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Game-Clown Tim Schafer "Heavy Metal hat etwas Urkomisches"

Tim Schafer ist der König des Game-Witzes, arbeitete an Klassikern wie "Monkey Island". Mit dem Videospiel "Brütal Legend" hat er nun Heavy-Metal-Comedy produziert - mit Jack Black als Held und Altstars wie Ozzy Osbourne. Im Interview erklärt er, was Humor mit Haaren und feuerspeienden Katzen zu tun hat.

SPIEGEL ONLINE: Frank Zappa hat mal ein Album gemacht, das "Does Humour belong in Music" heißt. Gehört Humor in Videospiele? Schaut man sich den Markt an, sieht es eher nicht danach aus.

Tim Schafer: Die Branche setzt stark auf Nachahmung. Sie folgt dem, was in der Vergangenheit Erfolg hatte. Wir brauchen also nur einen großen Hit - ein erfolgreiches Spiel, das auf Humor setzt, und dann werden das alle wieder nachmachen. Es gibt jetzt schon Humor in Spielen, kleine Stückchen hie und da, aber kaum Spiele, die explizit als Comedy gelten. Selbst "Brütal Legend" ist kein Comedy-Spiel im engeren Sinn, es ist lustig und das Setting ist ziemlich lächerlich, aber es ist keine Slapstick-Komik.

SPIEGEL ONLINE: War es schwer, einen Games-Manager zu überzeugen, Ihnen Geld für ein lustiges Spiel zu geben?

Schafer: Uns hat nie ein Manager unter Druck gesetzt, ein Spiel weniger lustig zu machen. Es gab schon Druck, Dinge zu ändern - zum Beispiel sagten viele Herausgeber am Anfang über "Brütal Legend": "Das gefällt uns, aber könnt ihr nicht eine andere, erfolgreichere Musikrichtung nehmen, HipHop oder Country & Western?" Das war 2005, als das erste "Guitar Hero" gerade herauskam - damals wollte niemand über Rock oder Metal reden. Aber niemand hat jemals gesagt: "Macht es weniger lustig."

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Brütal Legend: Gitarren-Comedy mit Ozzy und Lemmy

SPIEGEL ONLINE: Man könnte sagen, dass Sie mit Heavy Metal die vielleicht am wenigsten humorvolle Musikrichtung von allen ausgewählt haben für Ihr Spiel.

Schafer: Finden Sie? Ich finde, Heavy Metal hat etwas Urkomisches. Das dachte ich vielleicht mit 14 noch nicht. Als Teenager habe ich das sehr ernst genommen, ich dachte, hier geht es um Gut gegen Böse, um Düsternis, Wahnsinn, Entfremdung. Das passt zur "teenage angst". Deshalb wenden sich viele Leute von Heavy Metal ab, wenn sie ein gewisses Alter erreichen, 18 ungefähr. Weil es eben ziemlich lächerlich ist. Sie wissen schon: Manowar. Solche Bands übertreiben es einfach. Aber später, wenn man noch älter wird, kapiert man, dass das Lächerliche gut ist, weil es einfach ungehemmte Begeisterung und Überschwang ausdrückt. Das hat Unterhaltungswert, man kann sich entspannen und sich an der Musik freuen - großartig und lächerlich zugleich.

SPIEGEL ONLINE: Im Spiel kommt Ozzy Osbourne als Figur vor - sonst noch irgendwelche alternden Metal-Stars?

Schafer: Wir haben Lita Ford, die Queen of Heavy Metal, wir haben Rob Halford von Judas Priest. Rob hat eine so kraftvolle Stimme, also hat er mit seinem Falsett General Lionwhyte synchronisiert, den Anführer der Hair-Metal-Miliz. Die Hair-Metal-Fraktion legt großen Wert auf Shampoo und dergleichen. Lionwhyte hat so phantastisches Haar, dass er darauf herumfliegen kann. Rob war so komisch - er hat einen natürlichen, trockenen Humor - dass wir sogar noch eine Figur für ihn geschrieben haben. Jetzt führt er auch noch eine Biker-Gang namens "Fire Barons". Da sieht er dann aus wie Rob Halford 1982, fährt in Ledermontur auf einem Chopper herum. Wir haben auch noch Lemmy Kilmister von Motörhead - er spielt den Killmaster, einen Typen, der so gut Bass spielt, dass er damit Kranke und Verwundete heilen kann. Es war phantastisch, diese Leute zu treffen. Hätte ich mit vierzehn eine Liste aller Menschen gemacht, die ich unbedingt mal treffen will - das wäre sie gewesen.

SPIEGEL ONLINE: War es denn schwer, Musiker zu überreden, bei einem Spiel mitzumachen, das sich scheinbar über ihre Musik lustig macht?

Schafer: Weil es sich eben nicht wirklich darüber lustig macht, konnten sie sehen, dass es eher eine liebevolle Hommage ist. Das Spiel ist mein Liebesbrief an den Heavy Metal. Weil ich ihn wirklich liebe und alles was mit ihm zusammenhängt. Wenn Sie zum Beispiel einen Typen sehen, der ein Gitarrensolo mitten auf einem Schlachtfeld spielt, umgeben von einer feuerspeienden Katze, und vorbei fährt ein Hot-Rod mit Stacheln vorne drauf. Sie können darüber lachen, aber es ist auch ziemlich cool. Außerdem: Als wir Jack Black an Bord hatten und Ozzy, konnte einfach jeder sehen, dass es das Heavy-Metal-Spiel werden würde.

SPIEGEL ONLINE: Jack Black hat ein paar ziemlich komische Texte, so bekommt man natürlich Witz in ein Spiel. Aber kann das Gameplay selbst auch komisch sein?

Schafer: Ja. Zum Beispiel die Tatsache, dass man bestimmte Dinge tun kann - im Multiplayer-Modus müssen sie losziehen und Fans für sich gewinnen. Rock lebt ja von den Fans, man braucht ihre Energie, um eine phantastische Show zu liefern. Im Spiel trifft das auch funktional zu, weil sie ihre Fans dort als Ressource brauchen, man muss sie ernten und zu seiner Bühne holen und dort gegen Krieger eintauschen, die man dann auf Schlachtfeld schickt. Ein Gitarrensolo mitten zwischen den Fans, das ist komisch. Oder wenn General Lionwhyte auf seinem Haar herumfliegt, visuelle Gags eben. Dann gibt es eine Figur, die einen riesigen überdehnten Bauch voller Ratten hat. Er spaziert übers Schlachtfeld und spuckt Ratten aus, die dann seine Feinde angreifen. Man kann in seinen Magen hinabtauchen und dann wieder herauskommen und die Ratten selbst kontrollieren. Taten zählen mehr als Worte, man sollte zeigen, nicht erzählen.

SPIEGEL ONLINE: Brauchen Spiele eine andere Art von Humor? Interaktiven Witz?

Schafer: Ich glaube nicht. Das Problem ist eher, das die Vermarktung vieler Spiele bisher auf die aggressivste Seite männlicher Teenager zielt. In etwa nach dem Motto: "Wenn Ihr Teenager-Jungs ansprechen wollt, müsst ihr es so finster wie möglich machen, rau, zornig, hasserfüllt und so weiter." Aber es wollen nicht nur männliche Teenager spielen. Es gibt auch Leute, die fröhliche Unterhaltung mögen, die Spaß haben wollen, sich nicht durch diese finsteren Erfahrungen quälen. Aber es ist eben leichter, düster und furchteinflößend zu sein, in der Hoffnung, mehr Leute anzusprechen, als fröhlich zu sein und zu fürchten, damit unterzugehen.

SPIEGEL ONLINE: Also hält Angst die Branche davon ab, witzig zu sein?

Schafer: Es gibt in der Branche eine Menge lustiger Leute. Aber vielleicht ist Humor nicht universell genug.

SPIEGEL ONLINE: Werden Spieler in Korea oder Japan "Brütal Legend" mögen?

Schafer: Es ist schon was dran, dass etwa Actionfilme im Ausland gut ankommen, weil Action überall verständlich ist. Unser Spiel ist ja auch ein Actionspiel. Der Humor hält die Sache nicht am Laufen, er ist nur ein Element, der sie unterhaltsamer macht. Vielleicht wird den Koreanern der eher strategische Multiplayer-Modus gefallen, den ganzen verrückten "Starcraft"-Fans dort. Aber das ist ein großes Rätsel. Ich war nie dort, ich habe auch niemanden nach Japan oder Korea geschickt deshalb. Andererseits hätte ich auch nie gedacht, dass unsere Art Comedy in Europa funktionieren würde.

SPIEGEL ONLINE: Tat sie aber doch?

Schafer: Im alten LucasArts-Adventure "Day of the Tentacle" zum Beispiel hatten wir diese ganzen Witze und Rätsel, die sich alle auf die amerikanische Geschichte beziehen, mit Benjamin Franklin und George Washington. Man musste zum Beispiel ein Flugblatt in eine Box mit Vorschlägen für die US-Verfassung stecken, auf dem Stand, "jeder amerikanische Haushalt sollte einen Staubsauger haben", und im Zukunftsteil des Spiels erschien dann ein Staubsauger, den man brauchte - das ist mal ein Beispiel für Gameplay als Comedy. Wir dachten: "Wie verkaufen wir das in Deutschland oder Frankreich?" Am Ende verkaufte sich das Spiel in Europa besser als in den USA. Bestimmte Arten von Humor übertragen sich also offenbar. Ob das jetzt davon abhängt, ob sich ein Land für Kultur interessiert, ob die Witze auf physischer oder visueller Comedy basieren - keine Ahnung, woran es liegt.

SPIEGEL ONLINE: Es gibt seit ein paar Monaten ein Remake ihres Klassikers "The Secret of Monkey Island", das sich als Downloadspiel für die Xbox 360 ziemlich gut verkauft. Kann es die lustigen Spiele zurück in den Markt bringen?

Schafer: Das hängt davon ab, wie gut es tatsächlich läuft. Es geht auch um die Frage, ob sich die Leute trauen, ob sie glauben, sie könnten das selbst auch. Comedy ist ziemlich einschüchternd. Es ist ein großes Risiko, einen Witz zu machen - denn wenn er nicht lustig ist, ist das viel schlimmer. Wenn man Action zu 80 Prozent hinkriegt, ist es immer noch Action. Wenn man Comedy nicht hundertprozentig hinkriegt, ist es keine Comedy mehr - sondern gar nichts.

Das Interview führte Christian Stöcker
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