Tischtennis-Simulation "Eleven" Ist das noch Videospielen - oder schon Sport?

Fremde Welten erkunden, Aliens bekämpfen? Nee, danke. Einige Menschen kaufen sich VR-Brillen für etwas anderes: Sie wollen damit Tischtennis spielen. Und das geht erstaunlich gut.
Maurice Raynor, 81, unter einer Oculus Quest und mit "Tischtennisschläger" in der Hand: Seine Controller-Halterung kommt aus einem 3D-Drucker

Maurice Raynor, 81, unter einer Oculus Quest und mit "Tischtennisschläger" in der Hand: Seine Controller-Halterung kommt aus einem 3D-Drucker

Foto: Maurice Raynor

"Geh mal duschen, du riechst": Diesen Satz darf ich mir zu Hause seit einiger Zeit regelmäßig anhören, wenn ich mein Virtual-Reality-Headset absetze. So gut oder schlecht meine Leistung auch war, mein T-Shirt ist immer durchgeschwitzt. Auf Trab hält mich "Eleven Table Tennis VR", eine Tischtennis-Simulation, die ich mit der kabellosen Oculus Quest im Wohnzimmer spiele.

Eine Tischtennis-Simulation, genau. Angesichts der Möglichkeiten, die VR bietet - von Weltraumabenteuern über Zombie-Metzeleien bis hin zu Online-Musikfestivals - klingt das denkbar dröge.

Doch das grafisch unspektakuläre Spiel hat seinen Reiz: Es ist ein erstaunlich faszinierender sowie Corona-gesundheitlich unbedenklicher Weg, sich daheim auszupowern - im Kräftemessen mit Spielern aus aller Welt, an einer virtuellen Platte in Originalgröße.

Mich hat "Eleven" nach über einem Jahrzehnt zum Tischtennis zurückgebracht, einem Sport, den ich vor allem vom Rundlauf in der Schulpause kannte (wer hier keinen Schläger hatte, durfte auch mit der Hand oder mit einem Buchrücken mitspielen).

Ein Spiel für Jung und Alt - wirklich

"Eleven", dessen erste Version bereits 2016 erschien, simuliert nun ausschließlich Eins-gegen-eins-Partien. Gespielt wird bis 11 Punkte, in der Regel mit zwei Gewinnsätzen. (siehe Fotostrecke).

Fotostrecke

Das ist "Eleven Table Tennis VR"

Foto: For Fun Labs

In der Coronakrise sei das Interesse am Spiel gestiegen, sagen die Entwickler - und tatsächlich gibt es sogar Spielerinnen und Spieler, die nur fürs Digital-Tischtennis Hunderte Euro für ein VR-Headset ausgegeben haben.

Einer davon ist der Londoner Maurice Raynor. Der 81-Jährige erzählt mir am Telefon, er sei früher Marathon gelaufen. Irgendwann aber klappte das mit dem Laufen nicht mehr - vor gut fünf Jahren fing Raynor daher mit Tischtennis an, vier- bis fünfmal die Woche traf man sich in der Gruppe. Im Frühjahr dann legte die Coronakrise auch Großbritannien lahm, samt Lockdown. Das Gruppenspiel fiel aus, Raynor suchte Alternativen - und stieß auf die Oculus Quest.

Für Videospiele interessiert sich Raynor eigentlich nicht, in "Eleven" trainiert er jetzt trotzdem gegen Computergegner. Er sieht das als sportliche Aktivität, weniger als Gaming. Eine bis anderthalb Stunden pro Tag spielt Raynor, mit einer Pause mittendrin.

Am Tischtennis dranbleiben

"Eleven" sei ein "wirklich guter Weg, am Tischtennis dranzubleiben", sagt er: "Du kannst quasi alle üblichen Schläge einsetzen, du kannst Bälle anschneiden." Auch für ältere Spieler sei "Eleven" "fantastisch", wenn sie bereit seien, sich auf eine gewisse Lernkurve einzulassen.

Auch Raynors Realwelt-Tischtennis-Trainer, Zoltán Kószó, sieht "Eleven" als sinnvollen Zeitvertreib - vor allem, weil man beim Spielen nicht auf der Couch sitzt, sondern sich wirklich im Raum bewegen muss, beispielsweise, wenn ein Ball kurz kommt.

"Fußarbeit, Reaktionszeit, Fokus", all diese auch offline wichtigen Dinge würden trainiert, sagt Kószó, der als Jugendlicher semiprofessionell in Jugoslawien und Ungarn spielte. Unterschiede zur Realität sieht der 40-Jährige am ehesten beim Thema Spin, bei den Möglichkeiten, Bälle anzuschneiden.

Pro Tag 3500 Spieler

Noch ist "Eleven"ein Nischenphänomen. Laut seinen Machern, einem Dreierteam des New Yorker Studios For Fun Labs, hat sich das Spiel über die Jahre zwar plattformübergreifend 120.000 Mal verkauft. Tag für Tag spielen aber nur rund 3500 Menschen online, die meisten in den USA.

Von Deutschland aus ist es vor allem vormittags schwer, Gegner mit einer guten Verbindung zu finden. Doch gerade ein niedriger Ping ist für Onlineduelle wichtig. Neben der Schlag- spielt so auch die Netztechnik eine Rolle. Erst recht, wenn man wie ich versucht, sich im Wertungsmodus die spielinterne Weltrangliste hochzukämpfen - damit man dann allen, die es nicht juckt, erzählen kann, dass man kurzzeitig auf Platz 559 stand.

Szene aus "Eleven": Sich einmal die Weltrangliste hochkämpfen

Szene aus "Eleven": Sich einmal die Weltrangliste hochkämpfen

Foto: For Fun Labs

Ansonsten ist es vor allem wichtig, genug Platz zu haben, sonst besteht die Gefahr, dass man beim Ausholen eine Schranktür trifft oder Sachen vom Tisch fegt. In "Eleven" wird üblicherweise mit dem Controller in der schwachen Hand der Ball virtuell in die Luft geworfen, mit dem Controller in der starken Hand der Schläger kontrolliert.

Wer kann, der kann

Von den Bewegungsabläufen her spielt es sich wie echtes Tischtennis, "Eleven" hat deutlich mehr mit seinem realen Vorbild zu tun als etwa der Klassiker "Wii Sports: Tennis" oder andere VR-Sportspiele, wie die körperlich ebenfalls anstrengende Boxsimulation "The Thrill of the Fight". Wer gut Tischtennis spielt, kann seine Leistung schnell auch ins Spiel übertragen. Und wer - wie ich - lange nicht mehr an einer Platte stand, braucht auch hier Einarbeitungszeit und Technik-Training.

Wer "Eleven" online spielt, muss auch gewillt sein, Menschen zu begegnen. Selbst wenn man den optionalen Sprachchat ausschaltet, stellt sich dank VR das Gefühl ein, wirklich mit jemandem an einer Tischtennisplatte zu stehen. Zwar sind alle Spieler nur bunte Avatare. Doch oft lässt sich schon an den ersten Bewegungen des Gegenübers ablesen, ob er gerade entspannt, nervös oder gar aggressiv ist.

Gute Schläge werden durch Controller-Gesten zwar häufig beklatscht und für Netzroller wird sich entschuldigt. Ich traf aber auch schon auf einen Spieler, der mich per Kopf-ab-Geste zum Duell begrüßte.

Die Partien selbst sind insgesamt schneller als offline, da es kaum Spielpausen gibt: Nach einem erfolgreichen Schmetterball kann man per Controller-Taste den nächsten Ball herbeidrücken und sofort weitermachen.

Neue Spielpartner gesucht

Als Herausforderung erlebt das Les Leckie. "Weil die Gegner nicht sehen, wie alt ihr Rivale ist, wird wenig auf ihre Erholungszeit geachtet", sagt der 75-Jährige aus Cheadle bei Manchester, der seit rund 50 Jahren Tischtennis spielt und auch in der "Eleven"-Weltrangliste mitmischt. Mit einigen Konkurrenten habe er sich übers Alter ausgetaucht, erzählt Leckie, "sie wirkten dann meist echt überrascht über meine Fähigkeiten."

"Eleven"-Spieler Les Leckie: Er tritt auch online gegen andere Spieler an

"Eleven"-Spieler Les Leckie: Er tritt auch online gegen andere Spieler an

Foto: Les Leckie

Über viele Jahre hinweg habe er offline einmal pro Woche gegen einen seiner Schwiegersöhne gespielt, sagt der frühere Feuerwehrmann. "Dann brach der sich vor einigen Monaten das Handgelenk." Die Duelle endeten so erst einmal, schon vor Corona. Die Oculus Quest jedoch war Leckie ein Begriff - sie begegnete ihm als ein Weihnachtsgeschenk, das seine Enkelinnen bekamen. Leckie zog nach, auf seinem Gerät spielte er erst das simplere "Racket Fury: Table Tennis", dann landete er bei "Eleven".

Durch das Spielen habe er seit Januar acht Kilo abgenommen, sagt Leckie, jeden Tag spiele er zwischen 30 und 45 Minuten.

Ich selbst spiele etwas sporadischer, messe dem Spiel aber schon eine Bedeutung zu. Sonst hätte ich mir übers Internet keine Spezialhalterung für meinen rechten Controller aus einem 3D-Drucker  besorgt. Sie macht mich nicht zwangsläufig besser, das Spielerlebnis wirkt damit aber noch runder. Ähnlich sieht das Maurice Raynor, der eine ähnliche Halterung nutzt: "Sie gibt dir das Gefühl, dass du keinen Controller, sondern einen Tischtennisschläger in der Hand hast", sagt der Londoner.

Sein Coach Zoltán Kószó besitzt bislang keine eigene VR-Brille, schaut aber nach Angeboten. Er könne sich vorstellen, irgendwann einmal auch virtuell Trainingsstunden zu geben, sagt Kószó. So könne er nicht mehr nur Spieler aus London, sondern aus aller Welt besser machen. Ich habe mir seine Nummer mal eingespeichert, für alle Fälle.

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