Die Sims 3 Wie Heidelinde die Liebe fürs Leben fand

Das neue "Sims"-Spiel verspricht die absolute Freiheit. Jeder soll in dieser Lebenssimulation mit seinem virtuellen Alter Ego auf jede nur erdenkliche Art glücklich werden können. Stimmt das? Macht das Spaß? Das Magazin "GEE" schickt eine pummelige Antiheldin in den Selbstversuch.

GEE

Von Gernot Gricksch


Heidelinde ist keine Traumfrau auf den ersten Blick. Sie ist ziemlich dick, etwas überdreht, und ihr Kleidungsstil ist auch nicht jedermanns Sache: Heidelinde trägt einen langen, weiten Batikrock zu Zöpfchenfrisur und Riemchensandalen. Sie ist ein Hippie - und lesbisch ist sie obendrein. Im wirklichen Leben hätte es Heidelinde also nicht besonders leicht. Dass sie sehr intelligent ist, enorme soziale Kompetenz und Familiensinn besitzt und vor Humor nur so strotzt, würden viele Leute nicht herausfinden, da sie keine Anstalten unternähmen, solch eine Graswurzelmutti überhaupt kennen zu lernen.

Doch bei den Sims ist das anders. Die Sims-Welt ist voll von virtuellen Wesen, die nichts lieber sind als sozial. Hier plaudert jeder mit jedem und ist prinzipiell offen für alle. Und anders als in vielen Simulationen oder Aufbauspielen muss man hier keinen festen Wegen folgen. Jeder Sim soll leben können, wie er will - und dabei nach seiner Fasson glücklich werden. Der Handlungsspielraum sei grenzenlos, versprechen die Entwickler.

Aber gilt das auch für Heidelinde? Ich mache den Praxistest und setze mir Ziele: Ich will meine pummelige Antiheldin die große gleichgeschlechtliche Liebe finden lassen. Mit ihrer Lebensgefährtin soll Heidelinde dann ein Kind großziehen (wo auch immer das herkommen mag), sie soll sechs grundverschiedene berufliche Karrieren starten, ohne jemals ernsthafte finanzielle Not zu leiden. Und sie soll in einem großen sozialen Netzwerk leben, ohne sich dafür anbiedern zu müssen. Ich werde mir nämlich erlauben, Heidelinde immer mal wieder schlechte Laune haben und andere Sims das auch spüren zu lassen. So bin ich nun mal. Wollen wir doch mal sehen, wie "Die Sims 3" mit meinem Lebensplan klarkommt.

Zuerst geht es in den Create-a-Sim-Bereich, Heidelindes Kreißsaal. Hier erschaffe ich mir mein virtuelles Alter Ego. Die Optionen sind dabei reichhaltiger als beim Vorgänger. Die Garderobe ist prall gefüllt mit Freizeit-, Abend- und Sportkleidung. Ich kann jedes noch so kleine Detail meiner Spielfigur modifizieren. Das klappt schon mal super. Heidelinde sieht bei ihrer "Geburt" genau so aus, wie ich sie haben will. 1:0 für "Die Sims 3": Ich brauchte bei der Schöpfung keine Kompromisse einzugehen.

Stichwortschablonen formen den Charakter

Bei der Charaktergestaltung muss ich dagegen in Kategorien denken. Hier gebe ich mit Stichwortschablonen das Verhalten vor, das Heidelinde an den Tag legen wird, wenn ich sie nicht kontrolliere. Ich habe sie im Optionsmenü als "sehr selbstständig" definiert, also wird sie völlig autonom handeln und zum Beispiel eigenständig die Toilette aufsuchen, sollte ich selbst einmal aufs Klo gehen, ohne die Pausentaste zu drücken.

Ich will eine intellektuelle Träumerin. Und eine, die mir nicht ständig aus dem Haus joggt und wieder mühsam eingesammelt werden muss, damit sie den Abwasch macht. Den Fehler habe ich bei "Sims 2" gemacht, das passiert mir nicht noch mal. Eine sanftmütige Stubenhockerin mit weltfremden Flausen im Kopf? Das könnte mit einer Kombination aus "geistesabwesend", "Bücherwurm", "Vegetarier", "hasst Sport" und "Familiensinn" klappen.

Charaktereigenschaften: "geisteskrank" und "niemals nackt"

Ich verzichte darauf, Heidelinde mit den Charaktereigenschaften "geisteskrank" und "niemals nackt" zu versehen. Obwohl es mich reizt: Würde Heidelinde dann im Wintermantel duschen und dabei den Seifenspender anpöbeln? Das probiere ich vielleicht beim nächsten Sim aus. Jetzt muss ich erst einmal eines von fünf angebotenen Lebenszielen wählen, die mir ob meiner Charakterwahl angeboten werden. Es stinkt mir ein wenig, dass ich mich so früh schon festlegen soll, schließlich wurde mir doch völlige Handlungsfreiheit versprochen. Ich entscheide mich zähneknirschend dafür, eine berühmte Autorin werden zu wollen. Mal sehen, ob ich meinen Lebenstraum im Laufe der Zeit ändern darf oder ohne ernsthafte Konsequenzen ignorieren kann.

Nachdem ich ein erstes kleines Häuschen bezogen und eingerichtet habe, muss ich noch mal im Charaktermenü nachschauen: Habe ich nicht doch versehentlich "geisteskrank" gewählt? Nein, habe ich nicht. Warum bricht mein Sim dann regelmäßig und ohne erkennbaren Anlass in manisches Gelächter aus? Warum latscht Heidelinde in Unterwäsche hysterisch giggelnd durchs Wohnzimmer? Sie benimmt sich wie eine Statistin aus "Einer flog über das Kuckucksnest". Nach einer Viertelstunde habe ich die Erklärung: Heidelinde hat eine Glückssträhne und deshalb exzessiv gute Laune. Und die entlädt sich in exakt vierminütigen Rhythmen in psychisch labil anmutenden Glucksern. Wird solch eine Schrullentussi die Frau fürs Leben finden? Ich habe Zweifel.

Wohliges Gefühl

Immerhin habe ich keine anderen Probleme: Wer "Sims 2" gespielt hat, wird sich auch im neuen Spiel schnell zurecht finden. Die Steuerung ist nahezu unverändert, die groben Abläufe sind gleich. Die auffälligste Neuerung: Heidelinde und ihre Nachbarn können jetzt eine ganze Stadt völlig frei begehen. Sie können allein oder mit Freunden Restaurants besuchen, im Fitnessstudio trainieren, Wellness machen, in der Bibliothek abhängen, im Park Schach spielen oder einfach durch die Straßen flanieren und jeden Sim vollquatschen, der ihnen entgegenkommt. Und das sind nicht wenige.

Es stellt sich sehr schnell ein, das bekannt-wohlige "Sims"-Gefühl. Denn diese Simulation ist zwar unbestreitbar ein hoch komplexes Konstrukt - die Kunst der Macher jedoch besteht darin, diese Komplexität läppisch aussehen zu lassen. Im Gegensatz zu vielen Rollenspielen, deren Regelwerk man erst nach einer Woche zu durchschauen beginnt, kann selbst der unerfahrenste PC-Spieler bei den "Sims" flott und ohne Handbuchstudium einsteigen.

Er identifiziert sich schnell mit seiner Spielfigur und freut sich aufrichtig über jeden kleinen Fortschritt in der kuschelig-freundlichen Vorstadtwelt. Heidelinde ist mein Kind geworden, dem ich den Lebensweg ebnen will. Ich betrachte mit Stolz und Zufriedenheit, wie sie langsam, aber sicher vorankommt. Binnen kürzester Zeit wird sie sich in der Computerstadt etabliert haben.



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