Games-Schnäppchen bei Steam und Co. Verramschen? Lohnt sich!

80 Prozent Rabatt bei Steam, ein Dollar für vier Spiele im Paket: Online stößt man ständig auf aberwitzig günstige Games. Warum entscheiden sich Entwickler, ihre Spiele auch mal zum Schleuderpreis zu verticken?
Szene aus "Mittelerde: Mordors Schatten": Das Spiel von 2014 gab es kürzlich für 3,99 Euro im Summer Sale von Steam

Szene aus "Mittelerde: Mordors Schatten": Das Spiel von 2014 gab es kürzlich für 3,99 Euro im Summer Sale von Steam

Foto: Warner Interactive
Aus der Mini-Serie "Was ist ein Spiel wert?"

Videospiele unterhalten mal Stunden, mal Jahre: Doch was sind sie Gamern wert? In zunächst drei Folgen widmen wir uns jeweils einer Frage rund um Spielepreise.

Dies ist Folge eins. In Folge zwei wird es um die Grenze zwischen akzeptablen Angeboten und Abzocke gehen (samt Meinungen der SPIEGEL-ONLINE-Leser), in Folge drei um die Chancen von Spiele-Flatrates.

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Kaufe ich mir ein Hörnchen Eis oder ein neues Spiel? Für Gaming-Fans stellen sich solche Fragen im Sommer durchaus. Denn viel mehr als zwei oder drei Kugeln Eis kostet manches vollwertige Computerspiel nicht, wenn man den richtigen Zeitpunkt abpasst. Bei Steam  etwa, dem wichtigsten Digitalhändler für PC-Games, gab es "Grim Fandango Remastered" kürzlich für drei statt sonst 15 Euro, dazu "Mittelerde: Mordors Schatten" für vier Euro statt zuletzt 20 und vor zwei Jahren noch 60 Euro.

Das Konkurrenzportal GOG  hatte fast zeitgleich "The Witcher" für 1,39 Euro im Angebot und auch "The Witcher 3", das neueste Spiel der Reihe, kostete mit 24,99 Euro nur die Hälfte vom Ursprungspreis. Und beim Humble Bundle  bekam im August, wer auch nur einen Dollar investierte, gleich vier Spiele, darunter "Risen 3: Titan Lords".

Logos von Spiele-Sales

Logos von Spiele-Sales

Foto: Steam/ GOG/ Humble Bundle

Diese Rabatte laden zum Kaufen ein, mancher Gamer dürfte längst mehr Spiele haben, als er je durchspielen kann.

Doch lohnt sich die Rabattschlacht auch für die Hersteller? Wie kommt es, dass sich nicht nur viele kleine Studios entscheiden, ihre Titel auch mal zu Ramschpreisen anzubieten, sondern auch große Hersteller?

Eine Branche im Wandel

Entscheidend ist die voranschreitende Digitalisierung des Spielemarkts, die auch den Konkurrenzkampf verschärft: Spiele sind leichter zugänglich denn je, die Hürde für den Kauf ist meist nur ein Klick - und die Hersteller können die Preise eines Spiels einfacher anpassen als früher. So sind sie auch bei Sonderangeboten flexibler.

Dienste wie GOG sorgen derweil dafür, dass auch viele Klassiker legal und zum Schnäppchenpreis wieder erhältlich sind. Und App-Stores für Smartphone- und Tablet-Spiele kommen mit Gratis- oder 99-Cent-Minispielen daher, die selbst PC-Neuheiten für 20 oder 30 Euro teuer wirken lassen.

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Foto: Rockstar Games

Spielepakete ab einem Cent

Ihren Anteil am Preiskampf haben aber auch neue, originelle Vertriebsmodelle, die es so nur im Internet gibt. "Uns war aufgefallen, wie gut zeitlich begrenzte Spieleverkäufe ankommen", erzählt Mitgründer John Graham über die Anfänge seiner Firma Humble Bundle, deren Name längst nicht mehr nur Spielefans ein Begriff ist. Seit 2010 bietet Graham nun temporär Bundles an, Spielesammlungen.

Die Humble Bundles hätten Indie-Entwicklern geholfen, mit ihren Titeln Millionen Spielefans zu erreichen, schrieb "Forbes" 2014 , als das Magazin Graham zu den wichtigsten unter 30-Jährigen seiner Branche zählte. Doch Grahams Einfluss geht längst über die kleinen Studios hinaus: Auch weltbekannte Firmen wie Electronic Arts, Square Enix oder aktuell Deep Silver  konnte er schon überzeugen, mehr oder wenige frische Blockbuster für sein Paket freizugeben.

Besonders macht das Humble Bundle vor allem sein flexibler Preis. Was sie für das jeweils aktuelle Paket ausgeben, können Käufer frei entscheiden, der Mindestbetrag für eine Handvoll Spiele beträgt meistens einen Cent oder einen Dollar. Und wer bereit ist, mehr zu zahlen als den Durchschnittspreis, der bekommt auch noch weitere, mitunter hochwertigere Games dazu.

Das Geld, das so beim Humble Bundle ankommt, geht in der Regel anteilig an die Entwickler, an wohltägige Zwecke und an die Shopbetreiber; manchmal wird es auch komplett gespendet . Was nach einem risikoreichen Modell klingt, funktioniert in der Praxis offenbar sehr gut, nicht jeder Gamer zahlt nur den Minimalbetrag: Grahams Team ist mittlerweile 60-köpfig, und erst dieses Frühjahr gab der Mitgründer bekannt, dass seine Bundles allein für wohltätige Zwecke schon mehr als 95 Millionen Dollar eingespielt hätten .

Der Sale als zweite Chance

Noch größer als beim Humble Bundle sind die Umsätze aber beim Steam Sale, einer Rabattaktion beim wichtigsten Computerspiel-Digitalhändler, wo es unter anderem im Sommer und Winter spezielle Angebotswochen gibt, zusätzlich zu den sonstigen Tages- oder Wochenend-Deals auf der Website.

Der Druck bei den großen Steam Sales mitzumachen, sei hoch, erzählen einem deutsche Entwickler. Dabei gehe es auch um Sichtbarkeit: Wenn mehr Spieler als sonst den Marktplatz durchstöbern, habe man mit einem guten Angebot eine bessere Chance, dass das eigene Produkt in der Masse überhaupt entdeckt wird.

Im Grunde ist eine Rabattaktion also auch eine Alternative zu einer Werbekampagne: Wer sein Spiel verramscht, sichert ihm Aufmerksamkeit. Und wenn ein Spiel schon mehrere Jahre alt ist und sich eigentlich kaum noch verkauft, hat man ohnehin nicht viel zu verlieren.

Bei neueren Spielen dagegen ist eine Sale-Aktion manchmal auch eine Art zweite Chance, da das Spiel erneut prominent im Shop platziert wird - das kann helfen, wenn die Verkäufe in den Release-Tagen hinter den Erwartungen zurückblieben.

Ein Kampfpreis kann aber auch aus anderen Gründen Sinn ergeben: etwa, um einen Titel unter die Spieler zu bekommen, wobei das Studio in Wirklichkeit eher auf langfristige Umsätze durch In-App-Käufe hofft. Oder wenn die Entwickler die Neugier der Spieler auf ein kommendes Spiel wecken wollen: Im letzten Steam Sale bekam man "Mordors Schatten" wohl nur so günstig, weil diesen Herbst eine Fortsetzung ansteht (die in Spieleforen gerade wegen optionaler Mikrotransaktionen kritisiert wird ).

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Foto: Electronic Arts

Ein erfolgreicher Sale macht viel aus

Sowohl von Entwicklern wie Shop-Betreibern hört man, dass von außen oft unterschätzt werde, wie viel eine erfolgreiche Rabattaktion bringt. Die täglichen Verkäufe eines Spieles würden, wenn die Ersparnis und damit meist auch das Interesse hoch ist, nicht etwa nur verdoppelt: Auch eine Verzehnfachung der Verkäufe oder mehr sei drin, heißt es, sodass unterm Strich selbst ein Rabatt von 70 oder 80 Prozent dazu führen kann, dass die Entwickler ordentlich und vor allem schnell Geld machen.

Dabei hilft es natürlich, dass bei Digitalverkäufen - außer bei Online-Spielen -, für das Studio praktisch keine Zusatzkosten anfallen, egal, wie oft das Spiel über die virtuelle Ladentheke geht.

Die finanziellen Einsätze sind bei vielen Spielestudios und Publishern über die Jahre drastisch gestiegen: Ein Spiel zu entwickeln, kostet heute schnell eine Million Euro, bei Blockbustern landet man im Bereich von 30, 40, 50 Millionen Euro, plus Marketing . Dieses Geld lässt sich dann ab einem bestimmten Punkt noch am ehesten durch massenhafte Verkäufe reinholen, zumal vom Endpreis jeweils noch die Mehrwertsteuer und dann noch der Anteil der Handelsplattform abgeht - bei Steam zum Beispiel beträgt dieser in der Regel 30 Prozent.

Was kommt nach dem Rabatt?

Aber sind Spiele nicht schnell als Digitalramsch gebrandmarkt, wenn sie einmal billig verkauft wurden? Nein, meint John Graham. Beim Humble Bundle habe man immer wieder erfahren, dass die Verkäufe bestimmter Spiele gleich blieben oder sogar dramatisch stiegen, nachdem sie im Paket angeboten wurden.

"Das liegt wohl daran, dass Leute Freunden beim Spielen zusehen und das Spiel dann auch wollen", sagt Graham. Besonders bei Multiplayer-Spielen sei dieser Effekt feststellbar: "Du machst die Dinge zum Trend und aufregend, sodass sie jeder haben will."

Spiele seien fast immer Impulskäufe, meint John Graham, und seiner Einschätzung nach haben nur wenige Gamer einen Überblick, wann und wo ein Spiel mal im Angebot war. Auch Lukasz Kukawski, PR-Manager bei GOG, ist sich sicher: "Zwei Wochen Summer Sale machen nicht alle künftigen Verkäufe kaputt."

Warten auf den nächsten Niedrigpreis

Ein wenig Marktbeobachtung scheinen Gamer aber durchaus zu betreiben: So berichten Spielefirmen etwa, dass die Verkäufe ihrer Titel zumindest kurz vor absehbaren Sales wie den Steam-Aktionen im Winter und Sommer zurückgehen - die Interessenten spekulieren dann auf kommende Rabatte.

Relativ einig ist man sich in der Branche auch, dass es in Zeiten der Sales und Sonderaktionen eine Herausforderung ist, Spieler zum Ausgeben von gleich 50 oder 60 Euro zu bewegen - gerade im PC-Bereich, wo die Spielepreise stärker schwanken als auf Konsolen. Ein Stück weit hätten die Studios selbst die Preise zerstört, sagt jemand aus der deutschen Branche. "Bei manchem neuem Spiel ist die Richtmarke: halbes Jahr warten, halber Preis."

Unterm Strich scheint die Rabattkultur für die Spielefirmen also Fluch wie Segen zu sein: Die Studios stehen unter einem gewissen Druck, ihre Spiele von Zeit zu Zeit günstiger anzubieten, dafür können sie in jenem Zeitraum auf deutlich höhere Verkaufszahlen hoffen - von denen profitieren dann auch die Shopbetreiber, die an den Umsätzen beteiligt sind. Eine Win-win-Situation, wenn alles gut läuft.

Und dann kann sich natürlich noch jemand über die ständigen Online-Schnäppchen freuen: Die Spieler, die wohl noch nie für so wenig Geld so viel legal spielen konnten.


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