Erotik in Games Wo bleibt das "Fifty Shades of Grey" der Spielebranche?

Liebes- und Erotikromane verkaufen sich millionenfach, romantische Komödien sind extrem beliebt. Nur in Videospielen bleibt Sex oft hölzern oder bedient Porno-Klischees. Woran liegt das?
Liebesszene in "Heavy Rain": Erotik als Tastendruck-Spiel

Liebesszene in "Heavy Rain": Erotik als Tastendruck-Spiel

Foto: Quantic Dream

Es beginnt vielversprechend - mit einem Kuss. Ein Herantasten, ein Wollen-wir-sollen-wir-wirklich. Gerenderte Hände auf gerenderter Haut, die wirklich zu greifen und zu liebkosen scheinen. Die Sexszene im Spieleklassiker "Heavy Rain" wirkt deutlich ansprechender als das, was das Entwicklerteam von Quantic Dream fünf Jahre zuvor auf den Bildschirm gebracht hatte, im Action-Adventure "Fahrenheit". Damals rieben sich noch Pixel-Bauklotz-Leiber unbeholfen aneinander - so hölzern, dass jegliche Erotik flöten ging.

Sex-Szene in "Fahrenheit": Erotisch ist anders

Sex-Szene in "Fahrenheit": Erotisch ist anders

Foto: Quantic Dream

"Heavy Rain", erschienen 2010, machte eigentlich vieles richtig. Es gab da tatsächlich diese Spannung zwischen den Figuren Ethan Mars und Madison Paige, die man als knisternd bezeichnen könnte. Und doch machte das Spiel denselben Fehler wie viele Games vor und nach ihm: Es ließ die Spielerinnen und Spieler auf unpassende Art Teil des Moments werden. In "Heavy Rain" ist das Liebesspiel ein Quick-Time-Event, ein Tastendrücken im richtigen Moment.

"Viele gewöhnliche Spielmechanismen sind im Kontext von Sexszenen völlig absurd und unfreiwillig komisch, etwa Quick-Time-Events, Joystick-Rütteln oder ein Highscore", meint Svenja Borchert. Sie arbeitet beim Hamburger Studio CrazyBunch und hat dort mit "Leisure Suit Larry - Wet Dreams Don't Dry" kürzlich die "Leisure Suit Larry"-Reihe, einen Klassiker unter den Erotik-Adventures, wiederbelebt. Anders als "Heavy Rain" nahmen sich die "Larry"-Spiele selbst aber nie besonders ernst.

Es gibt kaum Spiele mit Romantik

Auf Themen wie Romantik oder Erotik fokussierte Titel gibt es im Bereich Games bis heute - anders als in anderen Mediengattungen - vergleichsweise wenige. Liebesbeziehungen sind in Blockbustern wie “Assassin’s Creed Odyssey” meist nur eine Nebensache. 

Plattformen wie Steam sind derweil zwar voll von digitalen Anzüglichkeiten, mit Titeln wie "Big Bang Empire", "Porn Star Island", "SinVR" oder "Leisure Yacht". Bemüht werden in solchen Nischentiteln aber vor allem Porno-Klischees: Ballonbusen, immer-willige, leichtbekleidete Frauen, untermalt vom Bow-Chicka-Sound. Letzterer wird wohl auch nur eingesetzt, weil er durch die Pornokultur Einzug ins kollektive Gedächtnis gefunden hat und so Holzhammer-artig signalisiert: Das ist jetzt Sex!

Sexy ist das in der Regel aber nicht. Gerade für Spielerinnen ist diese Art des Umgangs mit Sex und Erotik wenig stimulierend. Doch muss das so bleiben?

Vor allem Männer machen Games

"Spiele und Erotik gehen auf jeden Fall zusammen", meint Lea Schönfelder, Spieleentwicklerin bei ustwo Games und Infragestellerin des aktuellen Frauenbildes in Spielen. "Sinnlichkeit kann man ja in allen Medien erfahrbar machen." In Spielen sei aber noch immer die männliche, heterosexuelle Perspektive dominant. "Wie viele Probleme in Computerspielen, die gesellschaftlicher Natur sind, liegt das daran, dass die Macher immer noch vor allem männlich sind", sagt Schönfelder.

Svenja Borchert sieht das ähnlich: "Dem Medium selbst fehlt es nicht an Diversität", sagt sie, "der Branche hingegen schon."

Langsam ändere sich dies aber, meint Schönfelder, auch durch die zunehmende Demokratisierung der Spieleentwicklung durch Tools wie etwa Unity. Diese Spiel-Engine ist gratis nutzbar und zudem relativ einfach zu bedienen. Kreative Köpfe weltweit können damit Spiele erstellen, ohne dass große Firmen ihnen bei den Inhalten reinreden. Entwicklerinnen wie Schönfelder hoffen, dass so das Spektrum von Erotik in Spielen breiter wird.

Für mehr Entspannung

Schönfelder sagt, in manchen Games kämen zwar erotische Beziehungen vor. Was fehle, sei aber das Spiel-Pendant zur RomCom , die eine romantische Beziehung auf ganz leichte Art und Weise erzählt. In Games tauchten meist gleich die großen tragischen Geschichten auf.

Spiele machen es sich damit selber schwer. Erotik im Angesicht des Weltuntergangs oder der persönlichen Tragödie hat ja immer eine unentspannte Dimension, dieses Überladene und Verzweifelte. Ein Ansatz wäre es, Spiele eher so zu gestalten, dass sie stimulierend und entspannend zugleich wirken.

"Luxuria Superbia": Erotik ganz anders

"Luxuria Superbia": Erotik ganz anders

Foto: Tale of Tales

Dass dies nur auf den ersten Blick ein Widerspruch ist, zeigt "Luxuria Superbia". In diesem Indie-Spiel dreht sich alles um Berühren, Austesten, Herantasten. In blumenartigen Tunnel-Leveln wird mit der Umgebung interagiert - und alles ist zweideutig. Aufgabe der Spielerinnen und Spieler ist es, die "Blumen" durch sanfte, stimulierende, dann wieder nachdrücklichere Berührung zum "Erblühen" zu bringen, betörender Soundtrack inklusive.

Praktisch funktioniert das Konzept erstaunlich gut, gerade weil das Spiel eindeutig erotisch konnotiert ist und zugleich alles der Fantasie überlässt. Es geht um die Lust an der Schönheit und die Schönheit der Lust.

Mehr Mut zu diverser Erotik

Wo also bleibt nun das "Fifty Shades of Grey" der Videospielbranche? Viel würde schon ein insgesamt entspannter Umgang mit Erotik und Sexualität in Spielen helfen. Dazu gehört vor allem auch die Anerkennung der Diversität, wie etwa zuletzt bei "The Last of Us Part 2".

Und Liebesbeziehungen in Spielen müssten überhaupt näher am Leben sein. Das erotische Echtleben ist ja kein Porno wie in "Big Bang Empire" und Konsorten. Und es findet ebenso selten auf tragischen Großbühnen wie in "Heavy Rain" statt.

"Leisure Suit Larry - Wet Dreams Don't Dry": möglichst viele Vorlieben abbilden

"Leisure Suit Larry - Wet Dreams Don't Dry": möglichst viele Vorlieben abbilden

Foto: CrazyBunch

"Leisure Suit Larry - Wet Dreams Don't Dry" immerhin stach zuletzt positiv aus der Flut an Veröffentlichungen hervor - als Versuch, das Thema Sex zeitgemäß anzupassen. Und das ausgerechnet als Spiel um den Schwerenöter und langjährigen Sexisten Larry Lafer.

"Wet Dream's Don't Dry" sei "sexpositiv" und versuche gleichzeitig "nicht, auf Eierschalen zu laufen", meint Maurice Hagelstein, der die Texte für die Dialoge der queeren Figuren im Spiel geschrieben hat. Man habe das Ziel gehabt, im Spiel möglichst viele der unzähligen unterschiedlichen Vorlieben und sexuellen Ausrichtungen abzubilden, habe aber auch "die wirklich komische Seite von jeder" hervorheben wollen.

"Im Optimalfall erreicht man damit, dass alles als normal und okay angesehen wird", so Hagelstein, "und dass die Tabuisierung und vor allem Diskriminierung rund ums Thema Sex endlich wegfällt."

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.