Epic Games gegen Apple 1000 Davids gegen Goliath

Der Angriff des Spieleentwicklers Epic Games gegen Apples App-Store-Geschäftsmodell könnte scheitern. Aber die Luft für den Konzern wird dünner: Die Debatte über seine Macht nimmt gerade erst Fahrt auf.
Von Ines Zöttl, Washington
Tim Cook nach seiner Aussage in Oakland: Apple gibt sich siegessicher

Tim Cook nach seiner Aussage in Oakland: Apple gibt sich siegessicher

Foto: BRITTANY HOSEA-SMALL / REUTERS

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Den letzten Prozesstag im Fall Epic Games gegen Apple inszenierte Yvonne Gonzalez Rogers als eine Art Gladiatorenkampf. Statt der üblichen länglichen Schlussplädoyers ließ die Richterin die gegnerischen Anwälte im Gerichtssaal in Oakland direkt aufeinander los. Knapp vier Stunden lang rangen beide Seiten um die Oberhand: Ist Apple ein Monopolist, der sich an erfolgreichen Apps wie »Fortnite« parasitär bereichert? Oder ist umgekehrt Epic Games ein Trittbrettfahrer des iPhone-Erfolgs, der sich vor einem fairen Obolus drücken will?

Apple hat in dem Verfahren viel zu verlieren. Das Unternehmen kassiert von namhaften App-Entwicklern wie Epic Games auf verkaufte Digitalinhalte in der Regel eine Provision von 30 Prozent. Die Spielefirma versuchte, diese Abgabe bei »Fortnite« zu umgehen, woraufhin Apple das beliebte Onlinespiel aus seinem App Store warf.

Hat die Klage von Epic Games Erfolg, wäre das ein herber Schlag für das Geschäftsmodell des iPhone-Herstellers. Die Anwälte von Epic Games schätzen, dass Apples Einnahmen aus den App-Store-Provisionen allein 2017 bei insgesamt mindestens 20 Milliarden Dollar lagen, während das Unternehmen selbst keine Zahlen nennt.

Auch in Washington ist Apple Thema

Doch auch wenn Tim Cook den Angriff abwehren kann, könnte das ein Pyrrhussieg sein: Der Widerstand gegen die Marktmacht des wertvollsten Unternehmens der Welt wächst, und in Washington wird der Ausgang des Verfahrens genau verfolgt. Der US-Kongress hat schon mehrere Anhörungen zu den App-Praktiken von Apple und Google, das mit Google Play ebenfalls einen App-Marktplatz betreibt, durchgeführt.

Auch das Justizministerium prüft das Zahlungsmodell im Rahmen einer Kartelluntersuchung gegen Apple. Die Senatorin und frühere demokratische Präsidentschaftsbewerberin Amy Klobuchar hat einen Gesetzentwurf eingebracht, der ein Vorgehen gegen übermächtige Konzerne erleichtern soll.

Mit einem Marktanteil bei Smartphones von zuletzt über 50 Prozent liegt Apple in den USA unangefochten auf dem ersten Platz. iPhone-Nutzer aber können Apps ausschließlich über Apples App Store herunterladen, und jeder in Apps getätigte Kauf wird zwangsläufig – und für den Entwickler provisionspflichtig – über Apples Zahlungssystem abgewickelt. Das sei so, als würde ein Autohändler nach dem Verkauf eine Kommission für jede Tankfüllung verlangen, argumentieren die Epic-Games-Anwälte.

Verdient Apple unverhältnismäßig viel mit?

Tim Sweeney, der Chef von Epic Games, kann sich bei seinem Feldzug gegen die Herrscher aus Cupertino der Sympathie vieler anderer Softwareentwickler sicher sein. Apple verdiene an den von anderen Unternehmen aufwendig entwickelten Apps mehr als diese selbst, behauptete Sweeney.

Apple rechtfertigt seine Gebühr vor allem mit den Sicherheitsstandards des App Stores. Außerdem verweist das Unternehmen darauf, dass auch andere Firmen wie Sony und Microsoft von Spielentwicklern Provisionen in Höhe von 30 Prozent verlangen.

Daran, dass Apple an In-App-Verkäufen übers iPhone verdient, ohne lästigem Wettbewerb ausgesetzt zu sein, hatte aber auch Yvonne Gonzalez Rogers Unbehagen erkennen lassen. Doch nachdem sich vergangene Woche Apple-Chef Tim Cook einige unangenehme Fragen dazu gefallen lassen musste, ließ die Richterin diesmal Zweifel an der Position von Epic Games erkennen. Es sei doch die Entscheidung der Verbraucher, sich in Apples »Ökosystem« zu begeben, sagte sie. Und wann sei in der Vergangenheit ein Unternehmen wegen eines Kartellverstoßes zur Änderung seines Geschäftsmodells gezwungen worden?

Entscheiden wird Yvonne Gonzalez Rogers nun allein, eine Jury gibt es in dem Verfahren nicht. Ihre ursprüngliche Ankündigung, das Urteil bis zum 13. August – dem Jahrestag der von Epic Games angezettelten Schlacht – zu sprechen, bezeichnet sie am Montag als einen Scherz. Sie müsse nun erst einmal Tausende Dokumente durcharbeiten. Vorläufig zollte sie beiden Seiten Anerkennung: Die Kontrahenten hätten ein »umwerfendes Beispiel« der anwaltlichen Kunst geliefert.

Es geht nicht nur um Apple

Viele Wettbewerbsexperten sind skeptisch, ob die Klage am Ende Erfolg haben wird, denn die Kartell-Rechtsprechung ist eher restriktiv. Rebecca Haw Allensworth, Expertin an der Vanderbilt Law School, hält den Ausgang des Verfahrens aber nicht für entscheidend. Unabhängig davon, ob Epic Games gewinnt oder nicht, werde die Klage Aufmerksamkeit lenken »auf das gravierende Problem der Marktmacht, die die Techplattformen durch ihre Rolle als Gatekeeper haben«, sagte sie bei Bloomberg voraus.

Die Kritik an der übergroßen Macht der Torwächter zielt nicht nur auf Apple, sondern auch auf die anderen Techriesen wie Alphabet, Amazon und Facebook. Sie alle sind zu Herrschern von digitalen Marktplätzen geworden, an denen kaum jemand vorbeikommt. Zu Herrschern, deren Machtfülle zunehmend kritisch beäugt wird.

Die Rechtslage habe sich in der Vergangenheit stets langsam, aber stetig verändert, so Allensworth. »Wenn ich ein großes Techunternehmen wäre, wäre ich sehr besorgt, dass das wieder passiert.«

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