Computerspiel "Elite" wiederentdeckt Zurück im Pixel-Weltraum der Achtziger

Vor 35 Jahren erschien das Weltraumepos "Elite", Urmutter der offenen Spielwelten. Wie spielt sich der Klassiker heute?

Medienagentur plassma

Mit revolutionärer Technik und bis dato nicht gekannter spielerischer Freiheit markierte "Elite" 1984 einen Meilenstein in der Spielegeschichte - wohlgemerkt in Großbritannien und zuerst nur auf dem 8-Bit-Computer BBC Micro.

Zum Veröffentlichungszeitpunkt der Weltraumsimulation war ich zu jung, um davon Notiz zu nehmen. Erst als ich vier Jahre später in einer älteren Ausgabe der Computerzeitschrift "Happy Computer" blätterte, erfuhr ich von der C64-Version des von Ian Bell und David Braben entwickelten Meisterwerks.

Acht Galaxien, 2040 Planeten und die freie Wahl, als Händler, Pirat oder Kopfgeldjäger durchs All zu reisen, weckten meine Neugier. Allerdings sprach mich das im Heft abgedruckte Bildschirmfoto kaum an: Pechschwarzer Weltraum, durchzogen von grellen Punkten und kantigen Linien - was sollte daran so toll sein?

Doch der Autor des Artikels bezeichnete "Elite" als "echtes Kultspiel", schwärmte von einem "komplexen Programm mit fantastisch schneller 3D-Vektorgrafik, interessantem Ablauf und hoher Motivation". Mir war klar: "Elite" musste man gespielt haben, um mitreden zu können.

Wenig später ratterte die Spieldiskette im Laufwerk meines C64. Als Kind fehlte mir allerdings die Geduld, ein ganzes Universum zu bereisen. Ich startete "Elite" immer mal wieder für eine halbe Stunde, nur um es dann zugunsten bunter Hüpfspiele wie "The Great Giana Sisters" beiseite zu legen. Ob ich heute mehr Ausdauer habe?

Rückkehr ins Leesti-System

Leider versagte der C64 eines Kollegen, den ich mir dafür ausgeliehen hatte, seinen Dienst. Deshalb greift Plan B: Ich spiele den Klassiker auf meinem alten Amiga.

Ein konkretes Ziel gibt es in "Elite" nicht. Ich bin Commander Jameson, besitze ein Raumschiff namens Cobra Mk III und starte auf der Orbitalstation des Lave-Systems. Mein Startkapital in Höhe von 100 Credits darf ich beliebig in Waren wie Textilien oder Luxusgüter investieren.

Auf Tastendruck hebe ich ab und blicke auf die kargen Konturen eines Planeten. Inspiziere ich die Station von außen, sehe ich andere Schiffe, die ebenfalls ablegen oder andocken. Ich rufe die Sternenkarte auf, wähle das Leesti-System als Flugziel und düse per Hyperraumsprung los. Vor Ort steuere ich erneut eine Station an, um meine Fracht zu verkaufen und Treibstoff zu tanken. Allerdings erfordert "Elite" spätestens jetzt Geduld - und ein wenig Glück.

Dank Zeitsprung kann ich einen Großteil der Strecke überspringen, bis ich dem Planeten - und der ihn umrundenden Zaumstation - nahe komme. Den Rest des Weges muss ich in Echtzeit erdulden, was bestenfalls knapp fünf Minuten dauert. Weil mir ein Schiff entgegenkommt, warte ich sogar noch länger. Zum Glück ist es kein Pirat; ein kräftezehrender Kampf bleibt mir erspart.

Als ich endlich die Station erreiche, steht das nächste Problem an: das Andocken. Dazu muss ich mein Raumschiff durch eine schmale Öffnung in der Raumstation steuern, die kontinuierlich um ihre eigene Achse rotiert. Zwar gibt es in "Elite" einen Landecomputer, dieser kostet allerdings 1500 Credits, die ich noch nicht habe. Also muss ich so durch - und bin überrascht, dass mir die Landung gleich beim ersten Versuch gelingt. Früher kam mir das Manöver deutlich schwerer vor.

Kubrick lässt grüßen

In der Station verkaufe ich meine Waren und decke mich mit Computern ein, die ich im benachbarten Diso-System gewinnbringend verhökere. Die vielen Credits benötige ich im Spielverlauf für bessere Waffen, mehr Laderaum und nicht zuletzt für Schiffserweiterungen wie den galaktischen Hyperraum-Antrieb, der den Besuch aller "Elite"-Galaxien ermöglicht. Und natürlich für den Dockingcomputer, den ich mir bald leisten kann.

Während ich ihn zum ersten Mal benutze, ertönt der Donauwalzer von Johann Strauß. Ich bekomme Gänsehaut; es fühlt sich fast an wie damals. Dass Bell und Braben "2001: Odyssee im Weltraum" liebten und vieles in "Elite" eine Hommage an Stanley Kubricks Filmklassiker ist, war mir als Kind nicht bewusst. Die Landesequenz in "Elite" ist klar von der in Kubricks Film inspiriert.

Irgendwann greifen mich Piraten an. Ich räume die Angreifer mit gezielten Joystickmanövern aus dem Weg. Die Spielgeschwindigkeit reduziert sich während des Kampfes auf gefühlt ein Bild pro Sekunde. Aber damit komme ich klar. Mein Weg zum Reichtum gerät erst in Gefahr, als ich versehentlich einen Handelsfrachter abschieße und von der Polizei verfolgt werde. Egal, wie viele Spacecops ich abschieße, es tauchen ständig neue auf. Letztlich wähle ich die Flucht per Hyperraumsprung. Mein Sprit reicht gerade noch, um mich in ein anderes System zu retten. Puh, Glück gehabt.

Damals zu kompliziert, heute zu simpel

Als Kind war ich von "Elite" oft überfordert: Einerseits faszinierte mich diese schwarze Leere, dieses riesige All voller Möglichkeiten. Andererseits kam ich mit der Steuerung nicht klar. "Elite" braucht aufgrund seiner Komplexität mehr als einen Joystick, es erfordert das Lernen zahlreicher Tastaturkommandos.

Heute fällt mir das Spielen deutlich leichter, wobei ich von meinen Erfahrungen mit der aktuellen Version "Elite: Dangerous" profitiere. Gegenüber dem 2014 veröffentlichten Onlinespiel ist die Urfassung simpel, weil sich der Spielablauf schnell wiederholt. Klar, ich könnte noch Gesteinsbrocken per Asteroidenlaser plündern oder die beiden Geheimmissionen absolvieren. Oder ich schieße mehr als 6400 (!) Raumschiffe ab, um den namensgebenden Fliegerrang "Elite" zu erreichen. Aber irgendwie sieht und fühlt sich alles gleich an. Ich starre eben auf einen schwarzen Bildschirm mit weißen Punkten und Linien.

Ein Jahrhundertspiel

Trotzdem beeindruckt es mich, wie Bell und Braben auf den Heimcomputern der damaligen Zeit ein ganzes Universum erschaffen haben. So opulent heutige Games auch sind, strahlen die wenigsten eine Faszination wie "Elite" aus. Auch wenn das Weltraumepos nicht zu meinen Lieblingsklassikern zählt, gibt es kaum einen anderen Titel, vor dem ich mehr Respekt habe.

"Elite" war ein Wendepunkt, der mit Konventionen brach und die Konkurrenz technisch deklassierte. Es hat bis heute seine Spuren im Medium Computerspiel hinterlassen und zahlreiche Spielemacher inspiriert - zu offenen Welten wie in "Grand Theft Auto", zu freien Spielkonzepten à la "Die Sims" oder zu Entdeckerparadiesen wie "Minecraft".



insgesamt 24 Beiträge
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Seite 1
TS_Alien 22.06.2019
1.
Auf dem C64 hat man als Programmierer nur rund 50 kB an Speicher zur Verfügung gehabt. Dennoch hat es großartige Spiele auf dem C64 gegeben, auch ohne Nachladen. Das Spiel Elite ist davon eines der besten gewesen. Heutzutage gibt es Spiele, die etliche GB an Speicher benötigen. Selbst das Betriebssystem ist aufgebläht und weit weg von dem, was man z.B. vor rund 20 Jahren als schlankes und schnelles Unix schätzen gelernt hat. Da ist einiges in die falsche Richtung gelaufen.
Thomas Ganter 22.06.2019
2. Mein C64 geht noch …
… und ich hätte ihn schon für einen Screenshot zur Verfügung gestellt … so wie bestimmt ganz viele andere wenn man hier mal gefragt hätte.
Fragende_Leere 22.06.2019
3. Wunderschön auch
Wie bewusst stilsicher die Fotos nicht nur die 35 Jahre alte Ausrüstung sondern auch die umgebenden Räumlichkeiten zeigen.
Nonvaio01 22.06.2019
4. ich denke eher
Zitat von TS_AlienAuf dem C64 hat man als Programmierer nur rund 50 kB an Speicher zur Verfügung gehabt. Dennoch hat es großartige Spiele auf dem C64 gegeben, auch ohne Nachladen. Das Spiel Elite ist davon eines der besten gewesen. Heutzutage gibt es Spiele, die etliche GB an Speicher benötigen. Selbst das Betriebssystem ist aufgebläht und weit weg von dem, was man z.B. vor rund 20 Jahren als schlankes und schnelles Unix schätzen gelernt hat. Da ist einiges in die falsche Richtung gelaufen.
das es an der grafik liegt die heutzutage den meisten platz einnimmt.
spon-facebook-10000154386 22.06.2019
5.
Unglaublich gute Programmierung damals, im Gegensatz zu heute beherrschten wir noch die Assemblerprogrammierung, so hwurde ein solches Programm mit nur 45kb Speichergröße möglich.
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