Virtueller Everest-Aufstieg Ich will Schweiß

Den Mount Everest kann man jetzt auch zu Hause besteigen, im Spiel "Everest VR". Hobby-Bergsteigerin Teresa Sickert hat es mit der HTC Vive virtuell bis auf den Gipfel geschafft. Ein Erfahrungsbericht.
Auf dem Gipfel des Mount Everest

Auf dem Gipfel des Mount Everest

Foto: Everest VR

Die Kälte brennt in meinem Gesicht, wie lauter kleine Spinnenbisse nagt sie sich in meine Haut. Auf meinem Rücken läuft in meinem Schneeanzug der Schweiß herunter. Absurd. Aber auf dem Dach der Welt zu sein, ist unbezahlbar: Ich stehe auf dem verdammten Mount Everest und schaue über die Gipfel des Himalaya.

Das wäre mal ein Erlebnis! Tatsächlich verspricht das Virtual-Reality-Spiel "Everest VR" vom isländischen Entwicklerstudio Sólfar genau das: "unvergleichlich reale und emotional atemberaubende Erlebnisse bei der Herausforderung, den höchsten Berg der Erde zu erklimmen".

Nun ja.

Auch VR-Bergsteiger müssen trainieren

Alles beginnt mit einem Training: Ich lerne, wie ich eine Leiter benutze, einen Karabiner richtig an einem Seil zur Sicherung ansetze und einen Eispickel in meinen Rucksack packe. Das dauert ganz schön lange. Aber gut, man geht eben nicht einfach mal so auf den Mount Everest. Als Bergsteigerin weiß ich: Man muss sich vorbereiten.

Als ich endlich im Everest-Basislager ankomme, schlägt mein Bergsteigerinnen-Herz höher. Alles sieht aus, wie auf meiner Nepal-Reise vor drei Jahren: Die bunten Gebetsfahnen flattern an den buddhistischen Schreinen im Wind. Das Licht ist gleißend. Man schaut über eine endlose, weiße Schneelandschaft. Mega!

Camp am Everest

Camp am Everest

Foto: Everest VR

Pflichtbewusst sammele ich meine Utensilien rund um das Zeltlager zusammen, lege noch einen Apfel auf den Schrein, um die Götter zu besänftigen. Schließlich geht's ab jetzt hoch auf 8848 Meter, die Luft wird dünn werden, der Weg beschwerlich.

Je dichter am Berg, desto unrealistischer die Grafik

Erste Station: Khumbu Eisbruch. Die über 600 Meter tiefe Gletscherspalte ist nur mit einer Leiter zu überqueren. Man schaut in die Tiefe hinab und spürt - nichts. Zu unrealistisch ist das Szenario, ich blicke nicht einmal auf meine Füße, wenn ich zwischen den Sprossen in die Tiefe schaue. Die Grafik ist gut, aber nicht gut genug, um jemanden zu begeistern, der schon mal an einer Gletscherspalte gestanden hat.

So enttäuschend geht es den gesamten Aufstieg weiter. Vom Camp Four zum Hillary Step mache ich nur ein paar minimale Manöver, für die ich das öde lange Training nicht gebraucht hätte. Einen Karabiner einhaken und zwei Meter gehen, schaffe ich auch so. Alle Utensilien, die ich zu Beginn meiner Reise in den Rucksack gesteckt habe, brauche ich für das Spiel nicht. Blöd. Man stelle sich vor, man ginge auf einen echten 8000er und hat einen schweren, sinnlosen Eispickel eingesteckt.

Aufstieg über den Hillary Step

Aufstieg über den Hillary Step

Foto: Everest VR

Immerhin, am Hillary Step, der 70 Grad steilen Felsstufe kurz vor dem Gipfel, vernehme ich ein Stöhnen. Zum ersten Mal kann ich so etwas wie Anstrengung nachempfinden. Und ich werde höhenkrank, quasi. Unter der VR-Brille ereilt mich nämlich nach einer Weile immer die Spielübelkeit: Mein Gehirn ist überfordert, weil ich vor meinen Augen auf den Mount Everest klettere und mein Körper aber nur ein paar einfache Bewegungen macht.

Eigentlich ist "Everest VR" ein Spaziergang. Das ist schön, wenn es darum geht, seinen Blick über die Berge des Himalaya schweifen zu lassen und sich in der endlosen Weite zu verlieren. Aber immer, wenn man nah dran ist - beim Aufstieg in der Seilsicherung oder über eine Leiter - ist es langweilig.

Es gilt die Faustregel: Je dichter am Berg, desto unrealistischer die Grafik. Und ein Gefühl will sich auch nicht einstellen - zumindest nicht bei mir als Bergsteigerin. Bei einem Naturerlebnis diesen Ausmaßes ist es unmöglich, auf Sinneseindrücke zu verzichten: Ich will den Wind in meinem Haar spüren, den Schweiß auf meinen Rücken, die Kälte im Gesicht und auch wie sich die Leiter über der Schlucht unter mir biegt. Das kann "Everest VR" nicht bieten.

Atemberaubende Panoramen, kein Naturerlebnis

Schön hingegen sind die Flugsequenzen zu Beginn jeder Etappe. Wie schwerelos gleite ich über das Himalaya-Gebirge. Zu meinen Füßen sehe ich Bergsteiger, winzig klein wie Ameisen, die schneebedeckten Hänge hochsteigen. Das Panorama ist atemberaubend und ja - ich fühle mich frei. Hier funktioniert das Spiel, weil klar ist, man schaut von außen drauf. Wind im Haar, Kälte - egal.

Himalaya-Panorama

Himalaya-Panorama

Foto: Everest VR

Zwar werben die Entwickler nicht damit, das Klettern gamifizieren oder gar die technischen Aspekte simulieren zu wollen. Dennoch soll "Everest VR" ein Paradebeispiel dafür sein, was mit virtueller Realität alles möglich ist: Außergewöhnliche Orte besuchen, sogar den Mount Everest.

Für etwa 23 Euro ist das ziemlich günstig, gibt es eine echte Besteigung beispielsweise mit dem deutschen Alpenverein dort erst ab circa 10.000 Euro. Andere Nutzer schimpfen hingegen bei der Spieleplattform Steam, das Spiel sei für die Länge trotzdem zu teuer.

Nach einer halben Stunde ist man jedenfalls ziemlich bequem auf dem Everest-Gipfel angelangt: ohne Schweiß, ohne Kälte, ohne Atemnot - aber auch ohne Glücksgefühle. Dafür muss ich dann wohl doch aus eigener Kraft hoch - wenn ich mich traue.

Fotostrecke

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Foto: SPIEGEL ONLINE
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