Auftaktshow zur Gamescom 246 Milliliter Pipi und etwas AAA

Die Gamescom ist mit einer neuen Liveshow gestartet: auf Englisch, live gestreamt. Die Blockbuster-Spiele ließen das Publikum kalt. Den meisten Applaus bekamen Ehrengast Hideo Kojima und seine urinierende Spielfigur.

Was raus muss, muss raus: Szene aus "Death Stranding"
Gamescom Opening Night Live

Was raus muss, muss raus: Szene aus "Death Stranding"

Aus Köln berichtet


Ist das deutsche Publikum schon müde und gelangweilt, oder ist es immer so wenig euphorisch? Solche Fragen und Gedanken machten am Montagabend in Gaming-Foren die Runde, als dort über die neue Auftaktshow der Spielemesse Gamescom diskutiert wurde, die "Gamescom Opening Night Live".

Jeder Entwickler, der nur für ein Kurzinterview angereist war, jeder erstmalig gezeigte Spieletrailer wurde vom Kölner Publikum zwar höflich beklatscht. Ekstase im Saal aber blieb aus - anders als es das Netzpublikum von den Produktshows rund um die US-Messe E3 gewohnt ist, wo Besucher mitunter so ausflippen, dass ihnen unterstellt wird, dafür bezahlt worden zu sein.

In Köln hingegen kam die englischsprachige Show ganz ohne Musik-Acts und Pomp, aber auch ohne allzu viele Emotionen aus. Erst ganz zum Schluss erhob sich das Publikum von den Stühlen. Da bat Gastgeber Geoff Keighley die japanische Branchenlegende Hideo Kojima ("Metal Gear") auf die Bühne.

Kojima bekam gleich noch einmal Szenenapplaus, als die Hauptfigur seines nächsten Spiels "Death Stranding" auf Tastendruck exakt 246 Milliliter Urin in eine Science-Fiction-Welt abließ. Im Netz registrierte man die Funktion amüsiert, genau wie die Reaktion vor Ort.

Nicht jedes AAA-Spiel kam gut an

Zuvor waren binnen zwei Stunden gut zwei Dutzend Videospiele verschiedener Hersteller präsentiert worden, darunter Sonys noch am selben Abend veröffentlichter interaktiver Thriller "Erica", anstehende Neuerscheinungen wie "Gears 5" und "Borderlands 3", aber auch Games, die erst 2020 oder 2021 auf den Markt kommen - wie "Everspace 2", ein Weltraumspiel vom Hamburger Indie-Studio Rockfish Games.

Bei ungefähr der Hälfte der Spiele gab es Gameplay-Szenen zu sehen, beim Rest nur Hochglanzvideos. Die Genre-Bandbreite reichte von Strategietiteln wie "Iron Harvest" vom Bremer Studio King Art bis zum spanischen Horrorspiel "Gylt", das exklusiv für Googles Streamingdienst Stadia erscheint.

Die meisten Neuankündigungen waren mäßig spektakulär und oft nur für Fans bestimmter Spieltypen interessant, wie die zweiten Teile zu "Kerbal Space Program" und "Litte Nightmares". Unterm Strich kamen solche Enthüllungen vor Ort aber besser an, als Infoschnipsel zu bereits bekannten AAA-Games, den Blockbuster-Spielen also. Das neueste Material zu "Fifa 20" und "Call of Duty: Modern Warfare" etwa schien dem Publikum ziemlich egal zu sein.

Mutiger Versuch

Für die Gamescom war die Liveshow eine Premiere, und zwar eine durchaus mutige wie insgesamt gelungene, denn deutsche Spielegalas hatten bislang meist nicht einmal in Deutschland große Strahlkraft. Der Deutsche Computerspielpreis 2019 etwa machte nur wegen einer Menge beschämender Bühnendialoge Schlagzeilen. Und auch die Gamescom-Eröffnungen der Vorjahre waren für Spieler weitgehend uninteressant, meist blieben nur skurrile Fotos von Politikern neben Spielfiguren in Erinnerung.

Angela Merkel auf der Gamescom 2017
DPA

Angela Merkel auf der Gamescom 2017

Felix Falk, der als Chef des Branchenverbands game auch die Gamescom mitverantwortet, hatte dem SPIEGEL vorab gesagt, mit der neuen Eröffnungsnacht wolle man konsequent eine international ausgerichtete Show produzieren, "eine Show rein für die Community". Das ist gelungen. Über Twitch wurde der Stream immerhin mehrere Hunderttausend Mal aufgerufen - und von "Endgame" bis zu "PvEvP" fielen allerlei teils fürs Marketing erfundene Fachbegriffe.

Unterm Strich wirkte die Show allerdings überfüllt. Quasi in den Atempausen zwischen Trailern und Kurzinterviews wurden noch sogenannte Gamescom-Awards verliehen. Das wirkte ungefähr so würdevoll, wie wenn ich Ihnen im nächsten Nebensatz bescheinige, dass Sie mein Leser des Jahres sind. Für einen Extra-Absatz ist keine Zeit, sorry.

Gastgeber Geoff Keighley
Gamescom Opening Night Live

Gastgeber Geoff Keighley

Manche Gewinner bekamen ihre Preise nicht einmal überreicht, sondern wurden von Geoff Keighleys Co-Moderatorin Sydnee Goodman nur verlesen. Das verwunderte, kennt sich Keighley doch eigentlich mit Preisverleihungen aus - in den USA veranstaltet er die "Game Awards", eine in der Branche durchaus angesehene Gala.

Ein anderes Publikum

Der größte Unterschied zwischen der Kölner Gala und den E3-Shows in den USA war indes die Zusammensetzung des Publikums: Auf der E3 sitzen fast nur Fans der gastgebenden Spielfirma oder des Konsolenherstellers im Publikum, neben den jeweiligen Mitarbeitern. Kein Wunder also, dass dort manche wegen jeder noch so mittelspannenden Ankündigung durchdrehen.

Die "Gamescom Opening Night Live" dagegen war eine herstellerübergreifende Show, rund tausend Tickets dafür wurden frei verkauft. Was genau sie vor Ort erwarten würde, wussten die Kartenkäufer vorab nicht.

Dass gegen Kojima alles andere nur wie ein Warm-up wirkte, lag auch an der Regie. Der Besuch des Branchenstars war viel pompöser inszeniert als die anderen Auftritte teils namhafter Entwickler. Im Anschluss an die Videotrailer wurden sie vom Moderator mit zwei, drei Fragen, sowie immerhin stets begeistert klingenden Kommentaren zu ihren Spielen abgefertigt.

Die mit Abstand meiste Zeit bekam so Ehrengast Kojima. Der zeigte dem Publikum zwei neue Charaktere aus "Death Stranding" und bestätigte, dass Urinieren im Spiel auch als Waffe genutzt werden kann. Hurra.



insgesamt 6 Beiträge
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Msc 20.08.2019
1.
Keighley kündigt Mensch von Activision an für Call of Duty, macht eine Pause für den Applaus... absolute Totenstille. "Now we are going to talk about FIFA 2020" Pause für Applaus... ein vereinzeltes BUH schallt durch den sonst stillen Raum. Noch nie konnte man so stolz auf ein Publikum sein.
m82arcel 20.08.2019
2. Publikum
Ich persönlich finde die Euphorie eines US Publikums ehrlich gesagt immer ein wenig befremdlich - sei es bei der E3, bei Fernsehshows, Sitcom-Aufzeichnungen, usw. Man gucke sich beispielsweise mal das Publikum bei Oprah und Co an: das ist doch anders als durch eine Kombination aus Drogen und Alkohol kaum zu erklären. Insofern würde ich die Qualität der Gamescom-Show (ohne sie gesehen zu haben) nicht unbedingt daran messen. Dass inhaltlich nichts übermäßig Spannendes zu erwarten ist, war aber ja auch im Vorfeld klar. Schon die E3 war recht unspektakulär, da alle Welt auf die neue Konsolen-Generation wartet.
HevoHo 20.08.2019
3. Kasperletheater
Ich selbst bin PC- und Konsolenspieler aus Leidenschaft und das auch unabhängig davon dass ich mittlerweile keine 20 mehr bin... Aber diese Gamescom schreckt mich nur noch ab. Wenn ich auf eine Mess gehe, möchte ich mich in Ruhe über die Produkte informieren, diese evtl. auch testen falls möglich und mir einen Überblick über den Markt verschaffen, was man eben auf einer Messe so macht. Die Gamescom dagegen ist einfach nur ein Kasperletheater mit "Opening-Nights" oder "Liveshows", irgendwelchen "Awards" und sonstigen "Entertainment" nach US-Vorlage. Die restliche Zeit ist es dann so unglaublich überfüllt u.a. durch Leute die von irgendwelchen Youtube-"Stars" Autogramme wollen, dass das ganze mit einer Messe endgültig nichts mehr zu tun hat. Würde man sich wieder auf die Ursprungsidee einer Messe besinnen, wäre ich sehr gerne als zahlender Gast dabei...
gossenphilosoph 20.08.2019
4. Immer die gleichen Konzepte ...
... das Problem der PC Spiele Entwickler sind das seit den Tagen des C64 sich die Spiele Konzepte nicht wirklich weiter entwickelt haben. Sie werden in manchen Titeln kombiniert, sind graphisch immer aufwendiger aber wirkliche Neuerungen gibt es seit Jahren nicht mehr. Das war früher anders als die wachsende Leistungsfähigkeit der Computer immer neue Umsetzungen der Spieleideen ermöglichte. Dazu kommt das immer noch Spiele auf den Markt kommen die Bugs beinhalten. Damit nimmt die Begeisterung natürlich auch nicht gerade zu. Mich wundert es nicht, das die Zuschauer so kühl reagiert haben, für das Geld das man einsetzen soll bekommen Sie ein unfertiges Produkt das maximal aufwendiger ist, in Graphik und/oder Umfang, jedoch eine alte Spielidee aufweist. Wer da begeistert ist mag sich für die aufwendige Graphik begeistern, jedoch nicht für eine neue faszinierende Spielidee - und warum sollte ich mir für viel Geld ein Spiel kaufen das ich schon besitze und das ich trotz seiner Bugs liebgewonnen habe? Das die amerikanische Gesellschaft mehr auf Oberfläche als auf Inhalt ausgerichtet ist, erklärt die Begeisterung für die neuen Graphiken.
ItchyDE 20.08.2019
5.
#4: wenn man nur auf die sogenannten AAA Titel schaut dann mag das stimmen aber zum Beispiel das genannte Kerbal Space Program und viele andere Indie-Titel zeigen sehr wohl, dass es noch frische Ideen gibt, die auch noch lang nach Release weiter gepflegt werden und damit meine ich nicht Bugfixes.
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