"Dota 2" Diese Software sagt, welcher Spieler als nächstes stirbt

Was würden Sie tun, wenn Sie wüssten, dass Sie nur noch fünf Sekunden zu leben haben? Forscher bringen einer Software bei, Todeszeitpunkte vorherzusagen - allerdings die von Spielfiguren im Videospiel "Dota 2".
Eine Szene aus dem Computerspiel "Dota 2"

Eine Szene aus dem Computerspiel "Dota 2"

Foto: Valve

Online-Multiplayer-Spiele können ganz schön unübersichtlich werden. Überall gibt es kleine Scharmützel, Gebäude brechen zusammen, immer wieder fallen Kämpfer. Britische Forscher haben nun eine Software entwickelt, mit der sie entscheidende Gefechte im Moba-Titel "Dota 2" analysieren. Das Programm berechnet, welche Spielfigur in den nächsten fünf Sekunden wahrscheinlich sterben wird.

In ihrer Studie mit dem Titel "Zeit zu sterben: Todesvorhersage bei 'Dota 2' mit Hilfe von Deep Learning"  (PDF) haben Wissenschaftler der University of York untersucht, wie eine solche Vorhersage in dem Echtzeitstrategiespiel am besten funktionieren kann. Es heißt, dabei habe sich gezeigt, dass fünf Sekunden ein Zeitraum sind, in dem sich mit einer Wahrscheinlichkeit von etwa 54 Prozent vorhersagen lässt, welche der zunächst zehn Figuren als nächstes stirbt. Sie hätten auch mit 20-Sekunden-Zeitfenstern experimentiert, schreiben die Forscher, doch die Genauigkeit habe dabei stark nachgelassen.

Nun klingt eine Trefferquote von 54 Prozent erst einmal nach "minimal besser als ein Münzwurf". Doch erstens hat die Software alle Figuren gleichzeitig im Blick, und zweitens beträgt die Wahrscheinlichkeit für den Tod einer Figur keineswegs zu jedem Zeitpunkt 50 Prozent. Anders gesagt: Ein menschlicher Beobachter, der einfach raten würde - also quasi permanent "Ene mene muh"  mit allen Figuren spielen würde - käme nicht annähernd auf eine Quote von 54 Prozent.

Die Rohdaten kamen von Valve

Bei "Dota 2" treten zwei Teams mit je fünf menschlichen Spielern gegeneinander an, Partien dauern oft rund 45 Minuten. Die Spieler steuern sogenannte Helden, die sich durch ihre Spezialfähigkeiten unterscheiden. Das Echtzeitstrategiespiel ist komplex und fordert auch erfahrene E-Sportler heraus. Daher gibt es rund um "Dota 2" auch große Turniere mit Preisgeldern in Millionenhöhe.

Um die neuronalen Netze ihrer Computer für die Todesvorhersagen zu trainieren, haben die Forscher die Rechner mit rund 6000 Onlinepartien gefüttert, die Hälfte davon Profiduelle. Bedient haben sich die Wissenschaftler beim Spieleentwickler Valve, der die Spiele aufzeichnet und zum Download anbietet. Da es sich bei den Wiederholungen nicht um Videos, sondern um Binärdateien mit allen wichtigen Informationen zum Spielverlauf handelt, eigneten sich die Aufzeichnungen als Trainingsmaterial.

Schneller die entscheidenden Schlachten finden

Die Software der Forscher analysierte 287 Datensätze pro Spielfigur, darunter etwa die Erfahrungspunkte, die Anzahl der getöteten Gegner und die verstrichene Zeit. Den Fokus allein auf den Balken mit Lebensenergie zu legen, genügte laut den Wissenschaftlern nicht. Der Grund: Die Spielfiguren können sich heilen oder im letzten Moment wegteleportieren.

Das von den Wissenschaftlern entwickelte Verfahren soll Analysten und Kommentatoren von E-Sport-Veranstaltungen helfen, bei komplexen Onlinewettkämpfen den Überblick zu behalten. Mit dem Tool sollen sie schneller reagieren können, wenn ein wichtiges Duell auf dem Schlachtfeld ausgetragen wird. So könnten Bildregisseure bei einer Übertragung rasch an eine bestimmte Stelle springen, wenn sie schon vorher wissen, dass dort vermutlich gleich eine der Spielfiguren sterben wird.

Probleme sehen die Forscher jedoch darin, dass die Software wesentlich mehr Informationen nutzt als die Spieler selbst. So wüssten die Spieler im Gegensatz zur KI beispielsweise nicht, wie viel Schaden der Gegner schon einstecken musste - und trauen sich einen Angriff womöglich nicht zu, den die Software aber austragen würde. Das könne zu Ungenauigkeiten führen, heißt es, weshalb weitere Forschungsprojekte auf diesem Gebiet nötig seien.

Unter KI-Wissenschaftlern ist "Dota 2" ein beliebtes Spielfeld. Erst im April zeigten Forscher mit ihrem Projekt OpenAI Five, zu welcher Leistung künstliche neuronale Netze in der Lage sind. Erstmals ist es damals einer Software bei einem Live-Wettkampf gelungen, gegen menschliche Profis zu gewinnen, und zwar gegen die amtierenden "Dota 2"-Weltmeister . Die Software war dafür zehn Monate lang trainiert worden.