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Games-Messe: Fuchtel-Steuerung, Ethnokitsch und eine neue Konsole

Foto: Michal Czerwonka/ AFP

Electronic Entertainment Expo Fitness, Gummielefanten und eine neue Xbox

Ethnokitsch, viel Geballer und eine neue Spielkonsole: Schon vor ihrer offiziellen Eröffnung hat die Videospielmesse E3 einiges an Neuigkeiten und echten Nachrichten produziert. Eine eher untypische Berufsgruppe ist in diesem Jahr in Los Angeles besonders häufig vertreten: Fitnesstrainer.

Noch nie waren auf einer Videospielmesse so viele Fitnesstrainer vertreten wie auf der Electronic Entertainment Expo (E3) 2010, dem wiedererstarkten Branchentreff in Los Angeles. Die beiden Nachzügler in Sachen Bewegungssteuerung für Videospiele, Sony und Microsoft, haben für einen Miniatur-Boom gesorgt: Fast alle wollen nun ganz dringend dafür sorgen, dass im Wohnzimmer nicht mehr nur ferngesehen und, beim Spielen, mit den Daumen gewackelt wird. Der ganze Körper soll mitmachen, und weil das ja zwangsläufig schnell in Sport ausartet, bieten jetzt alle Sportspiele an, die von den neuen bewegungsempfindlichen Spielcontrollern Gebrauch machen. Und zwar, das versteht sich, unter professioneller Anleitung. Also treten in fast jeder Messe-Pressekonferenz Fitnessgurus auf, die erläutern, warum gerade dieser Wohnzimmertrainer wirklich gesund ist und glücklich macht.

Microsoft machte am schon am Sonntagabend den Anfang mit einer eigenen Veranstaltung zum nun von "Project Natal" in "Kinect" umgetauften eigenen Bewegungssensor. Die präsentierten Spiele überraschten das anwesende Publikum mehrheitlich nicht übermäßig:

  • Wie zu erwarten, gibt es ein Sportspiel mit dem ebenso erwartbaren Namen "Kinect Sports", das teilweise doch sehr an das Vorbild "Wii Sports" von Nintendo erinnert.
  • Außerdem ein Tanzspiel namens "Dance Central", ein Autorennspiel namens "Kinect Joyride", bei dem der Spieler ein imaginäres Lenkrad hin- und herdreht
  • das Geschicklichkeitsspiel "Kinect Adventures", in dem ein oder mehrere Spieler sich auf einem Boot oder einer Art Eisenbahnlore unaufhaltsam vorwärtsbewegen und mit Hüpfen, Ducken und Armwedeln Hindernissen ausweichen, Objekte einsammeln oder Sprünge des eigenen Vehikels initiieren müssen
  • Dazu ein ausgewiesener Fitnesstrainer von Ubisoft ("YourShape: Fitness Evolved")
  • Und eine Art Nintendogs für den Wohnzimmerfernseher: "Kinectimals" soll niedliche, genügsame und wartungsfreie Haustiere zur Verfügung stellen, die sich dann über den Bewegungssensor streicheln oder zum Seilhüpfen bringen lassen. Und zwar Haustiere, die auch sehr wohlwollende Eltern ihrem Nachwuchs niemals kaufen würden: Tiger-, Löwen- oder Panterbabys beispielsweise.
  • Ohne genauen Veröffentlichungstermin wurden darüber hinaus ein "Star Wars"-Spiel in Zusammenarbeit mit LucasArts und nicht näher spezifizierte Titel in Zusammenarbeit mit Disney angekündigt.

Mehr als die präsentierten Spiele überraschte das Fachpublikum die Art der Präsentation: Nicht nur, dass alle Anwesenden sich vor ihrem Eintritt in weiße Kunstfaserponchos hüllen mussten, nicht nur, dass die dreiviertelstündige Veranstaltung mit gut eineinhalb Stunden Verspätung begann (in deren Verlauf es unter den Ponchos durchaus warm wurde). Microsofts Eventplaner hatten auch entschieden, die eigentümlich religiös anmutende Produktpräsentation in Ethnokitsch zu verpacken, mit anmutigen Tänzerinnen und Tänzern vom "Circe de Soleil" im Wilden-Kostüm, inklusive Ananas auf dem Kopf, viel Plastikdschungel und ein paar mächtigen Plastik-Findlingen. Sogar ein erstaunlich lebensecht animierter Gummielefant in Lebensgröße hatte einen Kurzauftritt, ängstlich bis belustigt beäugt vom Poncho-umhüllten Fachpublikum, das auf dem Showfloor selbst mit Stehplätzen vorlieb nehmen musste.

Exklusiv-Deal zwischen Activision und Microsoft

Als gelte es, all die Enya-hafte Sanftheit schnell vergessen zu machen, ließ Microsoft es am Montag bei der eigentlichen Messe-Pressekonferenz dann richtig krachen. Es ging gleich mit Krieg los, mit Activisions "Call of Duty: Black Ops". Mit dem Publisher Activision verbindet Microsoft nun ein Exklusiv-Deal: Erweiterungen und "Map Packs" für Activision-Spiele sollen künftig immer zuerst für Microsofts Konsole auf den Markt kommen.

Anschließend wurde das neue "Halo" mit dem Beinamen "Reach" vorgeführt und der nächste Teil von "Gears of War", einer sehr erfolgreichen Alien-Shooter-Reihe, in der es so brutal zugeht, dass sie in Deutschland erst gar nicht auf den Markt kam. "Metal Gear Solid Rising" könnte das womöglich ebenso ergehen: Von Stardesigner Hideo Kojima persönlich eingeführt zeigte eine Kurzdemonstration, dass in dem Spiel unter anderem menschliche Opfer des Helden in die Luft geschleudert und dort dann mit einem Samuraischwert feinsäuberlich in mehrere Stücke zerteilt werden können. Damit dürften sich deutsche Jugendschützer eher schwer tun.

Vom deutschen Studio Crytek, bislang Electronic Arts verbunden, kündigte Microsoft zudem einen Exklusivtitel namens "Codename: Kingdom" an. Der kurze Trailer mit einem blutüberströmten Kämpfer in antiker Gladiatorengewandung weckte wiederum eher keine Erwartungen auf ein familienfreundliches Spiel.

Die neue Xbox 360

Dann aber kehrten auch in der Pressekonferenz sanftere Klänge ein, die Kinect-Titel, die am Vortag allesamt nur als Kurz-Demonstrationen zu sehen waren, wurden eingehender vorgestellt, Entwickler und Profis tanzten, hüpften und fuchtelten auf der Bühne des Wiltern Theatre, dass es eine Freude war.

Im ersten Kurztest kurz darauf spielten sich mehrere der Kinect-Titel dann durchaus ansprechend: Beim Bowlen lässt sich der Ball mit einem lockeren Handgelenk sogar mit Spin versehen, die Hüpf- und Ausweichspiele sind auch für unbeteiligte Zuschauer sehr unterhaltsam. Und Ubisofts Fitnesstitel könnte mit seiner sehr präzisen Erfassung der Körperhaltung durchaus einen qualitativen Sprung nach vorne bedeuten für alle, die im Wohnzimmer Tai Chi oder Kickboxen üben wollen. Vorausgesetzt, man besitzt stabiles Mobiliar. Außerdem wurden Videochat-Möglichkeiten und die Bedienung der Multimedia-Bibliothek in der Xbox 360 per Kinect vorgeführt - die Konsole soll so zur mit Handwedeln bedienbaren Kommunikations- und Unterhaltungszentrale im Wohnzimmer werden.

Ubisoft-Chef Yves Guillemot verriet im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE, dass sein Haus schon zwei Jahre vor Microsofts erster Ankündigung zu "Project Natal" begonnen habe, Konzepte für Spiele mit Raumsensoren zu entwerfen. Es sei nur eine Frage der Zeit gewesen, man habe nur darauf gewartet, welches Unternehmen die Technologie als erstes zur Marktreife bringen würde.

Die neue Xbox 360: Kleiner, leiser, mit eingebautem W-Lan

Die Pressekonferenz beendete Microsoft mit einem - von vielen erwarteten - Knall: Zum Preis der bisherigen Konsole wird es eine neue Xbox 360 geben, die schwarz, kleiner und vor allem leiser sein soll als das bisherige Modell. Für die neue Zielgruppe, die Microsoft mit Kinect ansprechen will, ist das wichtig: Der laut fönende Spielbolide Xbox 360 galt bislang eher nicht als familientaugliche Wohnzimmerkonsole. Außerdem ist nun ein W-Lan-Modul für drahtlosen Netzzugang fest eingebaut. An die Teilnehmer der Pressekonferenz wurden Testexemplare der neuen Konsole angeblich schon während der Veranstaltung verschickt, was für die stärksten Begeisterungsausbrüche des Vormittags sorgte. Nur, was Kinect eigentlich kosten soll, wenn es im Herbst auf den Markt kommt, verriet Microsoft wider Erwarten nicht.

Ubisoft stellte in seiner eigenen Pressekonferenz dann weitere Bewegungstitel vor: Ein weiteres Sportspiel, das auf Bewegungserfassung setzt, eine Art Nachfolger zum abstrakten Musikspiel-Klassiker "Rez" von dessen Schöpfer Tetsuya Mizuguchi und ein Tanzspiel, das dem Spieler die Choreographien Michael Jacksons beibringen soll. Und auch bei Electronic Arts, nach Activision derzeit der zweitgrößte Videospiel-Hersteller der Welt, wird künftig Sport getrieben. Für Wii, Playstation 3 Move und Xbox 360 Kinect soll es jeweils Fitnesstitel namens "Active 2" geben, mit zusätzlicher Hardware: Ein Pulssensor soll helfen, die richtige Trainingsbelastung zu ermitteln, andere Messgeräte offenbar die Muskelanspannung erfassen.

"Medal of Honor" zieht nach Afghanistan

Ansonsten aber ging es auch bei Electronic Arts vielfach eher ruppig als sportlich zu: Gezeigt wurde unter anderem Material zur Fortsetzung des Sci-Fi-Horrorspiels "Dead Space", außerdem "Battlefield: Bad Company 2", ein Allkampf-Spiel mit Online-Live-Übertragung einzelner Kämpfe namens "MMA" (für "Mixed Martial Arts"), ein absurd brutaler Comic-Shooter namens "Bulletstorm" (Motto: "Kill with Skill") und "Crysis 2". Letzteres wurde vom deutschen Crytek-Chef Cevat Yerli persönlich vorgeführt, samt einiger gerenderter Filmsequenzen in 3D.

Besonders gewagt: Der nächste Titel der Kriegs-Shooter-Serie "Medal of Honor" soll nicht, wie sonst immer, im Weltrkiegs-Europa spielen - sondern in Afghanistan. Das Spiel biete "den authentischsten modernen Krieg", den man heute bekommen könne. Passend zu alledem kündigte Electronic Arts eine neue Community-Plattform für Shooter-Freunde an, die "Gun Club" heißt. Angekündigt wurde das digitale Werbemittel mit einem launigen Countrysong namens "I like guns".

Richtig beginnt die E3 trotz all der Vorab-Ankündigungen erst am heutigen Dienstag. Am Morgen, nach kalifornischer Zeit, also am frühen Abend deutscher Zeit, folgen mit Nintendo und Sony die Pressekonferenzen der beiden verbleibenden Schwergewichte der Branche. Dann wird sich zeigen, wer in Sachen Bewegungsspiele das Fachpublikum eher überzeugen kann. Eins aber ist fast sicher: Auch bei Nintendo und Sony wird man Fitness-Fachkräfte auf der Bühne antreffen.

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