"Dishonored 2" im Test Die kleinen Geschichten zählen

Statt einen starren Handlungsstrang vorzugeben, überlässt das Videospiel "Dishonored 2" dem Akteur die Kontrolle über den Fortgang der Ereignisse. Manche Level sind so liebevoll gestaltet, dass sie eigenständige Spiele sein könnten.

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Rot fließt ein kleiner Bach aus Blut durch die Hafenanlagen von Karnaca, hinter ihnen wächst die Stadt die Hügel hinauf: Die stattlichen Häuser der Aristokratie auf der einen Seite, die Arbeitersiedlungen, durch die in unregelmäßigen Abständen Staubstürme fegen, auf der anderen. Folgt man dem Bach, findet man an seinem Ursprung zwei Dinge, die "Dishonored 2" prägen: einen wegen seines Öls geschlachteten Wal und eine Rune.

Industrie und Magie verbinden sich in der Welt von "Dishonored", auch in Karnaca, nach Dunwall die zweitgrößte Stadt des Kaiserreichs der Inseln. Eine Stadt, irgendwo zwischen französischem Süden und kolonialen Träumen angesiedelt - und heimlicher Star von "Dishonored 2".

Als "Dishonored" vor rund vier Jahren erschien, kam es fast aus dem Nichts. Entwickelt wurde es von dem damals noch weitgehend unbekannten Studio Arkane im französischen Lyon. Dort arbeitet auch Harvey Smith, ein Spieleentwickler, dessen Karriere bei dem legendären Looking-Glass-Studio begann.

Corvo Attano
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Corvo Attano

Wohl auch deshalb setzt es eine Spielelinie fort, die sich von Looking-Glass-Klassikern wie "System Shock" und "Thief" über "Deus Ex" zu "Bioshock" erstreckt. Titel also, die Spielern nur die Ziele, nicht aber den Weg dorthin vorschrieben und ihnen so die Möglichkeit gaben, einen eigenen Stil zu entwickeln.

Das in einem frühindustriellen Kaiserreich angesiedelte "Dishonored" machte genau das, der zweite Teil erweitert die Möglichkeiten noch.

"Dishonored 2" setzt 15 Jahre nach den Ereignissen des ersten Spiels an und spiegelt dessen Geschichte. Wieder wird einer Kaiserin ihr Reich entrissen, wieder muss Corvo Attano dieses Reich retten.

Die eigentliche Erzählung ist allerdings nur wenig mehr als ein Rahmen, der die Level zusammenhält. Sie überlässt die Bühne den kleinen Geschichten des Spiels. Den Figuren, die kleine Anliegen haben, den unzähligen Räumen, die allein durch ihre Möblierung und ihren Zustand etwas erzählen. Und nicht zuletzt der Geschichte, die sich Spieler selbst schaffen, indem sie ihre Erlebnisse und Entdeckungen in Karnaca verknüpfen.

So wird es auch viel interessanter, das Spiel erneut zu spielen, neue Details zu finden, Gegner neu zu beurteilen, möglicherweise anders zu behandeln. Man könnte Wochen damit verbringen, nur durch die Stadt zu laufen und sie mit einem mechanischen Herzen zu erkunden. Das nämlich ist Hinweisgeber zu Runen und Kommentar zu Personen und Orten zugleich. Es gibt selbst den vermeintlich schlimmsten Verbrechern eine Menschlichkeit und Spielern einen moralischen Kompass. Niemand ist nur gut oder nur böse in Karnaca. Das gilt auch für die Spieler und ihre Kräfte.

Schleichen, zaubern, morden: Alles ist möglich

Die sind den zwei dem Spieler zur Wahl stehenden Spielfiguren zugeordnet, schließlich kann man "Dishonored 2" als Corvo oder als junge Kaiserin Emily Kaldwell spielen. So werden zwei sehr unterschiedliche Spielerlebnisse angeboten, so kann man seinen eigenen Stil finden und diesen variieren. Schleichen, zaubern, morden: Alles ist möglich, alles lässt sich kombinieren, alles hat einen Einfluss auf den Zustand der Welt. Je blutiger man vorgeht, desto düsterer wird die Umgebung.

"Dishonored 2" ist ein Spiel, in dem man oft speichert und wieder lädt. Nicht unbedingt, weil man gestorben ist, sondern weil man etwas nicht so geschafft hat, wie man es sich vorgestellt hat. Weil man das Gefühl hat, dass der Spielzug noch eleganter werden kann. Corvo bekommt dabei die Kräfte, die Spieler des ersten Teils schon kennen. Zwischen Schleichgängen und dem Angriff per Rattenschwarm sind seine Kräfte sehr direkt, wenig subtil. Emily hingegen hat Zauber, die verspielter wirken und verknüpft werden können, was immer wieder interessante Ergebnisse hervorbringt.

Beim Domino-Effekt zum Beispiel muss man nur einen Gegner angreifen, um den Gegnern in der Umgebung die gleiche Behandlung zukommen zu lassen, der Doppelgänger kann als Voodoo-Puppe missbraucht werden und die Möglichkeit, sich schnell von einem Ort zum anderen transportieren zu lassen, gleicht hier dem Sprung einer Katze. Immer wieder möchte man die Kräfte gebrauchen - auch um wirklich jede Straße, jedes Haus und jeden Raum in Karnaca zu durchsuchen.

So wie die an London erinnernde Stadt Dunwall den ersten Teil dominiert hat - und auch hier einen Gastauftritt hat - ist Karnaca Blickfang, lebendige Welt und Spielplatz mit Tiefgang zugleich. Sie ist inspiriert von Lyon, der Heimatstadt von Chefdesigner Sébastien Mitton. Er nutzt die lange Geschichte und die Architektur Lyons, um mit Karnaca eine Stadt zu bauen, die nicht nur Kulisse ist, sondern eine Welt mit Schwere.

Glaube an die Freiheit der Spieler und des Geistes

Mitton lässt koloniale Strukturen einfließen, schafft verschiedene Bezirke, die bestimmte Funktionen haben. Er hat sie so gebaut, wie sie natürlich gewachsen wäre. Von den ersten Siedlern bis zu den Bewohnern zum Zeitpunkt des Spiels, einem parallelen 19. Jahrhundert. Alle Generationen haben ihre Spuren hinterlassen. Immer wieder findet man Überreste älterer Ansiedlungen, über die die Stadt gewachsen ist.

Eine geheimnisvolle alte Villa in Karnaca
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Eine geheimnisvolle alte Villa in Karnaca

Karnaca ist dabei nicht nur Selbstzweck, sondern auch spielerisch brillant. Wo die Wahl zwischen Schleichen und Action bei vielen Spielen die Wahl zwischen offenem Kampf und dem Kriechen durch Lüftungsschächte bedeutet, ist es hier ungleich abwechslungsreicher. Zudem hat "Dishonored 2" mit dem Haus eines verrückten Erfinders und der verfallenen Villa eines Minenbesitzers zwei brillante Level geschaffen, aus denen andere Entwickler ganze Spiele gemacht hätten.

"Dishonored 2" will nicht durch Action und bombastische Geschichte überzeugen. Es glaubt an die Freiheit der Spieler und des Geistes, stellt eine große Auswahl an perfekt funktionierenden Werkzeugen zur Verfügung. Es schafft eine einzigartige Welt - und ist damit eines der besten und schönsten Spiele der letzten Jahre.


"Dishonored 2" von Bethesda, für Playstation 4, Xbox One und PC, ab 50 Euro; USK: Ab 18 Jahren



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