Fotostrecke

Fotostrecke: Falls Sie "Farmville" noch nie gesehen haben

Foto: Farmville

Hype um Facebook-Spiel Was wurde eigentlich aus "Farmville"?

Millionen Spieler bestellten einst Felder bei "Farmville" und belästigten ihre Freunde damit. Heute ist vom virtuellen Arbeitseifer nicht mehr viel zu spüren. Was wurde aus dem Facebook-Bauernhof?

Alle haben sie mich eingeladen, "Farmville" zu spielen, immer wieder. Allerdings ist das schon ein bisschen her. Es begann 2009, und binnen weniger Tage spielten gefühlt alle. Nur ich nicht.

Meine Freunde schenkten mir Saatgut oder baten um Hilfe bei der Ernte. Ich ignorierte sie oder wünschte sie zum Teufel. Sechs Monate nach dem Start bestellten weltweit rund 80 Millionen Menschen ihre virtuellen Felder bei Facebook, und ich habe ihnen nicht geholfen. Darauf war ich dann irgendwie stolz.

Die Softwareschmiede Zynga hat "Farmville" über uns gebracht und Millionen damit verdient. Im vierten Quartal des Jahres 2012 hatten Zynga-Spiele 311 Millionen Nutzer . Dann begann der Abstieg. Ein Jahr später spielte nicht einmal mehr die Hälfte davon. Wie viele Nutzer "Farmville" und "Farmville 2" noch haben, verrät Zynga nicht. Stattdessen heißt es: Generell könne man berichten, dass die Spiele der 'Farmville'-Familie bislang insgesamt mehr als 700 Millionen Mal installiert worden seien.

Das mag eine stolze Zahl sein. Doch wie viele Menschen heute tatsächlich noch säen, wässern und ernten, erfährt man nicht.

Das Software-Start-up hat die Entwicklung verschlafen

Der Konzern gab nun bekannt, dass Zynga-Gründer Mark Pincus das Unternehmen wieder leiten wird. Seine Mission: "Innovationen beschleunigen."

Im September 2012 war "Farmville 2" erschienen, noch bunter, noch niedlicher. Aber ab Level 30 leider auch verdammt langweilig, beklagen Nutzer in den Kommentaren. Nur produzieren und verkaufen, das reizte die Farmer bald nicht mehr. Noch dazu wandten die früheren Spieler sich den Angeboten auf Tablet-Computern oder Smartphones zu, während Zynga sich auf Titel für Facebook konzentrierte, neben "Farmville" zum Beispiel mit "Zynga Poker" oder "Mafia Wars".

Zynga veröffentlichte weitere Spiele, doch der Konzern erholte sich nicht mehr und musste im Herbst 2013 ein Fünftel seiner Mitarbeiter entlassen. Bis heute werden es immer weniger Zynga-Spieler, ist dem Quartalsbericht zu entnehmen . Etwa 28,5 Millionen Euro verdiente Zynga mit "Farmville 2" im vierten Quartal 2014; im gleichen Zeitraum verlor der Konzern 41,5 Millionen Euro - und mehr als 210 Millionen Euro im ganzen Jahr.

Jetzt weiß ich auch, warum die alle süchtig waren

Heute, Jahre nach dem Hype, schaue ich mir das virtuelle Land endlich auch einmal an. Irgendwas muss ja dran sein. Am Eingang der Farm nimmt mich Marie in Empfang. Marie sieht aus wie eine meiner besten Freundinnen und die Spielfigur sieht ein bisschen aus wie ich, in schlechter Grafik und pinkfarbenen Klamotten. Ich klicke erst einmal ins Menü und ziehe mir etwas anderes an.

Marie zwingt mich, Tomaten zu ernten, neue anzupflanzen und zu gießen. Das Huhn guckt traurig, die Ziege auch, ich soll sie füttern. Die Spielwelt ist niedlich, und ich verstehe langsam, warum so viele Spieler süchtig wurden. Kaum habe ich die Enten freigeschaltet, lockt mich das Spiel mit neuem Farmland. Ich muss nur noch schnell 20 Tomaten verkaufen, das schaffe ich. Alternativ kann ich auch echtes Geld ausgeben und das Land einfach kaufen. Sechs Euro kosten die 30 Farm-Bucks, die ich dafür bräuchte. Laut Quartalsbericht gab ein Zynga-Spieler 8 Cent pro Tag aus, also fast 27 Euro im Jahr.

Das nächste "Farmville" gibt es schon

Es passiert einiges im 'Farmville'-Universum, und das wird auch in Zukunft so bleiben, heißt es optimistisch von einem Sprecher der Firma. Ob aber ein neues "Farmville" geplant ist, verrät Zynga nicht. Vor kurzem ist "Farmville: Harvest Swap" im Play Store für Android veröffentlicht worden, darf in Deutschland aber noch nicht installiert werden. Zynga nennt das neue Spiel ein Farmville, auch für Spieler, die sich in Spielen wie 'Candy Crush Saga' und ähnlichen zu Hause fühlen.

Laut Play-Store ist "Harvest Swap" derzeit auf mindestens 100.000 Android-Systemen installiert. Auf die aktiven Nutzer lässt sich daraus aber nicht schließen. Zynga testet das Spiel in Australien, Neuseeland und auf den Philippinen. Aber ob dieses Spiel die Rettung für die 'Farmville'-Marke bringt? "Candy Crush"-Publisher King Digital war zunächst erfolgreich, im vergangenen Herbst brachen die Quartalszahlen jedoch unerwartet ein. Die Spieler verloren das Interesse.

"Wie ein Fetisch" sei "Farmville", sagte Buchautor Paul Bühre kürzlich dem Berliner "Tagesspiegel ". Bühre ist 16 Jahre alt und war neun, als "Farmville" auf den Markt kam. Zwischendurch hat er ein Jahr lang virtuelle Tomaten angebaut und ist bis heute stolz auf den seltensten aller Heißluftballons, in Regenbogenfarben, den verdiente er sich irgendwann. So belohnt "Farmville" seine Spieler: mit bunten, niedlichen Items.

Im Spiel geschieht recht früh das Undenkbare. Marie, meine virtuelle Kindheitsfreundin, meine Stilikone, die coole Marie mit ihrem Cowboyhut, sie steigt auf ihr Pferd und reitet von dannen. Allein bleibe ich zurück. Huhn und Ziege schauen mich traurig an, sie haben Hunger.

Und das ist für mich das Problem von "Farmville": Ich bin so einsam. Tatsächlich scheine ich noch drei Menschen zu kennen, die "Farmville" spielen. Aber sie melden sich nicht. Ich bitte eine Freundin, mir beim Ernten zu helfen. Sie fragt, ob ich verrückt geworden bin.

Update, 17. April: Ein paar Tage später schaue ich wieder auf meine kleine Farm. Das Gemüse ist vertrocknet, die Tiere unglücklich. Das sieht so desolat-traurig aus, dass ich lieber wieder gehe. Vielleicht baue ich mir bei Sim City lieber eine Großstadt.

Was wurde eigentlich aus... Ihrem Wunschthema?
Foto: LAURENT REBOURS/ AP

Die Recherche-Serie bei SPIEGEL ONLINE: Nur selten erfahren wir, wie es mit den Menschen und Geschichten weitergeht, wenn sie nicht mehr "Nachricht" sind. "Was wurde aus...?" spürt den Themen nach. Sie sagen uns, was Sie wissen wollen, und wir erzählen Ihnen, wie die Geschichten ausgingen. Was würden Sie gern wissen? Wir freuen uns auf Ihre Anregungen und Hinweise an waswurdeaus@spiegel.de . Selbstverständlich behandeln wir Ihre Angaben vertraulich.