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16. August 2012, 06:44 Uhr

Spielemesse Gamescom

Die kostenlosen Spiele kommen

Von , Köln

Bei den Spieleherstellern zeichnet sich eine Revolution ab. Giganten wie Electronic Arts oder Ubisoft sind bereit, ihre Games zu verschenken. Das Modell stammt aus Asien, Erlöse wollen die Firmen durch virtuelle Waren erzielen. Manche halten das für die einzige Hoffnung der Branche.

Es sind für diese Branche höchst ungewohnte Sätze zu hören bei der Gamescom 2012. Zum Beispiel dieser hier, von Peter Moore, leitender Geschäftsführer bei Electronic Arts (EA): "Viele Leute spielen heute gratis, und das ist völlig in Ordnung."

Gratisspielen, das löste hier bis vor kurzem vor allem zwei Assoziationen aus: Werbe-Demos neuer Spiele und illegale Kopien teurer Game-Software. Plötzlich aber ist die Branche bereit, ihre Produkte zu verschenken - in der Hoffnung, dass die Spieler dann für Abkürzungen, Spielgegenstände oder besondere Fähigkeiten doch zahlen werden. "Vermutlich bezahlt sogar nur eine Minderheit", sagt der Chef des großen Publishers Ubisoft, Yves Guillemot, "aber das macht nichts." Vorbild sind die Erfolge, die sogenannte Free-to-play-Titel (Free2play) in Märkten wie Korea und China schon seit Jahren feiern. Und die Geschäftsmodelle von Social-Gaming-Firmen wie Zynga oder Wooga, die ebenfalls Geld erst dann nehmen, wenn der Spieler sich das Spielen etwas leichter machen will.

Crytek wechselt vollständig zu kostenlosen Spielen

Manche glauben sogar, dass das alte Modell eines teuren Blockbuster-Titels, der für viel Geld produziert und dann als Datenträger oder Download verkauft wird, seinem Ende entgegengeht. "Ich halte langfristig nichts von sogenannten Retail Games", sagt etwa Cevat Yerli, einer der Gründer und Köpfe des erfolgreichen deutschen Spielestudios Crytek, "also Spielen, für die man 50 Euro bezahlen muss".

Dabei steht Crytek bislang genau für die Art von Blockbuster-Titel, die Yerli jetzt selbst dem alten, im Auslaufen begriffenen Modell zurechnet. Man selbst werde drei noch in der Entwicklung befindliche Titel, die regulär in den Handel kommen sollen, zu Ende entwickeln, darunter "Crysis 3". Danach will Crytek nur noch Free2play-Spiele entwickeln, Spiele für die Generation der digital sozial Vernetzten, aber hochwertiger als das, was man bei Facebook und anderswo derzeit als Social Game serviert bekommt. "Warface", der erste Titel dieser Art, ist in Russland schon auf dem Markt, noch in diesem Jahr soll er in Westeuropa starten.

Die drei Yerli-Brüder haben in koreanischen Internetcafés ein Spielverhalten beobachtet, dass sie für wegweisend halten: Gruppen von Freunden, die gemeinsam von einem Spiel zum nächsten springen, sich dabei und danach unterhaltend über das, was sie da gerade erleben. "Die Spielweise der Koreaner ist klipp und klar die Zukunft, und das wollten wir virtuell abbilden", sagt Yerli.

Endlich Daten!

Mittelfristig soll die eigene Onlinespiel-Plattform namens GFace eine Art Publishing-Plattform werden, ein iTunes für Online-Spiele gewissermaßen. Crytek will Werkzeuge für Entwickler zur Verfügung stellen und ihnen einen Marktplatz bieten - für eine Provision, versteht sich. Das Spielestudio soll zur Spieleplattform werden. Bei EA, das bislang als Publisher für Cryteks Spiele auftritt, sieht man das naturgemäß mit einer gewissen Skepsis - auch wenn das natürlich niemand laut sagt. Die Yerlis sollten das ruhig einmal ausprobieren, sagt Moore.

Eine wichtige Rolle spielt bei all diesen Plänen die Möglichkeit, mit reinen Online-Spielen viel mehr als bislang über das Spielverhalten einzelner Spieler zu erfahren. "Metrics-based development" oder schlicht "Telemetrie" nennen die Social-Game-Entwickler das, und diese Messwerte wollen auch die alten Branchengrößen jetzt dringend haben, um sie in die Entwicklung einfließen zu lassen. Wer tut in einem Spiel wann was und wie lange? Wie kann man die Spieldauer erhöhen, wie ein Spiel fesselnder machen - und wie dafür sorgen, dass möglichst viel Geld ausgegeben wird? Alle großen Publisher haben mittlerweile Onlineplattformen, bei denen man sich anmelden und am besten mit seinen Freunden verbinden soll, lauter Spiele-Facebooks, die Origin (EA) oder UPlay (Ubisoft) heißen.

Sony zweifelt an der Tragfähigkeit des Modells Free2play

Nicht alle glauben an eine Zukunft, in der Spiel erst einmal kostenlos sind und man dann für Sonderbehandlung bezahlt. "Die Tragfähigkeit muss sich in diesem Bereich noch unter Beweis stellen", sagt etwa Uwe Bassendowski, Deutschlandchef von Sonys Konsolengeschäft, "deshalb sind wir dort noch nicht aktiv".

Activision, derzeit größter Videospielhersteller der Welt, versucht sich jetzt an einem Free2play-Titel - aber nur in China. Dort wird es ein "Call of Duty" geben, das über im Spiel erworbene Gegenstände und andere Boni finanziert werden soll. Ob das aber auch ein Modell für den europäischen und den US-Markt ist, da ist sich Activisions Publishing-CEO Eric Hirshberg noch nicht sicher: In diesen Märkten habe Free2play längst nicht das gleiche Gewicht wie etwa in Asien. Ob man selbst solche Modelle auch im Westen anbieten werde, sei noch völlig offen.

Bei Ubisoft und EA ist man zwar längst nicht bereit, den harten Schnitt zu machen, den die Yerli-Brüder für Crytek planen. Aber sowohl Moore als auch Guillemot sind der festen Überzeugung, dass Free2play, Mini-Abos, günstige Mobilspiele und klassische Blockbuster-Spiele künftig allesamt zum eigenen Geschäftsmodell gehören werden. "Die Plattform mit dem größten Wachstum für uns ist Free2play", sagt Moore. Aber er ist sich gleichzeitig sicher: "In fünf Jahren werden wir immer noch Datenträger verkaufen."

Das alte Modell zu Grabe tragen will in der Branche, die damit über die Jahre viel Geld verdient hat, naturgemäß niemand. Wenn im nächsten oder übernächsten Jahr nach Nintendo auch Sony und Microsoft neue Spielkonsolen auf den Markt bringen - werden die sich denn überhaupt noch verkaufen? "Ja", sagt Yves Guillemot von Ubisoft, "ich glaube sogar, sie werden sich noch besser verkaufen." Durch die neuen Plattformen, die Telefone, die Tablets, Free2Play-Modelle, wachse die Zielgruppe derzeit: "Diese Modelle erweitern den Markt hin zu mehr Kunden." Und die, so die Hoffnung, werden dann auch High-End-Spiele auf den Rechenboliden der nächsten Generation spielen wollen, in Verbindung mit Spielerweiterungen fürs Tablet oder Smartphone, "Cross-Platform" ist eins der Zauberwörter dieser Gamescom 2012.

Auch wenn die durchschnittliche Spielminute für den Konsumenten derzeit dank Apps für 99 Cent, kostenlosen Spielen und anderen Angeboten zweifellos preiswerter wird, da stimmen die Spitzenmanger der Branche zumindest in ihrer Hoffnung überein, werden die Umsätze ihrer Branche nicht schrumpfen. "Wir haben jahrelang darauf gewartet, den Massenmarkt zu erreichen", sagt Guillemot. Nun sei es endlich soweit. Etwa eine Milliarde Menschen weltweit spiele heute Computer- und Videospiele. Außerdem, auch da ist man in der Branche in demonstrativer Zuversicht vereint, sorgen die neuen Spielmöglichkeiten zwar für niedrigere Preise, erweitern aber den Anteil am Zeitbudget, der aufs elektronische Spielen entfällt.

"Ich spiele heute viel mehr auf meinem iPad", sagt EA-Manager Peter Moore. "Aber ich spiele auch mehr als je zuvor."

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