Eröffnung der Gamescom Warten auf die Staatsmillionen

Wenn CSU-Staatsministerin Dorothee Bär am Dienstag die Gamescom in Köln eröffnet, wird die Branche genau hinhören: Viele Spieleentwickler wünschen sich etwas Revolutionäres von der Regierung.
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Als Angela Merkel im Jahr 2017 die Spielemesse Gamescom eröffnete, erfüllte sie alle Erwartungen der Branche: Sie lobte Spiele nicht nur als Kulturgut und griff selbst zum Controller, um eine Runde zu daddeln. Sie zog auch einen Schwarm anderer Politiker nach sich, die den spielebegeisterten Besuchern viel versprachen: Computerspiele sollten endlich gesellschaftlich anerkannt, E-Sport endlich auch olympisch und Spieleentwickler gefördert werden.

Nicht-Entwicklungsland Deutschland

Ein Jahr später gibt sich Felix Falk, Geschäftsführer des Branchenverbands game immer noch enthusiastisch: "Der Besuch der Bundeskanzlerin war ein tolles Signal für die Branche", sagt er dem SPIEGEL.

Tatsächlich hat Merkels Auftritt die Konversation im Land verändert: Warnten Politiker einst vor Killerspielen und monierten den Jugendschutz, sind Spiele mittlerweile ein Gradmesser für den IT-Standort Deutschland. Im Koalitionsvertrag haben sich Union und SPD verpflichtet, den Spieleentwicklern finanziell zu helfen und E-Sport als vollwertige Sportart anzuerkennen.

Hilfe kann die Branche gut gebrauchen. Zwar wurden in Deutschland allein im vergangenen Jahr 3,35 Milliarden Euro für Spiele und Konsolen ausgegeben - ein Plus von 15 Prozent. Doch wenn es um die Produktion von Spielen geht, ist Deutschland ein Entwicklungsland, oder besser gesagt: kein Entwicklungsland. Gerade einmal 5,4 Prozent der Ausgaben für Spiele landen wieder bei deutschen Studios. Der Arbeitsmarkt für Spieleentwickler schrumpft sogar. Waren 2015 noch etwa 12.700 Mitarbeiter direkt in der Spielebranche beschäftigt, sind es heute 1000 weniger. Grund dafür ist auch, dass sich die größten innerdeutschen Arbeitgeber auf Browser-Spiele konzentriert hatten, das Genre ist jedoch aus der Mode gekommen.

Staatliches Geld für Blockbuster

Der Bundesverband hat den Entwurf eines Games-Förderungsprogramms vorgelegt. 50 Millionen Euro jährlich soll der Bund bereitstellen, um Spieleentwickler zu fördern. Dabei soll ein Tabu fallen: Statt nur Start-ups und kulturell wertvolle Spiele zu fördern, soll es nun auch staatliches Geld für kommerzielle Blockbuster geben. So sollen internationale Konzerne motiviert werden, in Deutschland nicht nur Vertriebs-Niederlassungen, sondern auch Entwicklerstudios zu gründen.

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"Es geht bei der Förderung nicht primär darum, die Gewinne für Spiele-Unternehmen zu steigern, sondern Innovationen wie die Entwicklungen im Bereich künstlicher Intelligenz am Standort Deutschland zu fördern", sagt der Medienökonom Professor Jörg Müller-Lietzkow, Sprecher des CDU-nahen Vereins C-Netz. Die Annahme: Wenn die Spielebranche floriert, werden auch andere Branchen vom Innovationsschub profitieren.

Wann die Förderung jedoch Realität werden kann, ist unklar. Auf Anfrage erklärt das Bundesverkehrsministerium lediglich, dass man an der Umsetzung arbeite. Details gibt es nicht. Das Ministerium stellt lediglich in Aussicht, dass die Förderung bereits im kommenden Jahr beginnen könnte, sofern denn die Haushaltsmittel bereitgestellt werden.

"Das schadet dem Standort Deutschland"

Falk zeigt Verständnis - schließlich müsse die Bundesregierung neue Strukturen aufbauen. "Aber wir dürfen nicht mehr allzu lange warten, sonst hängen uns die anderen Länder noch mehr ab", warnt Falk. Schon heute habe Deutschland gegenüber Ländern wie Frankreich einen Kostennachteil von 30 Prozent.

Die Hoffnungen der Branche liegen auf der Digital-Staatsministerin Dorothee Bär, die in diesem Jahr anstelle der Kanzlerin die Gamescom eröffnen wird. Ob die CSU-Politikerin jedoch etwas erreichen kann, hängt nicht von ihr allein ab. So ist für das Förderprogramm das Bundesverkehrsministerium zuständig, für die Förderung des E-Sports hingegen muss sie im Innenministerium vorstellig werden.

In dem Punkt macht die Opposition pünktlich zur Gamescom Druck. So hat die FDP-Bundestagsfraktion einen 49 Punkte umfassenden Fragenkatalog an die Bundesregierung geschickt, in dem die Parlamentarier Aufklärung darüber verlangen, wie es denn um die Anerkennung des E-Sports stehe. "Es wurde im vergangenen Jahr viel versprochen - bisher herrscht aber seitens der Bundesregierung Funkstille", klagt die Bundestagsabgeordnete Nicola Beer. So konnten internationale E-Sport-Teams zu großen Turnieren nicht nach Deutschland einreisen, weil ihnen Visa verweigert wurden. "Das schadet dem Standort Deutschland", sagt Beer.

Olympia muss warten

Auch wenn die Bundesregierung den E-Sport anerkennen möchte - bei den Sportverbänden stößt der Plan auf Widerstand. Zwar haben erste Fußball-Bundesligisten eigene E-Sport-Teams gebildet. Doch hier werden vorwiegend Sportspiele wie FIFA gespielt. First-Person-Shooter wie der E-Sport-Klassiker Counter-Strike sind für manche Sportfunktionäre keine Option, für E-Sport-Fans jedoch unverzichtbar.

Zuletzt traf IOC-Präsident Thomas Bach in Lausanne mit Vertretern des E-Sports zusammen, doch er schickte sie mit einer Absage nach Hause: "Wir haben eine rote Linie, wenn es um eine Aktivität geht, bei der es um die Verherrlichung von Gewalt oder Diskriminierung geht", erklärte Bach. Über die Aufnahme von E-Sports in die Olympischen Sportarten könne sein Nachfolger entscheiden. Das hieße, dass E-Sport wohl frühestens in zehn Jahren olympisch werden kann. Für die schnelllebige Szene wäre das eine Ewigkeit.

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