Verbotener Handel Die Schwarzmärkte der Onlinegames

Ob »Fifa 21«, »Fortnite« oder »Animal Crossing: New Horizons«: Zu vielen Videospielen existieren Schwarzmärkte für Spielwährungen, Accounts und Inhalte. Viele Hersteller scheinen nur zuzuschauen.
Onlinespiel »Fortnite«: Mit manchen Accounts lässt sich Geld machen – per Schwarzmarkt

Onlinespiel »Fortnite«: Mit manchen Accounts lässt sich Geld machen – per Schwarzmarkt

Foto: Herwin Bahar / dpa / ZUMA Wire

Es ist praktisch unmöglich, den Schwarzmarkt zu verfehlen. Simple Google-Suchen führen dorthin. Die Händler, die rund um das Fußballspiel »Fifa 21« Geld machen wollen, tummeln sich auf Ebay, sie betreiben Telegram-Kanäle oder Onlineshops. Dort kann man virtuelle Münzen und sogenannte Spielerkarten für den beliebtesten Onlinemodus »Fifa Ultimate Team« (»FUT«) kaufen.

Eine Million »FUT«-Münzen, mit denen man im Spiel leichter auf die Jagd nach interessanten Profis fürs eigene Fantasieteam gehen kann, kosten rund 100 Dollar. Und wer hofft, unter der Hand direkt besonders starke Digitalversionen von früheren Weltstars wie Zinédine Zidane oder Pelé zu bekommen, von dem werden teils mehr als 1000 Dollar verlangt.

Erlaubt sind solche Käufe nicht. Wer Münzen oder »FUT«-Stars auf dem Onlineschwarzmarkt erwirbt, macht sich des Vertragsbruchs mit den »Fifa«-Entwicklern von Electronic Arts (EA) schuldig. Und auch die Händler wissen, dass ihre Angebote Regelverstöße sind.

Wirklich aktiv jedoch scheint niemand gegen den »FUT«-Schwarzmarkt vorzugehen – weder die Behörden noch EA selbst. Er existiert seit Jahren, und wer Geld und keine Skrupel hat, versucht, über ihn sein Onlineteam aufzupeppen und sich so einen Vorteil für Duelle gegen andere Spieler zu erschleichen. Denn ein starker Kader erhöht in »FUT« auch die Siegchancen (mehr dazu lesen Sie hier).

Gaming ist ein Riesengeschäft

»Fifa« ist in Deutschland Jahr für Jahr das meistverkaufte Videospiel, es ist ein Vorzeigetitel der weltweit boomenden Gamesbranche. 2020 machten Spielefirmen weltweit einen Umsatz von 148 Milliarden Euro . Die Filmbranche, mit der sie lange verglichen wurde, hat die Branche damit locker abgehängt. Doch das Geschäft Gaming ist noch größer: Es gibt nicht nur die Spielehersteller, sondern auch Hardwareanbieter von Nintendo über Sony bis Microsoft. Dazu gibt es Plattformen wie Twitch, Discord und YouTube, für die Gaming-Content immens wichtig ist. Und dann gibt es noch die Schwarzmärkte, deren Umsätze schwer abschätzbar sind.

Davon, dass Spielehersteller gezielt gegen Schwarzmärkte vorgehen, hört man nur vereinzelt. Solange das eigene Geschäftsmodell trotz ihnen funktioniert, solange die Mehrheit der Spielerinnen und Spieler ihr Geld noch direkt beim Hersteller lässt, scheinen die Firmen keinen akuten Handlungsbedarf zu sehen.

Münzkaufangebote zu »Fifa 21«: Sonderlich verborgen ist der »FUT«-Schwarzmarkt nicht

Münzkaufangebote zu »Fifa 21«: Sonderlich verborgen ist der »FUT«-Schwarzmarkt nicht

Foto: Google

Anders ist das, wenn ein Unternehmen plötzlich selbst in dubiose Deals jenseits seiner offiziellen Angebote involviert ist. So war es Mitte März, als Vorwürfe im Raum standen, dass mindestens ein EA-Mitarbeiter begehrte »FUT«-Inhalte verkaufte – für laut Screenshots bis zu 1700 Euro. Ein Tabubruch, der viele Fans von »FUT« erzürnte, die auf legale Weise kaum eine Chance haben, an solche Inhalte zu kommen. In einem Statement  bat EA um Entschuldigung und versprach Aufklärung – dieser Schwarzmarkt ließ sich nicht so gut totschweigen wie andere.

Inoffizielle Märkte zu Spielen sind kein neues Phänomen: Auch Panini-Sticker oder Pokémon-Karten werden seit vielen Jahren über allerlei Kanäle getauscht und gehandelt. Doch mit dem Aufstieg des Gamings zum Massenphänomen hat sich ein grundlegender Wandel vollzogen: Manche Videospiele sind mehr als nur Medien. Sie sind ein Ort, an dem man Freizeit verbringt, Spaß hat und Freunde trifft. Sie sind ein bedeutsamer Teil des Alltags. Ein Ort, an dem es vielen wichtig ist, zum Beispiel seltene »FUT«-Spieler aufbieten zu können oder dass die eigene Spielfigur ein besonders Kostüm trägt.

»Schwarzmärkte entstehen vor allem rund um Multiplayer-Onlinespiele«, sagt Finja Walsdorff. Sie ist Medienwissenschaftlerin an der Universität Siegen und beschäftigt sich mit Gaming-Communitys. »Viele Menschen geben in Onlinespielen Geld aus, um ihren eigenen Status zu verbessern«, sagt sie. Walsdorff nennt die sogenannten OG-Skins für das Onlinespiel »Fortnite« als Beispiel.

Zeigen, dass man ein Pionier ist

Diese Outfits konnte nur bekommen, wer schon zur Anfangszeit des Spiels – also 2017 – dabei war. Sie verschaffen im Spiel keinen Vorteil. Aber wer sie trägt, beweist damit die eigene Pionierrolle – was ihm womöglich die Anerkennung anderer Gamerinnen und Gamer verschafft. »Dieser Respekt lässt sich auch mithilfe der Schwarzmärkte erkaufen«, sagt Finja Walsdorff. Auf Ebay werden Accounts mit den begehrten Skins mitunter für bis zu 2000 Euro gehandelt.

Wie leicht sich die Schwarzmarktproblematik in manchen Fällen entschärfen lässt, zeigt das Beispiel des OG-Skins »Recon Expert«: Eigentlich war das Outfit nach 2017 nicht mehr erhältlich. 2020 aber stellte es der »Fortnite«-Hersteller Epic Games in den In-Game-Shop  – für zwölf Euro. Die Schwarzmarktnachfrage verflachte daraufhin, »Recon Expert« gilt heute nicht mehr als OG-Skin. Es kauft aber auch niemand mehr nur wegen des Outfits einen alten, vielleicht sogar gehackten Account auf dem Schwarzmarkt, was auch bei »Fortnite« nicht erlaubt ist.

Viele Spielehersteller weigern sich, ihre Mitverantwortung für die Schwarzmärkte einzuräumen, obwohl das Design ihrer Spielsysteme den Wunsch nach einem Handel mit Accounts oder einzelnen Spielinhalten verstärkt. In manchen Spielen kann man Hunderte Euro ausgeben: Durch Zufallsmechanismen bleibt einem genau der Inhalt, den man freischalten wollte, aber oft trotzdem verwehrt.

Die Frage, was digitale Inhalte aus Spielen wie »Fifa« überhaupt wert sind und wie stark Hersteller ihre Angebote künstlich verknappen, beschäftigt sowohl Spielerinnen und Spieler als auch Jugendschützer und Glücksspielaufseherinnen.

Über sogenannte Lootboxen, digitale Schatztruhen also, in denen sich vergleichsweise nutzloser Quatsch, aber auch ein auf Schwarzmärkten zu hohen Preisen verkaufbares Objekt stecken kann, wird seit Jahren gestritten. In Belgien beispielsweise stellte EA selbst 2019 den Verkauf einer zweiten »FUT«-Währung namens Fifa Points ein , nachdem sich die dortige Glücksspielbehörde mit dem Spielmodus beschäftigt hatte. 2020 bezeichnete die niederländische Glücksspielbehörde die Lootboxen aus »FUT« als illegal .

Spiele werden zu Plattformen

»Bei vielen Herstellern ist der Verdienst über In-Game-Verkäufe inzwischen höher als der Verkauf des Spiels selbst«, sagt Tim Glaser. Er ist Medienwissenschaftler an der Hochschule für Bildende Künste Braunschweig und beschäftigt sich mit der Gaming-Ökonomie. Glaser verweist darauf, dass jeder Hersteller versuche, mit seinem Spiel eine eigene Plattform zu schaffen. Besonders gut erkennbar ist das bei »Fortnite«: Es gibt saisonale Charaktere aus anderen Unterhaltungsuniversen, von Marvel-Superhelden bis Lara Croft, und sogar Live-Events wie Konzerte. Es gibt viel zu erleben und damit auch viel zu verpassen, wie einst die OG-Skins.

Die Hersteller setzen gegen die Schwarzmärkte bestenfalls Nadelstiche, vielleicht auch aus Sorge vor Kollateralschäden. Meist fließt bei illegalen Deals das Geld im Hintergrund, der Handel selbst findet im Spiel statt. Harte Maßnahmen könnten auch viele Nutzerinnen und Nutzer treffen, die nichts falsch gemacht haben, deren Tausche oder Transaktionen aber zufällig ins Raster der Schwarzmarktjäger passen. Die Firmen drohen, Accounts zu sperren, die sich unrechtmäßig In-Game-Währung oder Spielelemente gesichert haben. Sie gehen gegen den Gebrauch von Bots vor. Und sie versuchen, unbestreitbar problematisches Verhalten wie Hacking zu unterbinden.

Finja Walsdorff sieht die Hersteller in einer schwierigen Position: »Es ist generell schwierig, Gaming-Schwarzmärkte zu unterbinden«, sagt sie und verweist auf Nintendos Spiel »Animal Crossing: New Horizons«. Digitale Objekte kaufen kann man darin gar nicht, trotzdem gibt es auch zu »Animal Crossing« einen florierenden Schwarzmarkt.

»Animal Crossing: New Horizons«: Auch rund um das Nintendo-Spiel werden online unerlaubte Geschäfte gemacht

»Animal Crossing: New Horizons«: Auch rund um das Nintendo-Spiel werden online unerlaubte Geschäfte gemacht

Foto: Nintendo

Im Zentrum des Spiels steht das Bebauen und Dekorieren einer virtuellen Welt. Dafür lassen sich Objekte verwenden, die man teils über Wochen oder Monate freispielen muss. Wem das zu lange dauert, der kann über den Schwarzmarkt eine Abkürzung nehmen. Über Ebay und andere Plattformen  wird mit der Spielwährung, mit Charakteren und Sammelkarten gehandelt. Der Hersteller Nintendo hat sich mehrfach gegen diese Schwarzmärkte gestellt und versucht, entsprechende Händler zu sanktionieren. Aber die Verkäufer sind einfallsreich, es ist ein Katz-und-Maus-Spiel mit vergleichsweise schwachen Drohmitteln wie Accountsperren.

Auch die wirtschaftlichen Anreize einzugreifen, sind wohl gering. Dass etwa EA den direkten Verkauf von »FUT«-Karten dem Schwarzmarkt überlasse, deute wohl darauf hin, dass das jetzige System für sie ökonomisch funktioniert, meint Tim Glaser. Er verweist darauf, dass der Schwarzmarkt und seine Preise genau wie Videos, in denen man YouTubern dabei zuschauen kann , wie sie in »FUT« Lootboxen öffnen, wohl auch zum Hype um besonders begehrte Inhalte beitragen.

EA selbst teilt auf SPIEGEL-Nachfrage mit, jedes Jahr Tausende Maßnahmen gegen Spielerkonten zu ergreifen, die in Schwarzmarktaktivitäten verwickelt sind. Auch von rechtlichen Maßnahmen ist die Rede, ohne dass Details genannt werden. Man befinde sich »in einem anhaltenden Kampf gegen den Einfluss durch Dritte, die versuchen, uns und unsere Spieler zu betrügen, indem sie illegal FUT-Münzen auf dem Schwarzmarkt verkaufen«, heißt es von einem EA-Sprecher. Man habe stark in die technologische Sicherheit und die Durchsetzung der eigenen Nutzungsvereinbarung investiert.

Bei Google reichen derweil weiter einfachste Sucheingaben, schon werden Spielerinnen und Spielern von »FUT« zahlreiche Angebote gemacht, die es eigentlich nicht geben sollte. Manch ein Händler wirbt sogar mit einer »100 Prozent Entschädigungsgarantie«, sollte bei einem der dubiosen Deals etwas schiefgehen.