Computerspielpreis mit Ina Müller Eine Branche erniedrigt sich selbst

"So ein richtiges Killerspiel mal? Oder ganz klassisch YouPorn?" Die Gala zum Computerspielpreis 2019 war voller totgeglaubter Klischees. So lassen Politik und Gamesbranche nicht mal die Gewinner gut aussehen.

Ina Müller beim Deutschen Computerspielpreis
FELIPE TRUEBA/EPA-EFE/REX

Ina Müller beim Deutschen Computerspielpreis

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"Der Preis ist dabei, sich in die Reihe der großen Kulturpreise in Deutschland einzuordnen", sagte Olaf Zimmermann, Geschäftsführer des Deutschen Kulturrats über den Deutschen Computerspielpreis 2019 - allerdings vor der Gala.

Zimmermann, der Juryvorsitzende des Preises, ist seit Langem Fürsprecher der Spielebranche und kennt sich mit Games aus. Doch mit seiner Einschätzung zu den Kulturpreisen, das zeigte der Dienstagabend, lag Zimmermann daneben, wie er auch selbst eingestand: Der Computerspielpreis 2019 war das Gegenteil eines großen Preises.

Von der Zweieinhalb-Stunden-Gala im Berliner Admiralspalast werden nicht die Gewinner in Erinnerung bleiben (über die wir hier gesondert berichten), sondern Selbstinszenierungsversuche von Politikern und eine Moderatorin, die im Minutentakt mit totgeglaubten Gamer-Klischees um sich warf. Manche Entwickler regt das Erlebte auch am Tag danach noch furchtbar auf. Die Gala habe dabei versagt, die Stars des Abends zu feiern, die Macher der Spiele, schreibt etwa Alexander Pieper vom Studio Fizbin.

Zu viele Fremdschäm-Momente

Tatsächlich machte der Computerspielpreis 2019 mitunter den Eindruck, eine Branche wolle sich nicht feiern, sondern selbst erniedrigen. Nachdem der Direktor eines Spielefestivals eine flammende Rede gehalten hatte, kommentierte die Moderatorin Ina Müller: "Daran merkt man, dass du kein Gamer bist. (...) Ein Gamer würde nie so durchlabern und wirklich sagen 'Ich habe euch was zu sagen'. Das ist der Unterschied." Wie soll man da - als Spieler, als Entwickler, als Zuschauer - die Auszeichnung ernst nehmen?

Und wie kann ein Preis glanzvoll oder auch nur seriös sein, wenn Verkehrsminister Andreas Scheuer von Müller mit diesen Sätzen konfrontiert wird: "Wenn man so Politiker ist, und es so nen bisschen schwer hat (...), holt man da nicht abends mal ne Flasche Wein raus und dann so nen kleinen Energydrink und dann, den Rechner aufgeklappt, so ein richtiges Killerspiel mal? Oder ganz klassisch YouPorn? (...) Im Wechsel ist ja auch am besten, oder nicht? Oder erst das eine, dann das andere."

Der Computerspielpreis hatte schon immer eine zu große Nähe zur Politik und zu viele Fremdschäm-Momente, um von Spielern ernst genommen zu werden. Dieses Jahr aber war er stellenweise schlicht niveaulos.

Es heißt ja oft - und nicht von ungefähr -, das Benehmen mancher Gamer sei "toxisch". Viel vorbildlicher ging es beim Computerspielpreis aber auch nicht zu, etwa als Komikerin und Laudatorin Enissa Amani das bunte Latex-Outfit von CSU-Politikerin Dorothee Bär mit "Nuttig ist in... Spaaaaaaß" kommentierte.

"Gamer sind die idealen Liebhaber"

Schon in den Vorjahren hatte der Preis mit Barbara Schöneberger eine Moderatorin, die altbackene Witze machte wie: "Gamer sind die idealen Liebhaber. Reden nicht viel, sind sehr ausdauernd und haben immer die Rollläden schon unten."

Doch es gab noch Luft nach unten, wie jetzt Ina Müller bewies, die - ein Versprecher - zum "Deutschen Computerpreis" begrüßte. Von Anfang an kokettierte sie mit ihrer Ahnungslosigkeit vom Thema. Warum sie dann überhaupt engagiert wurde? Müller selbst malte sich aus, was die Veranstalter gedacht haben könnte: "Weißte was, das ist ein Preis, den gibt es jetzt zum elften Mal - den kann selbst die Müller nicht mehr kaputtmoderieren." Da unterschätzte sie ihre Fähigkeiten.

Was Ina Müller den teils jungen Menschen auf der Bühne an den Kopf warf, sorgte zwar oft für Gelächter. Aber oft war das Lachen der anwesenden Spielentwickler wohl ein Versuch zu verarbeiten, dass jemand 2019 noch öffentlich solche Fragen stellt.

Hier sind sieben Bühnendialoge:

"Das Preisgeld beim Computerspielpreis gibt es nicht für die Spiele, sondern für die öffentliche Demütigung", fasste es Indie-Entwickler Shelly Alon auf Twitter treffend zusammen.

Ein nicht unumstrittener Preis

Das alles ist nicht gut für den Preis, der von der Bundesregierung und vom Branchenverband game ausgerichtet wird. Über ihn machen sich jedes Jahr Menschen lustig, etwa weil dort stets Politikerfotos mit Darth Vader entstehen, als wäre der eine Gaming- und nicht zuallererst eine Filmikone.

Dorothee Bär, Andreas Scheuer und "Star Wars"-Figuren
Gerald Matzka/ DPA

Dorothee Bär, Andreas Scheuer und "Star Wars"-Figuren

Andere regen sich ernsthafter auf, weil beim Computerspielpreis mitunter Games zum "Spiel des Jahres" werden, die mit Blockbustern aus anderen Ländern nicht mithalten können. Oder weil der Preis ein sehr seltsamer Weg ist, Fördermittel zu verteilen. Oder weil hier mit "State of Mind" auch mal ein Spiel "bestes Serious Game" wird, das kaum ein Spieler als solches sehen würde.

Klar ist: Wenn sich der Preis präsentiert wie dieses Jahr, ist er überflüssig. Allein schon, weil er dem Image der Branche und der Spielerschaft schadet und nicht einmal seine Gewinner gut aussehen lässt. Von einem großen Kulturpreis könnte er so kaum weiter entfernt sein.

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insgesamt 147 Beiträge
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Seite 1
thomas.kochem 10.04.2019
1. Distanz
Wesentlich erscheint mir die von mir wahrgenomme Distanzlosigkeit, mit der die Games-Szene gefeiert wird. Computerspiele dienen dem Umsatz und nicht der (Volks-) Bildung. Eine kritische Reflektion des Verhaltens von Entwickler, Politik und Medien - die bösen Medien wieder, findet sowieso nicht statt. Schlechte Nachrichten sind gute Nachrichten. Hier hilft nur noch eins: Völlige Ignoranz - dann sinkt der Umsatz und alles erledigt sich von selbst.
newline 10.04.2019
2. Warum sie (Müller) dann überhaupt engagiert wurde?
Vielleicht hatte Frau Schöneberger keine Zeit.
john_conner 10.04.2019
3. Die Politiker "zerstören" Kulturgut
Vor ca. 2 Jahren gab es in verschiedenern Medien die Erklärung dafür , warum sich namenhafte Entwickler , Computerspiel-Berichterstatter (Gamestar, usw) sich ausdrücklich von Dieser "Art der Nominierung" distanzieren und sich nicht dazu bereitstellen lassen wollen diese zu präsentieren. Prallte diese Kritik eigentlich total ab an den Zuständigen? Wieder einmal mehr zeigt es eher die absolute Arroganz von ....ja , von wem eigentlich ?
Hardisch 10.04.2019
4. Who needs Ina Müller?
Wenn man eine Person wie Ina Müller (mögliche Adjektive zu ihrem Namen erspare ich mir jetzt hier) moderieren lässt, muss man fest von einem unteririschen Niveau ausgehen. Wie mediengeil muss man sein, um sich von dieser Person öffentlich vorführen oder demütigen zu lassen. Leider fallen ja gerade Frauen in der Branche immer wieder durch ihre Übergriffigkeit und maßlose Schrillheit auf. Die finden das dann wohl total cool und emanzipiert. No way .
siebenachtneun 10.04.2019
5.
Zitat von newlineVielleicht hatte Frau Schöneberger keine Zeit.
Die ist gerade auf Tour.
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