Vom Daddeln und Versinken Das Geheimnis des Flow

Manchmal hat man beim Videospielen das Gefühl, dass der Spielfluss einen trägt. Dass man ganz und gar im Spielerlebnis aufgeht. Was ist das Geheimnis dieses Zustands?
Flatternder Mantel, Sprungcombos und Jump'n'Run-Höhenflüge: "Gris" ist ein faszinierendes Spiel

Flatternder Mantel, Sprungcombos und Jump'n'Run-Höhenflüge: "Gris" ist ein faszinierendes Spiel

Foto: Nomada Studio

Es geht immer höher hinauf, mit Sprüngen von Vorsprung zu Vorsprung. Ich nutze den Auftrieb der Schmetterlingskolonien, die mir im Jump'n'Run "Gris" einen kurzfristigen Sprung-Boost verschaffen. Der Mantel flattert, die Ruinen ragen in den Himmel. Genau hier jetzt ein Doppelsprung, perfekt platziert. Und weiter, noch höher. Ich jumpe und runne - und weiß intuitiv, welche Tastenkombination ich wann drücken muss.

So lasse ich meine Spielfigur regelrecht durchs Level fliegen - und finde mich selbst im Höhenflug wieder. Mit schlafwandlerischer Sicherheit spule ich die Bewegungsabläufe ab. Das Spiel und ich scheinen für Augenblicke eins zu sein. Ich spüre die Euphorie der Meisterschaft, die Selbstvergessenheit des Virtuosen: Ich spiele das Spiel und nicht umgekehrt. Kurz: Ich bin im sogenannten Flow.

Der schmale Grat zwischen Frustrationen

Solche Augenblicke, wie "Gris" sie häufig möglich macht, sind ein Beispiel dafür, wie der Flow in Videospielen erlebt werden kann. Gemeint ist damit ein eigentümlicher Bewusstseinszustand, den viele Spielerinnen und Spieler kennen, etwa von den dynamischen Parcour-Einlagen in der "Assassin's Creed"-Reihe oder auch vom Auf- und Ausbau der Basis in Strategiespielen wie "Anno" oder "Starcraft". Oder vom ästhetischen, ja fast ätherischen Spielfluss in "Flower".

Es geht um Momente, in denen man ganz im Jetzt eines tätigen Handelns aufgeht und auf einer Welle der Virtuosität reitet. Das Ergebnis: Wahre Glücksgefühle und Augenblicke höchster Konzentration. Der Spieltheoretiker Hans Scheuer hat diesen Zustand in den Fünfzigerjahren als "völliges Aufgehen in der momentanen Tätigkeit" beschrieben, als "Verweilen in einem Zustand des glücklichen Unendlichkeitsgefühls". Populär wurde der Begriff in den Siebzigerjahren durch den ungarischen Psychologen Mihály Csíkszentmihályi.

Damit Flow-Momente entstehen, ist es wichtig, das rechte Maß zwischen Über- und Unterforderung zu finden. Flow findet statt auf dem schmalen Grat zwischen Frustrationen - einerseits durch Langeweile, andererseits durch Stresserleben. Wo Fähigkeiten und Aufmerksamkeit in optimalem Maße gefordert sind, entsteht der ideale Nährboden für Flow.

"Start" und Flow

Doch die eigene Aufmerksamkeitskapazität ist nicht der einzige wichtige Faktor. Auch jedes einzelne Videospiel tut viel dafür oder auch dagegen, dass man in den Flow kommt. "Wenn es ein Spiel schafft, dass ich als Spieler das Gefühl habe, die volle Kontrolle zu haben, fühle ich den Flow", sagt Philipp Stollenmayer, der jüngst für "Song of Bloom " mit dem Deutschen Computerspielpreis 2020 in der Kategorie "Bestes Mobiles Spiel" ausgezeichnet wurde. "Dazu gehören vor allem eindeutige Regeln, damit man durch eine Vorhersehbarkeit so schnell auf das reagieren kann, was gleich kommt, dass es sich wie selbstverständlich anfühlt."

Im Idealfall muss man als Spieler also nicht viel mehr tun, als auf "Start" zu drücken. Ist das Spiel gut designt, bündelt es automatisch die Aufmerksamkeit auf sich.

Stollenmayers "Song of Bloom" hat einen eigentümlichen Flow. Er entsteht ohne große Erzählung, nur über ästhetische Impulse und eine konstante Dynamik unterschiedlicher Farben und Formen, die verschoben, verrückt, verwischt und entfaltet werden. Ein "Stream of Consciousness", der immer haarscharf am Overkill vorbeischrammt und genau auf dieser Gratwanderung seinen Flow entwickelt.

"Song of Bloom": Das Mobilspiel lässt durch seine optische Dynamik einen eigentümlichen Flow entstehen

"Song of Bloom": Das Mobilspiel lässt durch seine optische Dynamik einen eigentümlichen Flow entstehen

Foto: Kamibox

Zerbrechliche Unendlichkeit

Doch so plötzlich wie der Flow kommt, ist er in vielen Spielen auch schnell und überraschend wieder weg. Potenzielle Brüche lauern überall: Das Spiel kann technische Probleme haben und ruckeln, sodass der eigentlich perfekt platzierte Sprung danebengeht. Oder die Spielbalance ist an einer Stelle unausgegoren, sodass sie einen aus dem Spielfluss bringt. Oder es passiert etwas außerhalb der Spielwelt - das Telefon klingelt, im Hof schreit ein Kind. Das "glückliche Unendlichkeitsgefühl", von dem Hans Scheuer sprach, ist so ziemlich zerbrechlich - und ganz und gar endlich.

Bleibt einem also nichts anderes übrig, als den Flow in Spielen als gern gesehenen, aber unberechenbaren Überraschungsgast zu akzeptieren? Nicht unbedingt. Denn: Auch wenn Flow-Zustände oft ungesteuert auftreten, heißt das nicht, dass man keinerlei Kontrolle hätte. "Flow entsteht, wenn Aufmerksamkeit optimal gebündelt wird", sagt der auf das Thema spezialisierte Sozialwissenschaftler und Coach Simon Sirch. "Das passiert entweder durch ein bestimmtes Spielszenario oder durch die aktive Lenkung von Aufmerksamkeit."

Simon Sirch: "Flow entsteht, wenn Aufmerksamkeit optimal gebündelt wird."

Simon Sirch: "Flow entsteht, wenn Aufmerksamkeit optimal gebündelt wird."

Foto: Simon Sirch

Reicht das Spielszenario als externer Auslöser also nicht aus, um einen in den Flow zu bringen, kann man durchaus nachhelfen. Indem man Aufmerksamkeit und Fokus aktiv auf das Spielehandeln bündelt. Um Flow-Zustände herbeiführen zu können, gilt es zu lernen, die eigene Aufmerksamkeit bewusst zu lenken. "Und das", so Simon Sirch, "kann man ja trainieren".

Wie und wo man den Flow findet, ist freilich vom Einzelnen abhängig. Wo der eine seine Aufmerksamkeit spielend leicht bündeln kann, findet der andere überhaupt keinen Zugang. Wen Echtzeitstrategie-Spiele langweilen, der wird es schwer haben, in solchen Spielen in den Flow zu kommen. Und wer keine Geduld für Rätsel hat, sollte die Finger von Adventures lassen. Praktisch hilft also vor allem eines: spielen, spielen, spielen. Verschiedene Genres, Games und Schwierigkeitsgrade ausprobieren, um herauszufinden, wo die eigenen Präferenzen und Fähigkeiten liegen. Welche Spielsituationen einen optimal fordern.

Die Beschäftigung mit Flow ist so auch eine Lektion in Selbstachtsamkeit: Um zu wissen, wo und wie man Flow-Zustände in Spielen erreicht, muss man wissen, wer man ist.