Gaming-Szene im Umbruch "Wir haben ja genug Kerle, die zocken"

Gamer, die sich beim Spielen filmen, haben ein Millionenpublikum gefunden. Doch andere YouTube-Formate sind längst angesagter. Was tun, wenn Stars und Fans älter werden?

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Aus Krefeld berichtet


Hinter den Kulissen geht es bei "Friendly Fire II" ähnlich chaotisch zu wie vor der Kamera. Erik Range alias Gronkh, der Mann mit über vier Millionen Abos auf YouTube, sucht nach einem Lappen und einem Mülleimer, weil er für die Kamera "ein bisschen gesabbert" hat. Und ständig ruft jemand "Mikkel?", weil PietSmiet-Chefredakteur Mikkel Robrahn der einzige zu sein scheint, der weiß, wie es weitergeht.

Zwölf Stunden lang haben elf YouTuber ab Samstagnachmittag live-gestreamt, unter anderem zu Gunsten des Bundesverbands Deutsche Tafel. Es wurden Video- und Partyspiele gespielt, Gesichter geschminkt und Haare gefärbt und geschnitten. Zeitweise wollten sich das über 90.000 Zuschauer gleichzeitig anschauen. Und es dauerte kaum 20 Minuten, da hatte die Elferrunde 20.000 Euro eingespielt.

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"Friendly Fire II": So ging es 2016 in Krefeld zu

300.000 Euro kamen letztlich bis zum frühen Sonntagmorgen bei "Friendly Fire II" zusammen, als Mix aus Zuschauerspenden und Sponsorengeldern. Und erst wenige Tage zuvor hatten andere YouTuber wie LeFloid und die Space Frogs bei einem Stream namens "Loot für die Welt 3" 170.000 Euro für einen guten Zweck gesammelt.

Eine Szene im Wandel

Kein Vergleich zu den Millionen-Spendengalas im Fernsehen, und doch zeigen die Erfolge beider Projekte, wie beliebt YouTuber und im Fall von "Friendly Fire" vor allem Let's-Player in Deutschland sind, also Videomacher, die sich beim Spielen filmen. Was vor fünf, sechs Jahren ein neues Phänomen war, hat sich gemausert. Nicht ohne Grund bieten heute beispielsweise Spielekonsolen die Möglichkeit, das eigene Spielerlebnis automatisch und unkompliziert mit aller Welt zu teilen, mit Funktionen wie "Live von der Playstation".

Doch YouTube befindet sich im Wandel. Gaming-Videos sind eine Konstante auf der Plattform, Trend der Stunde sind sie aber schon lange nicht mehr - diesen Platz nehmen mittlerweile Pranks und Challenges ein. Ebenso ist das Interesse an Personality-Videos groß, an Clips, die sich nicht um konkrete Inhalte wie etwa Videospiele drehen, sondern um die Personen, die sich in den Videos selbst inszenieren oder lächerlich machen.

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Bekannte deutsche YouTuber: 26 Stars aus dem Internet

Kommentierte Spielvideos seien "nicht unbedingt der intellektuelle Abschluss des Morgenlandes", hat Gronkh gesagt - da kann man sich denken, was er als Plattform-Urgestein von Selbstversuchen wie "Baden in 40 Kilogramm Nutella" oder Schauspiel-Versuchen wie "Dagi Bee geht fremd! Prank" hält. "Bei manchen populären Inhalten auf YouTube weiß ich nicht einmal mehr, ob die nicht gegen Gesetze verstoßen - ganz abgesehen vom guten Geschmack", sagte Gronkh kürzlich im SPIEGEL-ONLINE-Interview.

"Je lauter, je schriller etwas ist, am besten noch mit vielen Schimpfwörtern, desto besser läuft es", kommentiert "Friendly Fire"-Teilnehmer Florian Heider, der sich als "Der Heider" satirisch mit YouTube-Formaten auseinandersetzt, die aktuellen Video-Trends. YouTube sei in der Mitte der Gesellschaft angekommen, daher gebe es "wie bei RTL Leute, die mit Dummheit beschallt werden wollen."

"In fünf Jahren im Dschungelcamp"

Heider glaubt allerdings, dass die Spielevideos gegen Clips mit weniger Inhalt bestehen werden: "Asi-YouTuber" haben seiner Meinung nach das Problem, dass ihre Zielgruppe altert. Sie hätten daher vielleicht zwei, drei Jahre massiven Erfolg, sagt er, "dann interessieren die aber niemanden mehr. Die landen dann in fünf, sechs Jahren mit 60.000 Euro Schulden im Dschungelcamp".

YouTuber Heider
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YouTuber Heider

Gute Gaming-Inhalte dagegen seien vergleichsweise zeitlos. "Gronkh zum Beispiel ist für mich - positiv gemeint - ein Märchenonkel", sagt Heider. "Der erzählt toll, hat eine tolle Stimme. Das ist fast wie ein Hörspiel." Entsprechend gut könne man dessen Videos nebenbei laufen lassen - was bei manch anderen Inhalten kaum denkbar ist.

Doch Gaming-Video ist nicht gleich Gaming-Video. Die Clips von PietSmiet etwa sind lauter, vulgärer als die von Gronkh, erreichen aber über zwei Millionen Abonnenten. "Sie kennen sich bereits seit der Kindheit und eigentlich sind sie auch Kind geblieben", beginnt das YouTube-Vorstellungsvideo der Fünfer-Clique, die zum Beispiel "Minecraft" und "Mario Kart" spielt. Und im PietSmiet-Buch "Total verzockt", das es im Herbst auf Platz neun der (Taschen-)Sachbücher schaffte, heißt es: "Die Nutten klicken unsere Videos erst, wenn ordentlich Beef drinsteckt."

Das klassische Let's-Play wird seltener

PietSmiet-Gründer Peter Smits sagt, für die Videos mit den Kollegen zusammenzukommen, sei wie die Rückkehr in eine Heimatstadt, in der man Jahre nicht mehr gelebt hat, in der man aber auf den alten Freundeskreis trifft: "Da fällt man in alte Verhaltensmuster, in die eigene Jugend zurück." Da fallen dann auch schon mal Begriffe wie "Fotzengesicht" und "Hurenkind", die auch im Taschenbuch zitiert werden.

Doch auch wenn PietSmiet klingen wie früher, hat sich auch ihr Alltag verändert. So ist die Clique dabei, sich weitgehend von klassischen Singleplayer-Let's-Plays zu verabschieden, also von Videos, in denen jemand allein ein Spiel von vorn bis hinten stückweise durchspielt.

Videomacher Smits
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Videomacher Smits

Das Interesse der Zuschauer an solchen Clips sinke, sagt Peter Smits, dessen Team seinen Video-Output zuletzt drastisch reduziert hat, auf vier Aufnahmen pro Tag. Aber auch die PietSmiet-Mitglieder selbst hätten mehr Spaß an Multiplayer-Runden, klassische Let's-Play habe man ja lange genug gemacht. Zudem sei die Lage auf YouTube anders als etwa noch 2011, als Smits mit Videos zu "Eve Online" bekannter wurde.

Nach wie vor wenige Frauen

Es habe eine "Überschwemmung des Marktes" gegeben, resümiert Smits. "Es gab die Situation, dass es immer, wenn ein neues Spiel herauskam, 25 große Let's-Plays dazu auf YouTube gab." Die Hersteller der Spiele mag das gefreut haben. Die Zuschauer jedoch waren mitunter übersättigt - und die einzelnen YouTuber verdienten auch weniger, als zu Zeiten mit weniger Konkurrenz.

Junge Männer, die neue Spiele spielen, gibt es mittlerweile zuhauf, bekannte Frauen dagegen nach wie vor wenige: "Das ist ein klassisches Gender-Ding", glaubt Peter Smits. "Es gibt ja auch weniger männliche Beauty-YouTuber." Es seien wohl schlicht viel, viel mehr Männer wie die PietSmiet-Mitglieder "Hardcore-Spieler".

Smits sieht für Gamerinnen aber Chancen, sich im Markt zu etablieren: "Ich glaube, dass eine Frau es theoretisch sogar ein Stück weit einfacher hätte als Männer", sagt er. "Allein, weil es eine Abwechslung ist. Wir haben ja genug Kerle, die zocken."

Videomacher und Zuschauer werden älter

Egal ob Kerle oder Frauen - für alle herausfordernd ist das Altern. Sowohl das der Videomacher, die sich mit der Zeit vielleicht neue Aufgaben wünschen - wie das ehemalige PietSmiet-Mitglied Hardi -, aber auch das der Fans. "Früher war der Großteil unserer Zuschauer 14 bis 18", sagt Peter Smits, "mittlerweile ist der Großteil eher 18 bis 25." Die Folge sei, dass die Leute oft weniger Freizeit hätten, sie würden daher wohl eher zwei YouTube-Videos pro Tag schauen als wie früher einmal 20.

Die Frage, ob Spielevideos noch - oder wieder - auf YouTube am besten aufgehoben sind, polarisiert derzeit die Let's-Play-Szene. Googles Tochter-Plattform steht in Konkurrenz zu Twitch, das als Alternative fürs Liveübertragungen groß wurde und mittlerweile zu Amazon gehört. Die Plattformen nähern sich an, YouTube etwa bietet neuerdings eine Gaming-App und setzt stärker auf Spiele-Livestreams. Und mit den "Rocket Beans" ist erst im September der vielleicht bekannteste deutsche Twitch-Kanal zu YouTube gewechselt.

Duell der Plattformen

Während die Plattformen um Aushängeschilder buhlen - Smits spricht von einem "riesigen Kampf zwischen den Unternehmen" -, überlegen einige Videomacher, ob sie ihre Inhalte vielleicht nicht ganz woanders hochladen sollten. Auf einer eigenen Website könnte man sich selbst um die Vermarktung kümmern und kann hochladen, was und wieviel man will, ohne sich Sorgen um einen Algorithmus machen zu müssen, der mitunter stark über den Erfolg von Videos entscheidet.

Ein solcher Schritt, hin zu mehr Unabhängigkeit und im Idealfall mehr Werbegeld, ist aber sogar für die bekanntesten Videomacher ein Wagnis. "Wir könnten nicht alle unsere Videos von heute auf morgen auf unsere Internetseite machen", sagt Peter Smits. "Die Leute würden sich dann schnell Alternativen suchen."

Aus diesem Grund fangen PietSmiet vorsichtig an: Auf ihre Website mit eigenem Videoplayer stellen sie vorerst nur ein zusätzliches Video pro Tag. Ein Experiment, das sicher auch andere YouTuber aufmerksam verfolgen - denn auch sie wollen noch lange von ihrer Arbeit leben können.



insgesamt 18 Beiträge
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Seite 1
seniorenzocken 04.12.2016
1. Genug von Kerlen…:)
https://www.youtube.com/watch?v=2V_y_nywzoM
darksystem 04.12.2016
2.
Zitat von seniorenzockenhttps://www.youtube.com/watch?v=2V_y_nywzoM
Oh wie herrlich. Ich hoffe allerdings das den Damen und Herren bewusst ist das sie damit die "junge" Generation sehr amüsieren und das bewusst aus dem Grund tun... Ansonsten find ich das, zumindest, nicht nett.
t-gaer 04.12.2016
3.
Ich verstehe irgendwie nicht, was die haben? Ist nicht sonderlich spannend, jemand anders beim Spielen zuzuschauen, wenn man sich das Spiel auch selbst kaufen kann. Let's plays sind nett, um einen Eindruck für eine Kaufentscheidung zu bekommen, mehr aber auch nicht.
d.michaels 04.12.2016
4.
" Ist nicht sonderlich spannend, jemand anders beim Spielen zuzuschauen, wenn man sich das Spiel auch selbst kaufen kann." Naja, für den einen mag es stimmen, jedoch müsste man sich dann auch fragen, weshalb Fussball von so vielen Menschen geschaut wird. Ich kann mir ja auch mit ein paar Freunden einen Ball schnappen und auf der Wiese kicken gehen. YouTube und Onlinevideos, bspw. Twitch mit Livestreams, ersetzen immer mehr das eigentliche Fernsehprogramm. Natürlich nicht von jetzt auf gleich, aber die Menschen die mit YouTube groß werden, schauen in der Zukunft nicht mehr so viel Fernsehen wie die heutige Erwachsende Generation. Sicher ist das natürlich nicht, aber der Trend ist da.
theos001 04.12.2016
5.
Zitat von t-gaerIch verstehe irgendwie nicht, was die haben? Ist nicht sonderlich spannend, jemand anders beim Spielen zuzuschauen, wenn man sich das Spiel auch selbst kaufen kann. Let's plays sind nett, um einen Eindruck für eine Kaufentscheidung zu bekommen, mehr aber auch nicht.
Es ist durchaus spannend zuzusehen wie ein anderer Spieler die gleiche Aufgabe angeht. Das erweitert auch den eigenen Horizont. "...das spiel auch selbst kaufen kann." Als es mit LPs losging war das durchschnittsalter der Zielgruppe jünger als heute. Kinder können sich nicht einfach Titel im Preissegment von 40, 50, 60€ oder mehr kaufen, da haben ihre Eltern noch ein Wörtchen mitzureden. Ganz zu schweigen von der stetig wachsenden Performance die der heimische Rechner/die Konsole leisten muss. Da werden die Eltern nur wegen eines Spiels sicher nicht jedes Jahr die neuste Technik hinstellen. Das Durschnittsalter heute liegt schon im Erwachsenen alter. Menschen die arbeiten müssen und weniger Zeit für privates wie z.b. Spiele haben. Wenn ich keine Zeit erübrigen kann um mich einem Spiel wirklich zu widmen....wozu es dann kaufen? LPs erfüllen einen guten Zweck in der Gesellschaft, deshalb sind sie so beliebt, mein Freund. Schließe bitte nicht von deiner Situation auf andere. Weil es dir möglich ist Spiele zu kaufen und auch ausgiebig spielen zu können, heisst das noch lange nicht das das für alle gilt.
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