Interview zu Spielenamen "No Man's Sky? Das kann alles sein"

Das jüngste "Doom" hieß einfach "Doom", auf Teil drei und vier folgt "Battlefield 1". Was macht einen guten Videospielnamen aus? Der PR-Fachmann Thomas Reisenegger über originelle, mutige und komplizierte Namen.
"No Man's Sky"

"No Man's Sky"

Foto: Hello Games

Jedes Jahr kommen Tausende neue Videospiele auf den Markt: Computer- und Konsolenspiele, aber auch Apps für Smartphones oder Tablets. Von vielen Spielen bekommt man überhaupt nichts mit. Andere wie der "Goat Simulator" setzen sich im Gedächtnis fest, weil sie ein ungewöhnliches Spielprinzip, aber auch einen lustigen Namen haben.

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Doch was macht einen guten Spieletitel aus - und wie wichtig ist er für den Erfolg einer Neuerscheinung? Auf der Entwicklerkonferenz GDC Europe im Vorfeld der Gamescom haben wir darüber mit dem PR-Experten Thomas Reisenegger gesprochen.

Zur Person

Thomas Reisenegger, 27, arbeitet im englischen Brighton für ICO Partners, eine auf Games-Marketing spezialisierte Firma. Bevor er vor vier Jahren in die PR wechselte, war Reisenegger freiberuflicher Spielejournalist. Aktuell macht der Österreicher unter anderem PR für das Online-Spiel "Smite", er war auch schon für "League of Legends" verantwortlich. Seine Lieblingsspiele sind "Persona 4", "The Legend of Zelda: Ocarina of Time" und "Goat Simulator".

SPIEGEL ONLINE: Herr Reisenegger, ist "Pokémon Go" eigentlich ein guter Spielename?

Reisenegger: Das ist ein super Name. Er lässt ja sogar erahnen, dass das Spiel mit Laufen zu tun hat. Etwas tricky ist, dass die Spielefirma Square Enix ihre Mobilspiele immer mit "Go" betitelt, etwa "Lara Croft Go". Aber "Pokémon" ist als Marke so bekannt, da konnte sich Niantic die Namensverwandtschaft erlauben.

SPIEGEL ONLINE: Das aktuelle "Doom" heißt einfach "Doom".

Reisenegger: So ein Namens-Reboot ist immer mutig. Lästig ist der Titel vielleicht, wenn ihn jemand googelt und er dann immer sowohl das alte als auch das neue Spiel als Ergebnis angezeigt bekommt. Aber schlicht "Doom" finde ich stilvoll und es ist ein großes Statement, wieder den Originalnamen zu verwenden. Wenn man sagt "Das ist jetzt DAS 'Doom' und nicht 'Doom 4: Irgendwas'."

SPIEGEL ONLINE: Wie gefällt Ihnen "Battlefield 1"?

Reisenegger: Ich bin kein Fan dieses Titels. Eine 1 in den neusten Titel der Reihe zu packen, ist ein mutiger Schritt. Der Name ist zwar kurz und bündig, und man weiß, um was es geht. Aber ich persönlich finde auch die Abkürzungen dazu seltsam, wie "One" oder "Bat One".

"Battlefield 1"

"Battlefield 1"

Foto: Electronic Arts

SPIEGEL ONLINE: Und was sagen Sie zu "No Man's Sky"?

Reisenegger: Das kann alles sein, der Name sagt nicht viel aus. Man kann ihn sich zumindest merken. Gut finde ich aber den zugehörigen Slogan "Your Universe Awaits" - der gibt genau wieder, was das Spiel ausmacht. Der reißt das raus.

SPIEGEL ONLINE: Wie schwierig ist es 2016, einen frisch klingenden Titel zu finden?

Reisenegger: Schwierig. Wir haben kürzlich ewig lange über einen Namen für eine Spiel-App gebrainstormt. Dann haben wir uns endlich geeinigt und in den App Store geschaut: Und prompt gab es da jede Menge Spiele, die genauso hießen.

SPIEGEL ONLINE: Ist eine Idee dann tot?

Reisenegger: Nicht unbedingt. Spiele heißen schon mal gleich, es wird viel mit Untertiteln gearbeitet. Und man muss schauen, wie stark die Konkurrenz ist. Wenn das andere Spiel drei, vier Jahre auf dem Markt ist und erst 20 Nutzerreviews bei Steam hat, kann man den Namen vielleicht doch verwenden. Vielleicht ist nur die eigene Wunschdomain schon vergeben.

SPIEGEL ONLINE: Die nächste Veröffentlichung der "Kingdom Hearts"-Reihe heißt "Kingdom Hearts HD 2.8 Final Chapter Prologue". Wie kommt man auf so einen Titel?

Reisenegger: Das weiß auch ich nicht. Immerhin sammeln sie noch ein paar Schlagzeilen, weil der Name so lächerlich ist. Und die Community scheint der seltsame Name nicht zu stören.

SPIEGEL ONLINE: Die Macher des bekannten "Journey" haben ihr neuestes Spiel "Abzû" genannt. Ich scheitere da schon an der Aussprache.

Reisenegger: Der Name funktioniert für mich persönlich nicht gut, den kann ich mir nie merken. Und Namen, die man nicht sofort aussprechen kann, sind ein No-Go, auch wenn sie vielleicht cool klingen.

SPIEGEL ONLINE: Wie sehr beeinflusst der Name den Erfolg eines Spiels?

Reisenegger: Kommt auf die Plattform an. Die großen Blockbuster müssen weniger Wert auf SEO legen, auf Suchmaschinenoptimierung. Die können Namen benutzen, die fancy und cool klingen. Macht man ein Free-to-play-Mobile-Game, dann ist SEO ein riesiger Faktor. Dann ergibt vielleicht auch ein seltsamer Namen Sinn, wie, sagen wir mal "Clash Royale: League of Champions 4". Schlicht, weil nach Spielen wie "Clash of Clans", "Clash Royale" oder "League of Legends" viel gesucht wird.

SPIEGEL ONLINE: Geht solch ein Name nicht in der Masse der Klone unter?

Reisenegger: Das ist immer die Gefahr. Aber wenn man einen Bestsellerabklatsch macht, zielt man schon bewusst darauf ab, der dritte oder vierte bei den Suchergebnissen zu sein. Es ist zum Beispiel üblich, dass Studios Mobile-Games reskinen. Man macht etwa einen "Clash of Clans"-Klon und bringt den dann unter zehn Namen auf den Markt, in der Hoffnung, dass zumindest einer davon prominent im App Store auftaucht.

SPIEGEL ONLINE: Das erklärt die ganzen "Flappy Bird"-Klone, von "Floppy Bird" bis "Flappy 2048"?

Reisenegger: Genau. Bei "Flappy Bird" wollten wir mal auswerten, wie viele Abklatsche es gibt. Da kamen wir mit dem Zählen aber gar nicht mehr hinterher.

SPIEGEL ONLINE: Lohnt sich das Entwickeln solcher Klone?

Reisenegger: Wenn die eigene App das zweite Suchergebnis bei "Flappy Bird" ist, ist man als Entwickler ein gemachter Mann.

SPIEGEL ONLINE: Bei Computer- und Konsolenspielen kommen mir die Spiele und Namen einzigartiger vor.

Reisenegger: Ja, deren Entwickler zielen mehr darauf, dass der Spielname cool klingt. Bei Steam zum Beispiel bekommt jedes Spiel einen gewissen Anteil Gratis-Promotion, da ist es viel leichter, entdeckt zu werden, als etwa in Apples App Store.

SPIEGEL ONLINE: Wie fanden Sie den Titel "The Vanishing of Ethan Carter"?

Reisenegger: Sehr interessant. Der Name klingt für mich eher nach einem Buch, weniger nach einem Videospiel. Zum Spiel passte der aber perfekt.

"The Vanishing of Ethan Carter"

"The Vanishing of Ethan Carter"

Foto: The Astronauts

SPIEGEL ONLINE: Wie originell ist "The Climb"?

Reisenegger: Der Name ist ziemlich simpel, ziemlich straight-forward. Der war wahrscheinlich nicht vergeben, weil Klettern ein unübliches Thema für Spiele ist.

SPIEGEL ONLINE: Mögen Sie "Destiny"?

Reisenegger: Ein sehr generischer Name, wie zum Beispiel auch "The Divison". So etwas kann man nur machen, wenn man jede Menge Marketing-Power hat. Dann kriegt man den Namen etabliert.

SPIEGEL ONLINE: Wie schlimm ist eine Zahl im Titel? "Fallout 4" kam gut an, aber würde eines Tages "Fallout 9" auch noch ansprechend klingen?

Reisenegger: Eine zu hohe Nummer schreckt ab. Ein neunter Teil wirkt schon verbraucht und nicht mehr so zugänglich. "Call of Duty" zum Beispiel setzt ja lieber auf Untertitel, Sportspiele mittlerweile eher auf Jahreszahlen. Nur "Final Fantasy" lebt irgendwie von der Zahl im Namen.

SPIEGEL ONLINE: Ein Kollege von mir sagte einmal, er fände es besser, wenn die "Assassin's Creed"-Spiele nicht mehr "Unity" oder "Syndicate" heißen würden, sondern die Stadt im Titel haben, in der sie spielen, etwa Paris oder London.

Reisenegger: Ich finde den Ansatz gut, aber nur für den Anfang oder wenn man wüsste, dass insgesamt nur vier Spiele oder so erscheinen. Schwierig wird es, wenn die Entwickler Szenarien wieder benutzen wollen: "Assassin's Creed: China 3" wäre uncool.

SPIEGEL ONLINE: Für wie sinnvoll halten Sie sprechende Namen wie "Omsi - der Omnibus-Simulator", "Landwirtschafts-Simulator" oder "Goat Simulator"?

Reisenegger: So ein Name nimmt ein wenig PR- und Marketingaufwand weg, weil die Leute wissen, was sie erwartet. Und Leute, die den "Landwirtschafts-Simulator" kaufen, wollen vermutlich tatsächlich nur einen solchen Simulator, kein verrücktes Spiel, da passt das. Und "Goat Simulator" klingt einfach dumm und lächerlich, das macht den Titel spannend.

SPIEGEL ONLINE: Welcher ist Ihr Lieblingsspielname überhaupt?

Reisenegger: "This War of Mine". Den Namen finde ich okay, man denkt an einen Shooter. Das Geniale ist aber der Untertitel: "In War, not everyone is a Soldier". Ein Satz und du weißt: ein ernstes Spiel, ein trauriges Spiel. Es geht nicht um Soldaten, es geht um alle anderen im Krieg.

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