"Final Fantasy XV" im Test Royaler Roadtrip im Cabrio

Nach zehn Jahren Entwicklung ist "Final Fantasy XV" fertig. Das Rollenspiel ist ein gewaltiges, modernes Märchen. Wegen der großen Spielwelt empfiehlt es sich vor allem für Menschen mit viel Zeit.

Square Enix

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Spoiler-Hinweis: Dieser Text erklärt nur grob, worum es im Spiel geht.

Die Sonne strahlt am blauen Himmel, das Cabrio-Dach ist heruntergelassen, aus dem Autoradio erklingt ein Popsong. Wunderschöne Natur, wo man auch hinschaut, dazu imposante Landschaftsformationen. Eine Horde riesiger Monster grast friedlich auf einer Wiese. Und das kleine Icon auf dem Bildschirm zeigt an, dass noch fünf Kilometer zu fahren sind. Also fahren meine Mitstreiter und ich. Immer weiter.

Eigentlich soll ich in "Final Fantasy XV" den Thron zurückerobern. Der Held des Spiels ist ein leicht verzogener Prinz, dessen Heimat genau dann von einem bösen Imperium erobert wird, als er zu seiner arrangierten Hochzeit fährt. In der Welt Eos gibt es allerdings so viel zu tun, dass man das eigentliche Ziel schnell aus den Augen verliert. Gemeinsam mit drei Freunden wird an jeder noch so kleinen Tankstelle angehalten, um von dort aus die Umgebung zu erkunden.

Die Entwickler von Square Enix versuchen sich mit ihrer nun fast 30 Jahre alten Serie bei jedem neuen Spiel neu zu erfinden. Manchmal gelingt das besser, manchmal schlechter, und die Fans streiten oft, welcher Teil nun "der beste" sei.

Auch in "Final Fantasy XV" brechen die Japaner mit einigen Traditionen, allen voran mit dem rundenbasierten Kampfsystem. Prinz Noctis und seine Freunde schlagen sich, wenn man die Online-Rollenspiele außen vor lässt, als erste Helden der Seriengeschichte in Echtzeit mit den Feinden herum.

Das Kampfsystem: It's warping time

Als Erbe des lucischen Königsgeschlechts stehen dem Protagonisten besondere Fähigkeiten zur Verfügung: Auf Tastendruck etwa kann er sich über kurze Distanzen teleportieren und Schwerter herbeirufen. Im Kampf springt man so von Gegner zu Gegner, weicht aus, blockt, wechselt zwischen verschiedensten Waffen oder Zaubern, verteilt ein paar Treffer und springt dann weiter.

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Neues Rollenspiel: Unterwegs in "Final Fantasy XV"

Am Anfang (und das heißt bei "Final Fantasy": in den ersten 15 Stunden) kann das überfordern, zumal die störrische Kamera dem hektischen Geschehen oft nicht folgen kann. Bei Gegnergruppen geht die Übersicht leider schnell verloren. Wenn man den Dreh jedoch erst einmal heraushat, macht das Kämpfen verdammt viel Spaß. Für Nostalgiker oder Actiongegner gibt es auch einen zuschaltbaren Wartemodus, der das Kampfgeschehen pausiert.

Die Gefährten von Prinz Noctis, etwa der breitschultrige Gladiolus, kämpfen selbstständig, können jedoch per Tastendruck zu einer gemeinsamen Kombo-Attacke gerufen werden. Im späteren Verlauf der Geschichte kann Noctis auch überlebensgroße Wesen beschwören, deren Attacken das Schlachtfeld in Schutt und Asche legen. Das ist - ebenso wie die Bosskämpfe - exzellent inszeniert und lässt den Spieler mehr als einmal mit offenem Mund vor dem Bildschirm sitzen.

Und was essen wir heute?

Da Kämpfen hungrig und müde macht, müssen die Helden oft rasten. Besonders zu Beginn des Spiels ist nächtliches Reisen zu gefährlich, da "Siecher" genannte Dämonen die Landschaft unsicher machen. Was eigentlich nett und nach mehr Atmosphäre klingt, hemmt aber merkbar den Spielfluss.

Anstatt der Handlung folgen oder eine gerade angenommene Aufgabe erledigen zu können, muss man ständig sein Lager aufschlagen und ein Abendessen wählen. Gefährte Ignis ist immerhin begeisterter Koch und verwertet alles, was am Wegesrand aufgelesen wurde.

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Fotostrecke: Diese Spielestädte bleiben in Erinnerung

Doch auch tagsüber kommt man selten schnell ans Ziel. Das liegt vor allem an den teils unsinnig langen Laufwegen. Ein Beispiel: Aufgabengeber Dino sitzt am Ende eines mehrere Hundert Meter langen Holzstegs auf dem Meer. Jedes Mal, wenn man mit ihm reden will, muss man diesen für eine endlos scheinende Minute entlanglaufen - das ist im wahrsten Sinne des Wortes "Leerlauf".

Auch die langen Fahrten mit dem königlichen Cabrio werden irgendwann zur Geduldsprobe. Eine Schnellreisefunktion gibt es zwar, aber sie funktioniert erst, nachdem man einen Ort bereits besucht hat und wenn das Ziel in Nähe einer Straße liegt.

Wie aus dem japanischen Bilderbuch

Trotz dieser Mängel ist "Final Fantasy XV" ein gelungenes und an vielen Stellen beeindruckendes Spiel. Die Schauplätze etwa sind atemberaubend schön: vom schwelenden Vulkan über ein gruseliges Unterwasserverlies bis hin zur von Kanälen durchzogenen "Wasserstadt Altissia", einer Mischung aus Venedig und Schlaraffenland. Die Grafik bringt die Konsole ins Schwitzen, trotzdem sind plötzlich aufploppende Texturen die Ausnahme.

Für europäische Augen ungewohnt sind wohl aber die Outfits der vier Helden. Viel schwarzes Leder, Emo-Haarschnitte, fingerlose Handschuhe oder Gummistiefel gepaart mit kurzen Hosen erschweren es, die vier ernstnehmen zu können. Auch bei der Geschichte muss man immer daran denken, dass erzählende Motive wie Aufopferung, Partnerschaft und Heldentum in Japan anders verstanden werden als in Europa oder Hollywood.

Wer darüber hinwegsehen oder sich damit anfreunden kann, für den ist "Final Fantasy XV" ein bombastisches, aber auch zeitfressendes Rollenspiel für die Wintertage.


"Final Fantasy XV", von Square Enix, für Playstation 4 und Xbox One, circa 60 Euro, USK: ab 12 Jahren



insgesamt 8 Beiträge
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forenuser 03.12.2016
1. Kampfsystem
Schon in FFXll gab es ein Echtzeitkampfsystem welches sich auch teilweise automatisieren lies. Es war ausserdem das letzte FF das nicht auf fuerchterlich ueberzeichnete Charakter setzte um 12 jaehrige fuer das Spiel zu begeistern.mir wird noch Heute schlecht wenn ich an die 13 denk. Mieses Kampfsystem(einfach nur X haemmern), Charaktere die furchtbar gezwungen cool, hart, emo oder sonst was waren und eine hoechstens mittelmaessig Story. Schade um die Serie.
T0bi 03.12.2016
2. Deutsche Beamtenmentalität
"Für europäische Augen ungewohnt sind wohl aber die Outfits der vier Helden. Viel schwarzes Leder, Emo-Haarschnitte, fingerlose Handschuhe oder Gummistiefel gepaart mit kurzen Hosen erschweren es, die Vier ernstnehmen zu können." Na ja, meiner Meinung nach sind die Asiaten einfach weitaus krativer, als die Deutschen. Und dieser ungewohnt Stil überfordert einfach viele Beamten Deutsche. Man sieht es ja im Kino, Genre Kino aus Deutschland ist quasi nicht existent. Wir halten uns an Tatort (gähn) und Konsorten, das ist scheinbar schon das Höchste der Gefühle. Asiatisches Entertainment ist auch mutiger, tabuloser, experimenteller, einfach weitaus interessanter und besser.
wilder.polterer 03.12.2016
3. wer suchet der findet
Es gibt kleine Makel in dem Spiel wie in jedem anderen auch. Trotzdem ist es grossartig inszeniert und lädt zum erkunden der wunderschönen und abwechslungsreichen Landschaft ein. Wer vom Auto zuviel hat sollte mal das Chocobo reiten. Nachts zu rasten ist kein muss allerdings zu Anfang ratsam um nicht dauernd auf der Flucht zu sein. Die Charaktere haben ihren eigen Stil und Emotionen kommen auch nicht zu kurz. Stumpfsinniges Buttonsmashing ist bei trashmobs noch ok aber bei Gegnern die Statuseffekte verteilen oder wild um sich schlagen empfiehlt es sich dann doch taktisch vorzugehen. Im grossen und ganzen ein wirklich gelungenes FF, nicht nur für Fans der Reihe.
Hupert 03.12.2016
4. *räusper*
Dumm, dümmer, ihr Kommentar... Man mag vom Spiel halten was man will (z.Bsp. wie ich nichts, da ich mit asiatischer "Ästhetik" und Dramaturgie nix anfangen kann) aber an Borniertheit übertrifft sie in diesem Thread sicher niemand mehr.
Frida_Gold 05.12.2016
5.
Zitat von forenuserSchon in FFXll gab es ein Echtzeitkampfsystem welches sich auch teilweise automatisieren lies. Es war ausserdem das letzte FF das nicht auf fuerchterlich ueberzeichnete Charakter setzte um 12 jaehrige fuer das Spiel zu begeistern.mir wird noch Heute schlecht wenn ich an die 13 denk. Mieses Kampfsystem(einfach nur X haemmern), Charaktere die furchtbar gezwungen cool, hart, emo oder sonst was waren und eine hoechstens mittelmaessig Story. Schade um die Serie.
Hier muss ich doch ein bisschen schmunzeln. Cloud oder Barret oder Tidus waren demnach nicht überzeichnet? Japaner ticken halt anders als wir. Wobei westliches Figurendesign jetzt auch nicht gerade klischeefrei ist, überall Muskelpakete und viel Militär... XV macht mir bisher (25 Stunden Spielzeit) sehr viel Spaß. Das Teamgefühl ist großartig gelungen, die Welt ist wunderschön designt. Natürlich ist es ein Spiel, das viel Zeit braucht - genau das erwarte ich von einem Final Fantasy! Die Story ist endlich wieder nicht linear, die Nebenquests reichen von üblichen Bringdiensten und Monsterjagd zu kuriosen Sachen wie Katzen füttern.
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