Nebel.

Zu dem Nebel, hinter dem der Tänzer lauert, mit unmöglichen Gliedmaßen und zwei Klingen. Eine, die brennt. Eine, die Asche und Dunkelheit speit. Er bewegt sich, als ob er durch Wasser waten würde, grazil und tödlich. Er ist mein Albtraum. Ich lerne jeden seiner Schritte auswendig, damit wir zusammen tanzen können - und damit er schließlich unter meinen Schlägen verglüht.

Ein Monat ist vergangen seit dem Gespräch mit Hidetaka Miyazaki. Sein großes Finale ist da. Die Kämpfe gegen die Ungeheuerlichkeiten des mittelalterlichen Königreichs Lothric verlangen mir alles ab. "Dark Souls 3" ist ein Amalgam aus den besten Bestandteilen der Serie.

Ausgehend von einem riesigen Thronraum, dem Firelink Shrine, erkunde ich gigantische Areale wie in "Demon's Souls", die doch alle verbunden sind wie in "Dark Souls". Die Kämpfe sind nun so schnell und dynamisch, wie in "Bloodborne" - und bestrafen doch jeden Fehler.

Ein Ausrutscher bedeutet den Tod

"Ich bin nicht sehr ängstlich", hat Miyazaki gesagt. "Mich interessiert aber, wovor Menschen Angst bekommen. Das macht mich neugierig und das versuche ich zu erforschen."

Ein Ausrutscher am Gamepad und mein Held taumelt in die Tiefe. Oder er wird vergiftet. Oder aufgespießt. Von einem der Standardgegner. Einige von ihnen darf ich nicht anschauen, denn dann wird die Lebensleiste meiner Spielfigur kleiner und kleiner. In jedem anderen Spiel würden sie als Endboss durchgehen. Hier steht hinter jeder Ecke einer von ihnen.

Und die Endbosse selbst: Um sein Team nicht einzuschränken, verwendet Hidetaka Miyazaki kaum visuelle Referenzen. Stattdessen kommuniziert er seine Ideen nur mit Notizzetteln. Herausgekommen sind glitzernde Panzerschweine, ein wandelnder Baum, haushoch und giftig. Blinde Drachen, riesige Könige und Chimären.

Die Welt, die sie bevölkern, gehört trotz Unschärfen und gelegentlichen Rucklern zu den schönsten, die das Medium Videospiel zu bieten hat. Sie ist anders aufgebaut als der gefeierte erste Teil. "Dark Souls" war ein Spiel der Vertikalen, Nummer drei ist eins der Horizontalen. Der virtuellen Y-Achse, an der sich die Spieler erst in schwindelnde Höhen schraubten und dann in die Tiefe stürzten, folgt nun eine unglaubliche Weite.

Von nahezu jedem Punkt der Spielwelt fällt der Blick auf das Schloss, um das herum sich Festungen, Wälder, Verliese und Sümpfe erstrecken. Irgendwann wird man dort hinmüssen. Ein Prinzessinnenklischee wartet dort jedoch sicher nicht - und auch keine Weltenrettung.

Trotz neuem Aufbau finden sich an jeder Ecke der Spielwelt Hinweise und Anspielungen auf den gefeierten ersten Teil. Inmitten von Untergang und Elend gibt es Momente der Erkenntnis, vielleicht sogar der Hoffnung. Es ist offensichtlich, dass Hidetaka Miyazaki seinen Fans zum Abschied von "Dark Souls" eine Postkarte voller Liebe aus der Apokalypse schickt.

"Ich glaube nicht, dass die Welt wirklich irgendwann mal untergeht", hat Miyazaki mir erzählt und gegrinst, wieder wie ein kleiner Junge. "Es wohnt der Apokalypse aber doch eine Traurigkeit und zugleich Schönheit inne. Vielleicht veranstalte ich darum auch dieses digitale Armageddon. Weil ich mich insgeheim danach sehne."

Einige Männer wollen einfach die Welt brennen sehen. Nirgendwo verkokelt sie so schön und rätselhaft wie bei Miyazaki.


"Dark Souls 3" von From Software. Für PC, PS4 und Xbox One. USK: Ab 16 Jahren



insgesamt 5 Beiträge
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orosee 13.04.2016
1. Bugged
Wer wie ich zu den vielen PC Spielern gehört, denen DS3 regelmäßig abstürzt (und ich meine: Computer ausschalten Absturz), sollte es mit der Grafikeinstellung "Lighting: LOW" versuchen, bis der nächste Patch kommt, der hoffentlich auch ernste Probleme mit der Framerate beheben wird - das Spiel fällt oft ohne Grund auf 15 und weniger FPS. DS3 und DS4 Controller funktionieren mit den üblichen Zusatzprogrammen und lassen sich im Menü sogar umkonfigurieren. Eine Stunde Google sollte man aber einrechnen, um alles zum laufen zu bringen - FromSoft wird seinem Ruf als schlechter PC Porter wieder voll gerecht. Leider werden Auflösungen außerhalb 4:3 und 16:9 nicht unterstützt (Letterboxing). Spaß macht es trotzdem und das Spiel ist ebenso entspannend, wie die Vorgänger.
Rayleigh 13.04.2016
2.
Habe mir gestern Dark Souls 3 gekauft und bin bisher begeistert. Schon im ersten "Level" nach dem Firelink Shrine macht der Kampf Spass, egal, wie hart es mitunter ist. Dark Souls ist meiner Erfahrung nach so gut, weil es einem eben nicht an die Hand nimmt. Man erkundet selbst und muss meist auf die Umgebung und den Gegner gleichzeitig achten, denn wirklich sicher ist man fast nie.
Leser161 13.04.2016
3. Hoff-Hoff
Hoffentlich ein würdiger Abschluss. Wahrscheinlich nicht so gut wie Demons Souls und Dark Souls. Aber hoffentlich nicht so in die Länge gewalzt wie Dark Souls II (Was nützen mir viele Areas, wenn sie so langweilig sind) oder itemtechnisch so langweilig wie Bloodborne (wenig Waffen, noch weniger sinnvolle Waffen, Rüstung unetrscheidet sich nur optisch)
bloub 13.04.2016
4.
ohje, früher wurden spiele gemacht, die wirklich schwer bis unlösbar waren. die ds reihe ist von solchen zuständen noch richtig weit entfernt.
Tim van Beek 13.04.2016
5. Schöne Graphik?
"Die Welt, die sie bevölkern, gehört trotz Unschärfen und gelegentlichen Rucklern zu den schönsten, die das Medium Videospiel zu bieten hat." Auch wenn verglichen mit Witcher 3? Andere haben da ganz andere Eindrücke, auch auf Youtube sieht die Graphik eigentlich nicht doll aus, sondern eher wie 2010 - nicht dass es Fans zu interessieren scheint...
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